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Alles Roger in Kambodscha?

Kambodscha

Asien 2014-2016

Nach unserer einmonatigen Reisepause und einem Gesamtaufenthalt von 4,5 Monaten in Thailand wird es endlich wieder Zeit ein neues Land zu erkunden. Schon so manche Geschichten sind uns zu Ohren gekommen, die Kambodscha nicht immer positiv beschreiben, aber natürlich wollen wir uns auch diesmal ein eigenes Bild machen. Nur irgendwie fällt es uns merklich schwer, unvoreingenommen zu bleiben. Bittere Armut, hohe Kriminalität, grausame Geschichte und doch die freundlichsten Menschen in Asien? Wir sind sehr gespannt.

Kurz vor der Grenze sind wir schon recht aufgeregt und fahren noch für einen Tag an einen einsamen Strand, wo bereits die „Bullis“ (wie wir sie nennen) campen. Schon in Bangkok haben wir mit Sandra und Markus ausgemacht, einige Streckenabschnitte in Kambodscha gemeinsam zu reisen. Hier können wir nochmal kurz durchatmen und zusammen Pläne schmieden, bevor es losgeht. Da unser Visum ausläuft, müssen wir diesen schönen Ort leider viel zu früh verlassen und fahren als erste rein. Die Beiden mit dem Bulli werden uns erst einige Tage später einholen.

Übergangsphase

Schon an dem Grenzüberagang zeigt es sich, dass hier die Korruption groß geschrieben wird. Ein Grenzhelfer will uns die unnötige Hilfe andrehen, lässt sich jedoch freundlich abwimmeln. Anders die Beamten – sie verlangen eine Phantasiesumme für das Visum und belegen den geforderten Preis mit gefälschten Unterlagen, ausgedachten Wechselkursen und einer immerhin offiziellen Uniform. Blauäugig lassen wir uns verarschen und reisen für einen Monat in das Unbekannte, wo wir sogar kurzzeitig vergessen, dass es wieder Rechtsverkehr gilt. Normalerweise merkt man die Fahrtrichtung schnell durch die anderen Verkehrsteilnehmer. Doch dem Nachahmungsprinzip zu Folge wäre hier jede Fahrtrichtung recht.

Abgesehen davon ist unser erster Eindruck eigentlich positiv: die Menschen wirken freundlich, es wird viel Englisch gesprochen und das Preisniveau scheint nocht etwas niedriger zu sein als in Thailand. Und selbst der berüchtigte Straßenverkehr ist erträglich, zumindest wenn man, so wie wir, die gute alte Kairo-Fahrschule hinter sich hat. Eigentlich ist der Verkehr auf den Landstraßen so gut wie gar nicht vorhanden. Meistens sind Mopedfahrer auf der Straße, denn Autos können sich nur die Wenigsten leisten, doch genau die sind eine ernste Gefahrenquelle: zu fünft auf zwei Rädern ist keine Seltenheit, auch Kinder sieht man ständig am Steuer, es wird überholt, geschnitten und gehupt, was das Zeug hält. Während man in Thailand durchaus erleben kann, dass jemand zwei Ampelphasen verpennt und alle derweil hinten dran geduldig warten, wird hier schon vorsorglich ein Hupkonzert eröffnet. So ist das Autofahren in Kambodscha (insbesondere in Städten) mit relativ viel Stress verbunden, woran man sich aber gewöhnen kann.

Über eine lange, fast neue Straße, die sich wunderschön durch den Dschungel schlängelt, fahren wir zu unserem ersten spontanen Ziel, nach Shianoukville, ein vom Tourismus geliebter Badeort. Gerüchten zu folge erfreut sich insbesondere der Otres-Beach einer besonderen Beliebtheit bei den Overlandern – bis zu 20 Reisemobile sollen dort in der Hochsaison stehen. Das hört sich doch nach dem perfekten Ort dafür an, das Stadtleben gegen den Strand zu tauschen und auf die Bullis zu warten. Doch leider scheint die Overlander-Saison gerade vorbei zu sein: an dem schönen Strandabschnitt stehen wir alleine. Egal, wir haben ohnehin was zu tun, nämlich endlich unsere neue Geschäfts-Webseite online nehmen, die in der Schlussphase wegen Ellens Krankengeschichte zum erliegen gekommen ist. So nehmen wir uns lieber ein nettes Zimmerchen mit Toilette, Wifi und einem Hinterhofparkplatz für unseren Defender, welches zu einer abgeschiedenen Bungalowanlage ganz am Ende des Otres-Beach 2 gehört. Hier hoffen wir unsere Ruhe zum Arbeiten und Regenerieren zu finden.

