7 Jahre Sesshaftigkeit

Diese Story ist im Grunde eine Art Fortsetzung für all diejenigen, die unsere bisherigen Abenteuer gerne verfolgt haben und nun wissen wollen, wie es danach weiter gegangen ist. Kurz gesagt: Wir reisen weiterhin, bzw. schon wieder. Doch zwischen unserer großen Overlandreise und dem zweiten Start ins Reiseleben haben wir eine ziemlich große Lücke im Lebenslauf unserer Reisekarriere. Wir haben nämlich lange versucht uns sesshaft zu machen, und sind am Ende gescheitert …

Nach unserer Rückkehr aus Australien (2018) waren wir voller Übermut und Tatendrang. Unser Ziel war es einen Ort aufzubauen, das wir Zuhause nennen können, und gleichzeitig darin die Welt des Reisens zu integrieren, in welcher wir uns zuvor ziemlich heimisch gefühlt haben. Nicht weit hergeholt ist da die Idee vom eigenen Campingplatz.

Ist ja auch logisch, nachdem wir in den vielen Jahren unterwegs unzählige Campingerfahrungen gesammelt haben. Nicht nur, dass wir selbst genau wussten, welche Orte naturverbundene Overlander, wie wir es waren, am liebsten anfahren – auch hatten wir während unserer Reisen unzählige Campingplätze in verschiedenen Ländern angeschaut. Studiert, was uns gefällt und was nicht und interessante Konzepte aufgeschnappt. Jedenfalls wussten wir inzwischen genau, was ein Campingplatz unserer Träume wäre. So wurde aus dieser Idee zunächst ein Traum, und bald darauf aus dem Traum die Tat.

Kauf der Fellbergbaude

Im Winter 2020 fanden wir die Fellbergbaude zum Verkauf, eine alte geschlossene Gaststätte mitten im Thüringer Wald. Eine wunderschöne grüne Lichtung gehörte ebenfalls zum weitläufigen Gelände. Als wir während der Besichtigung bei ungemütlichen Temperaturen und Schneematsch mitten auf dieser Wiese standen, hat sich der zukünftige Campingplatz vor unseren Augen quasi wie von selbst ausgemalt.

Da uns das alleine zu teuer wäre und das Projekt generell zu groß, waren wir froh, ein befreundetes Paar mit ähnlichen Absichten bereits als Mitstreiter zu haben. Zu viert kauften wir die Immobilie mit Hilfe eines Bankdarlehens. Und so stürzten wir uns mit vollem Körpereinsatz in diesen neuen Lebensabschnitt.

Von Hürde zu Hürde

Während an uns Corona-Lockdowns, die Energiekriese und der Ukraine-Krieg vorbeizogen, arbeiteten wir fleißig an der Errichtung unseres Traumcampingplatzes. Die Einheimischen haben uns zunächst immer wieder gefragt, ob wir „Aussteiger“ wären. Wir erwiderten dann lachend, dass wir doch eher die „Einsteiger“ sind, und zwar von der absoluten Freiheit zum Eigentum und einem Business im Tourismus.

Unser größtes Glück war es, dass die Gemeinde unseren Vorhaben wohlwollend gegenüberstand. Und so konnten wir uns sogar für Förderprogramme bewerben. Insgesamt wurden wir Fremde von der Bevölkerung mit offenen Armen aufgenommen, was uns zugleich motivierte, aber auch etwas unter Druck setzte. Denn wir wollten es den Menschen danken, indem wir unsere Ideen möglichst schnell umsetzen, damit sie den für die Region beliebten Ausflugsort endlich wieder nutzen konnten.

Gleichzeitig setzten uns die bereits erwähnten Krisen viele Stolpersteine in den Weg, insbesondere finanzieller Natur. Dazu gesellten sich ein paar persönlichen Lebenskrisen. Und dann noch der ganze Bürokratiewahnsinn – alles dauerte länger, als gedacht.

Wir merkten oft, dass wir bei der Umsetzung kräftemäßig weit über unsere Grenzen kamen. Doch wir wollten es unbedingt durchziehen, also haben wir uns jedes Mal, wenn wir eigentlich nicht mehr konnten, zusammengerissen und weiter gemacht. Zwar haben wir angefangen uns gegenseitig Reisepausen einzuräumen, um für ein oder zwei Monate Abstand zu gewinnen, doch die Batterie wurde inzwischen nur noch sehr langsam voll. Schließlich leisteten wir wahre Pionierarbeit.