Kambodschanischer Zimmerservice

Noch ist die Regenzeit nicht vollständig angebrochen. Tagsüber herrscht eine brütende Hitze mit einer enormen Luftfeuchtigkeit. Diese Nacht ist besonders unruhig. Als wir ins Bett gehen, bahnt sich leise eine Gewitterfront an. Das erste mal wachen wir auf, als wir endlich den kühlen Regen laut auf das Strohdach prasseln hören. Das zweite mal hören wir die Hunde bellen, doch das nehmen wir nur im Halbschlaf wahr. Das dritte Mal steht die Tür zu unserem Bungallow sperrangelweit offen und wir sofort senkrecht im Bett. „Sag mir bitte, dass DU die Tür aufgemacht hast, weil es zu heiß war!“ – „Nein, das war ich nicht [Denkpause]… Scheiße, unsere Sachen!!!“

Tatsächlich, wir wurden ausgeräumt! Die Tasche von Jonas samt Autoschlüssel und Geldbeutel, darin die Visakarte, 200 frisch abgehobene Dollar und noch ca. 9000 übriggebliebene thailändische Baht (ca. 200 €). Das ist echt nicht wenig; Scheiße! Und die Dokumententasche – die brauchten wir doch gerade noch für Grenzübergang und Zimmerbuchung – darin unsere Pässe mit den Visa, Führerscheine, Autopapiere und der Ersatzschlüssel fürs Auto! FUCK! Komischerweise sind unsere Laptops noch da – wahrscheinlich hat der Dieb nur schnell danach geschnappt, was er zwischen die Finger kriegen konnte, und das alles während wir schliefen! Wie konnten wir das nicht hören? Wir rennen auf die Straße, doch vergeblich, es ist niemand zu sehen. Wir wecken die Besitzer, machen ihnen klar, dass wir gerade ausgeraubt wurden. Polizei rufen. Visakarte sperren. Hin und her laufen wir und fassen uns an den Kopf. Es ist vier Uhr nachts. Auch die Betreiber der Anlage sind erschrocken, so etwas sei bei ihnen noch nicht passiert, erzählen sie uns. Sie laufen mit den Taschenlampen um die Zimmer, versuchen den Weg des Eindringlings zu finden. Und dann direkt hinter unseren Bungalow finden Sie ein Häufchen mit unseren Sachen, in den nassen Boden getrampelt.

Natürlich waren das Geld und die Visakarte nicht dabei, das hat der Gute mitgenommen. Wir sind nur froh um unsere Dokumente, denn die Wiederbeschaffung von allen Sachen hätte sicherlich noch mehr an Geld und Nerven verschlungen. Wir ärgern uns fluchend über die Reihe dummer Zufälle, die dazu geführt haben, dass wir so viel Knete und all die wichtigen Papiere an einem so unsicheren Ort hatten, bei uns. Nach der monatelangen thailändischen Gelassenheit sind wir wohl viel zu unvorsichtig geworden. Dabei wurden wir doch von anderen Reisenden gewarnt! Manche Dinge begreift man eben nur, wenn man sie am eigenen Leib erfährt. Zumindest können wir froh darüber sein nicht vorher aufgewacht zu sein, so hatte der „freundliche“ Dieb überhaupt die Zeit das Diebesgut nach für ihn relevanten Dingen aus zu sortieren. Uns bleibt nichts anderes übrig, als uns mit dem Verlust abzufinden.

Dahin, wo der Pfeffer wächst

Trotz des Überfalls wollen wir zunächst noch einige Tage in der gleichen Unterkunft bleiben. Wir geben uns einen Ruck, reden uns ein, dass es höchst unwahrscheinlich wäre, am selben Ort erneut überfallen zu werden, doch es bringt nichts. Hier fühlen wir uns angreifbar, verletzlich. Wir lesen tausende Horrorgeschichten im Internet, erfahren von der korrupten Polizei, die dich in solchen Situationen als Schuldigen hinstellt (und sind froh den Polizeieinsatz wieder abgeblasen zu haben). Wir verbarrikadieren uns nachts im Zimmer, schlafen sehr unruhig und können den eigentlich schönen Ort überhaupt nicht genießen. Als wir in der übernächsten Nacht die Hunde einer anderen Anlage bellen hören, beschließen wir aufzubrechen – und zwar dahin, wo der Pfeffer wächst, nach Kampot.

Ja, genau, Kampot ist die Stadt die für den Pfefferexport weltweit bekannt geworden ist. Der Weg dorthin ist nicht weit und von Laura haben wir eine Empfehlung für ein nettes Guesthouse außerhalb der Stadt, wo sie sich nach ihren schlechten Erfahrungen in Phnom Penh erholen konnte. Es ist genau das Richtige für uns, um sowohl den Schock zu verdauen, als auch der verschobenen Arbeit nachzugehen. Wir genießen die Zeit in dem ländlichen Gebiet und bekommen langsam wieder Vertrauen in die sehr freundlichen Kambodschaner. Genau hier holen uns auch Sandra und Markus wieder ein, mit denen wir unseren einzigen Ausflug in die eigentliche Stadt unternehmen. Natürlich kaufen wir dort Pfeffer.

Viel gibt es in der Stadt selber nicht zu sehen, doch die Umgebung scheint spannend zu sein. Wir fahren in den angrenzenden Bokor Hill Nationalpark, welcher sich als Plateau auf 1000 m über dem Meeresspiegel erstreckt. Dort finden wir, abgesehen von der gigantischen Aussicht über die kambodschanische Küstenlinie, einige verlassene oder teilweise sanierte Gebäude, die Anfang des 20. Jh. von den französischen Kolonialbehörden errichtet worden waren. Trotz einiger Touristen und dem neuen chinesischen Casino ein paar Kilometer weiter herrscht eine Geisterstadt-Atmosphäre. Insbesondere als die Wolken immer tiefer ziehen und die dem Verfall geweihten Bauten einhüllen. Schon faszinierend, warum so ein paar Ruinen solch einen Reiz auf die Menschen ausüben – vielleicht zeigen sie uns unserer eigene Vergänglichkeit? Wir jedenfalls freuen uns sehr zum ersten Mal seit über einem halben Jahr einen Pullover zu tragen, denn auf dieser Anhöhe weht uns ein „eisiger“ Wind in die Gesichter. Unser Lager schlagen wir dann doch lieber weiter unten auf: nach einer Stunde hatten wir im Prinzip auch schon genug davon zu „frieren“.

Zwei weitere Tage Campen wir am Fuße des Berges und genießen die schöne Natur. Leider scheint eine hartnäckige Wolke darin fest zu hängen, die uns immer wieder starke Regenschauer bringt – scheinbar eine typische Witterung für diesem Ort. Zwar kühlt der Regen die Temperatur auf erträgliche Maße runter, aber wer will schon den ganzen Tag im Auto hocken – immerhin ist unser Wohnzimmer draußen, und das können wir bei dem starken Regen nicht benutzen. So ist es entschieden: wir verbinden die Weiterreise mit etwas Nützlichem und fahren nach Phnom Penh zwecks Visumantrag für Thailand.

Die tiefen Abgründe von Phnom Penh

Ellen findet im Internet ein Hotel mit den Kriterien „nicht weit von der Thailändischen Botschaft“, „günstig“, „Klimaanlage“ und „Hinterhofparkplatz“, welches wir direkt anfahren können, ohne uns im Hauptstadt-Verkehr zu verlieren. Unser erster Eindruck von Phnom Penh lässt sich kurz umreißen: verwahrlost, zerlumpt und chaotisch. Auch zum dem Hotel passen diese Adjektive leider, doch es ist ja nur für kurze Zeit und immerhin haben wir unsere Autos sicher. Als nächstes wird für den Visumantrag recherchiert, wobei uns klar wird, dass wir bei der Botschaft wohlmöglich keinen Erfolg haben werden. Zu viele Sachen werden von uns verlangt, die wir nicht liefern können.