Gefühlt tagtäglich gab es kleine und auch große Katastrophen zu regeln, sei es bei den Baustellen, im Privaten oder innerhalb unserer Gemeinschaft. Ich ertappte mich immer wieder bei einem Gedanken:

„Sobald das überstanden ist, wird es bestimmt besser, nur noch kurz durchhalten …“

Die Realität jedoch zeigte sich anders. Als würden wir Brände löschen, die immer wieder von neuem und/oder an einer anderen Stelle entfachen.

Pflicht vs. Freiheit

Während uns unterwegs die Leute immer wieder fragten, wie wir uns so eine Langzeitreise leisten können, verstand ich diese Frage jetzt noch weniger. Wie können sich die Leute das Leben in Deutschland leisten, insbesondere mit einer Immobilie und einem Kredit an der Backe?

Die Redewendung „Eigentum verpflichtet“ hatte ich wohl zum ersten Mal so richtig begriffen. Ich muss mich aufopfern, um dieses Eigentum zu sichern, immer wieder kämpfen um es zu erhalten, und fürchte doch stets es zu verlieren. Besitz macht nicht frei, es versklavt mich. Zumindest in dieser Größenordnung.

Eigentlich haben wir uns mit dem Versuch uns sesshaft zu machen mehr Freiheiten erhofft. Während wir unterwegs durch unseren Aufenthaltsstatus als Touristen quasi immer zum Weiterreisen gezwungen waren, hatten wir uns einen Ort gewünscht, von dem uns keiner verjagen kann. An den wir immer wieder zurückkehren könnten. Ein Safespace und Wohlfühlort sozusagen.

Dass wir uns nun womöglich das absolute Gegenteil davon errichten, nämlich ein Gefängnis, das haben wir nicht kommen sehen. Zumindest ich habe das immer häufiger so wahrgenommen und fragte mich zunehmend, ob es wirklich das war, was wir wollten. Und wozu das Ganze?

Umbruch

Als das andere Pärchen das gemeinsame Projekt aus dringenden persönlichen Gründen verlässt, werden genau diese Fragen erneut aufgeworfen. Machen wir alleine weiter oder wächst uns die Verantwortung nicht ohnehin schon über den Kopf? Könnten wir neue (fremde) Leute ins Boot holen, damit Arbeit und Kosten wieder auf mehreren Schultern verteilt sind? Das wollen wir nicht, denn das Risiko ist uns zu groß, dass eine Partnerschaft mit Unbekannten schiefläuft und die „besseren Zeiten“, die immer wieder in die Ferne rücken, vielleicht auch dann nicht kommen. Also beschließen wir das Projekt zu verkaufen.

Unsere Verkaufsanzeige geht genau in dem Moment raus, als der nun fertige Campingplatz tatsächlich in die erste Saison eröffnet. Über ein Jahr lang empfangen wir sowohl begeisterte Campinggäste, als auch motivierte Teams, die unsere Fellbergbaude übernehmen wollen.

Auch das ist eine überaus anstrengende Phase, doch glücklicherweise hat diese Geschichte ein Happy End. Wir finden tolle Nachfolger, die mit frischen Ideen kommen, viel Motivation mitbringen und unsere Vorarbeit mit Wertschätzung betrachten. Auch eine lokale Bank schaffen sie mit ihrem Konzept zu überzeugen, und um die Mitte des Jahres 2025 unterschreiben wir den Kaufvertrag.

Sind wir nun traurig darüber, dass wir diesen Ort, an dem wir so lange gewirkt und gearbeitet haben, verlassen?

Ja und Nein, denn wir haben es an ganz tolle Leute übergeben, die inzwischen zu Freunden geworden sind. Diesen Ort, an den wir immer wieder gerne zurückkehren, den haben wir also doch noch gefunden, auch wenn auf einer anderen Weise, als wir ursprünglich dachten. Es bleibt ja ein Ort, an dem wir etwas hinterlassen durften, und der nur deswegen in dieser Form existiert. Wir müssen ihn nicht besitzen, um uns dort willkommen zu fühlen. Das Gefühl geben uns die Menschen, die dort leben.

Immer wieder also, wenn wir in Deutschland sind, werden wir diese eine Anlaufstelle anfahren – für eine kurze oder auch längere Zeit. Unser kleiner Naturcampingplatz mitten im Wald, und diese Gegend ist uns sehr ans Herz gewachsen. Besuche auch du die Fellbergbaude, vielleicht sehen wir uns ja mal dort!?