Scheinbar ist Kambodscha so dermaßen korrupt, dass sich das so offen praktizieren lässt: Visum in „nur“ 4 Tagen? – das kostet; Passfoto zu klein? – das kostet; ihr habt kein Rückflugticket? – dann müsst ihr zu einer Agentur, sonst geht es nicht! Wie bitte? In Laos haben wir die Thai-Visa am nächsten Tag von der Botschaft abholen können, ohne irgendwelche Extra-Würste. Wir schonen lieber unsere Nerven und suchen eine Visums-Agentur auf, die in einen Motorrad-Verleih integriert ist. Doch auch hier müssen wir eine Woche Wartezeit in Kauf nehmen, wenn wir lieber Geld sparen wollen. So lange wollen wir natürlich nicht in diesem stinkenden Moloch bleiben. Wir schlendern durch die Straßen, sitzen am Ufer des Tonle Saps wo dieser in den Mekong mündet und besuchen den „Russischen Markt“, bevor wir für eine Woche der Stadt entfliehen. Leider müssen wir wieder kommen.

Ja, Kambodscha hat viele Probleme, welche uns die Hauptstadt wie ein Mahnmal vor die Augen hält. Alles scheint einen Kontrast zu bilden. Die luxuriösen Einrichtungen werden mit einem ausgiebigen Mauerwerk und Stacheldraht von der weit verbreiteten Armut abgetrennt. An die Wand der Villa ist eine fensterlose Blechhütte gelehnt, in der ganze Großfamilien ihre Existenz bestreiten. Neben der geschätzten halben Million Mopeds fahren keine ausrangierten Fahrzeuge – nein, es sind eher wenige, jedoch erstklassige SUVs. Muss man sich denn nicht abschotten, hinter den dicken Zäunen verstecken, wenn man scheinbar so viel mehr hat? Die Zeitung ist voll von Kriminalfällen, einige sind durchaus in der armen Schicht anzusiedeln. Doch die schlimmsten Meldungen, die uns ernsthaft erschüttern, werden von Ausländern verübt. Wir lesen von Drogendelikten und Geldwäsche, Menschenhandel und Kinderpornografie. Kambodscha scheint ein Schlaraffenland für kriminelle Energien zu sein und Phnom Penh dessen Abgrund. Ein TukTuk-Fahrer verkauft nebenbei Touren zu Schießplätzen, wo man als Spaß eine Granate abwerfen könne. Nein, er mag eigentlich auch keine Waffen aber die Touristen mögen das. Es scheint, als könnte man sich hier mit genügend Geld alles kaufen: Visa, Waffen, sexuelle Erfüllung, jeden Spaß ohne Konsequenzen, und im Zweifelsfall auch seine Unschuld. Nach den letzten Erhebungen des Corruption Perceptions Index belegt Kambodscha den Platz 156 von 175 und ist somit eines der 20 korruptesten Länder der Welt.

Am Ufer des Mekongs

Für eine knappe Woche fahren wir weiter Richtung Norden. Gerade mal 250 km sind es bis Kratie, ein kleiner Ort am Ufer des Mekongs, doch dank des unübersichtlichen Verkehrs benötigen wir den ganzen Tag für diese Strecke. Kurz vor dem Städtchen finden wir eine Wiese zwischen den Feldern und Bauerndörfern am Flussufer. Hier, wieder in der Natur, gefällt es uns. Wir bleiben ein paar Tage. Es scheint, als wenn es den Menschen auf dem Land besser geht. Oder es zeigt sich uns zumindest so vom Straßenrand. Hier gibt es das einfache Landleben: die Häuser sind aus Holz und auf hohen Stelzen gebaut, es wird viel Reisanbau und Viehzucht betrieben. Anscheinend stehen wir auf dem Land von solch einem Viehzüchter. Er kommt jeden Tag mit seinen Kühen vorbei und hängt ein bisschen mit uns zusammen ab. Er hat wenig Zähne und zerlumpte Kleidung, aber irgendwie scheint es ihm recht gut zu gehen. Natürlich wissen wir nicht, wie es wirklich um ihn steht, denn unterhalten können wir uns nicht. Nach zwei Tagen kann er jedenfalls den vorbeilaufenden Nachbarn schon einiges über „seine Ausländer“ erzählen. Wir hätten hingegen einiges dafür gegeben zu erfahren, was er wirklich über uns denkt.

Bald haben wir wieder etwas Tatendrang und fahren in das Städtchen, weil es an dem Bulli von Sandra und Markus etwas zu Schrauben gibt. Ein ebener Boden wird gebraucht und ein Ort, wo die Autos so lange stehen können. Schnell ist ein Hotel gefunden, dessen großer Parkplatz im Hinterhof als Hotelwerkstatt zweckentfremdet werden kann. Jonas hat den beiden seine Hilfe angeboten. Während also Markus und Jonas an dem VW basteln, wollen Sandra und Ellen shoppen gehen – ein großer Markt im Zentrum wurde bereits gesichtet. Doch haben sich die beiden das etwas anders vorgestellt. Sie kommen mit leeren Händen zurück, anscheinend gab es dort nur Kleider für kambodschanische Frauen.

Was das zu bedeuten hat? Schon öfter ist uns aufgefallen, dass bei der Durchschnittsbevölkerung Schlafanzüge in Mode sind, und zwar als Alltagskleidung. Doch wie kommt dieser Trend zu Stande? Stehen die wirklich auf den „figurbetonten“ Pyjama-Schnitt und die bunten kindgerechten Muster? Jetzt wissen wir es. Was man auf dem lokalen Markt entdeckt, will man nicht mal in die Nähe seiner Haut lassen: Polyester, Plastik, Polyacryl. Klein, eng, offenherzig. Oder eben als Alternative ein Schlafanzug, den es in jeder Größe gibt. Hätten wir keine andere Wahl, würden wir uns wohl auch für die kuschligen Nachthemdchen entscheiden – immerhin sind sie aus Baumwolle. Das kann doch nicht alles sein? Denn nicht selten sind wir an großen Textilfabriken vorbeigefahren. Es ist doch bekannt, dass Kambodscha ein großer Textilhersteller ist. Große Marken wie H&M, Levi's, Nike, Puma und Adidas lassen hier ihre neusten Kollektionen produzieren und nicht mal die B-Ware landet bei der Bevölkerung? Nicht von dem ist hier zu finden, das alles ist natürlich nur für den Export bestimmt.

Eine Nacht vor den Killing Fields

Irgendwann müssen wir doch noch zurück in das staubige Loch, nach Phnom Penh. Da wir nicht nochmal in so ein stinkendes Hotel wollen, wie letztes Mal, übernachten wir innerhalb einer Tempelanlage in der Stadt. Am nächsten Tag holen wir unsere Pässe bei der Visa-Agentur ab. Es hat glücklicherweise alles geklappt, also schnell raus aus der Stadt. Doch eine Sache können wir nicht auslassen und fahren zu dem Ort, wo wir mit der Geschichte von Kambodscha unmittelbar in Berührung kommen. Die schreckliche Vergangenheit dieses Landes kann man nicht übersehen, sie steckt noch zu tief drin. Wenn man dieses Land bereist, fällt einem schnell auf, wie jung die meisten Menschen sind. In Zahlen ausgedrückt sind 35% der Bevölkerung unter 15 Jahren (und das bei einer recht hohen Kindersterblichkeit -> 45% der Kinder unter 5 Jahren 2008). Nicht die Armut, nicht die schlechte gesundheitliche Versorgung steckt hinter dieser demographischen Situation, sondern der Genozid, der vor nicht einmal 40 Jahren stattgefunden hat. Zwischen 1975 und 1979 starben unter der Schreckensherrschaft der Roten Khmer, angeführt von Pol Pot, mehr als 1,7 Millionen Menschen durch Zwangsarbeit, Hungersnot, Folter und Mord. Jeder, der nicht der gleichen Meinung, intelligent oder auch nur ein Brillenträger war, wurde als Regierungsfeind ermordet.

Wir stehen vor Choeung Ek, einem von über 300 „Killing Fields“, wo mehr als 17.000 Menschen ihr Leben ließen, die meisten von ihnen nach monatelanger Folter in Tuol-Sleng (Folter-Anstalt und Gefängnis von Phnom Penh). Es ist ein friedlicher Ort – jetzt, wo das Töten endlich ein Ende hat. Wir schlendern zwischen den ausgehobenen Massengräbern und hören uns die ganze Geschichte auf dem Audioguide an: Um Munition zu sparen, wurden die gefangenen mit Stöcken, Eisen- oder Bambusstangen erschlagen und erstochen, Kinder wurden gegen die Bäume geschlagen, bis sie starben. Noch immer kommen nach starken Regenfällen neue Knochensplitter, ganze Knochen, Zähne und Kleidungsstücke zu Tage. All das schaut direkt neben dem Weg, auf dem wir laufen, aus der Erde. Ein Stupa birgt 5000 Totenschädel, er soll als Gedenkstätte dienen.

Wir sind sehr bewegt. Das alles bietet viel Stoff zum Nachdenken. Warum wurde nichts unternommen, um den Massenmord zu beenden? Noch schlimmer – wie konnten die Roten Khmer bis 1998 von den Vereinten Nationen als legitime Regierung anerkannt werden? Insbesondere Amerika hat sich gegen die Vietnamesische Besatzung gestellt und diese Situation begünstig, aber auch Deutschland hat die Vertretung im Sitz der Vereinten Nationen anerkannt und bis zuletzt finanziert! Ist es nicht krass? Wie kann man die eigenen politischen Interessen so dermaßen über diese Ungerechtigkeit stellen? Wenn wir Menschen sehen, die in dem Alter unserer Eltern sind, dann wissen wir, sie haben es miterlebt. Wie tragisch war ihr Schicksal? Und auf welcher Seite standen sie? Kaum ein Kriegsverbrecher der Roten Khmer wurde bisher für die Gräueltaten zur Rechenschaft gezogen. Einige von ihnen sitzen sogar im neuen Parlament. Anscheinend können viele Zusammenhänge nicht mehr nachvollzogen werden. Wir übernachten auf dem Parkplatz vor den Killing Fields und schauen uns den gleichnamigen Film von 1985 an, den wir jedem empfehlen möchten.

Alles Roger in Kambodscha?

Alles, was hier passiert, die aktuelle Entwicklung, sehen wir als die weitläufige Auswirkung dieser schrecklichen Geschichte. So vieles wissen wir über den zweiten Weltkrieg, was aber hier geschah, und was hier geschieht, war für uns vollkommen unbekannt, bis wir hin gesehen haben. Wie kann man also die Frage beantworten? Ist jetzt in Kambodscha alles Roger, alles super und wunderbar? Früher zählte Kambodscha zu den Wohlhabenden, galt sogar als die Schweiz Südostasiens. Doch das war bevor die Roten Khmer und die Vietnamesischen Besatzer damit fertig geworden sind. Auf unserer Reise ist es jedenfalls das ärmste Land, und diesmal haben wir nicht den Eindruck, die meisten Menschen seien damit zufrieden.

Knapp die Hälfte der Bevölkerung arbeitet in Textilfabriken. Die Frauen, die unsere Kleidung nähen bekommen nicht mal 100 € im Monat, wovon sie meistens noch die ganze Familie ernähren. Wir können uns nicht wirklich vorstellen davon leben zu können, auch nicht in Kambodscha, doch für die Kambodschaner ist es das tägliche Brot. Wenn die Schere zwischen Arm und Reich so sehr aufklafft, wundert dann die Korruption? Wundern wir uns, dass wir überfallen werden? Ja, die 400$ haben uns richtig wehgetan, doch es war „nur“ unser halbes Monatsbudget. Der Dieb hat in einer Nacht ein durchschnittliches Halbjahres-Einkommen erbeutet. Das entschuldigt ihn nicht, aber bringt irgendwie Verständnis. Wir dürfen solche Schicksale nicht einfach ignorieren, aber was wollen wir schon tun?

Wir können nur hoffen, dass die Menschen hier eine bessere Zukunft erwartet. Denn eigentlich sehen wir sie nicht als Verbrecher und Kriminelle, sondern als Überlebenskünstler: sie improvisieren, erfinden, denken um. Wir denken da an die Näherinnen auf den Märkten, die Fernsehersalons, die Roller-Transporter, die Bretterbuden, die Handwerks-Produkte und die Pyjamas – sie machen wirklich etwas Eigenes. Unser Aufenthalt hier ist eigentlich ganz kurz, und doch sind wir um so viele Eindrücke reicher geworden. Dafür danken wir dir, Kambodscha. Unsere Reise durch dieses spannende Land ist hier noch nicht am Ende, dazu in naher Zukunft und einem neuen Bericht mehr.