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Burjatien und die Mongolei

Russland, Mongolei

Asien 2014-2016

Auf der Halbinsel Swjatoj Nos ist uns zum ersten Mal etwas begegnet, was wir im russischen Raum nicht erwartet haben zu finden: bunte Fähnchen und Stofffetzen, welche an scheinbar heiligen Orten angebunden sind. Diesen Brauch kennt man doch eigentlich aus dem Buddhismus – aber wir sind noch mitten in Russland! Nun, nicht ganz.

Tatsächlich Asien

Beinahe der gesamte östliche Teil des Baikalsees liegt in der Autonomen Republik Burjatien. In Zeiten des Dschingis Khan gehörte dieses Land zum Mongolischen Reich. Erst im 17. Jh. hat das Russische Reich sich dieses Gebiet einverleibt. Und die Mongolen selbst sind überwiegend buddhistisch (tibetische Ausprägung). Zwar ist es eine eingeführte Religion (zum ersten Mal ebenso zu Dschingis Zeiten), jedoch konnten die schamanistischen Bräuche und Feste aus den ursprünglichen Traditionen darin erhalten werden und der Buddhismus sich rasch ausbreiten.

Auf der Halbinsel fragen wir nach, was denn diese Schnitzerei mit den vielen Bändern auf sich hat: Es soll der Heilige Geist dieses Ortes sein. Wir müssen ihm Opfer darbieten, damit seine Kraft positiv auf uns wirkt und uns beschützt (hauptsächlich vor den dort lebenden Bären, wie wir hinterher erfahren). Bevor wir also in die Mongolei weiterfahren, bekommt der Geist von uns ein Stück Schokolade. Um aber nach den bereits geleisteten Opfergaben zu urteilen, sind ihm Zigaretten deutlich lieber.

Unsere Route durch Ulan Ude, der Hauptstadt Burjatiens, bringt uns erst wirklich das Gefühl tatsächlich in Asien angekommen zu sein. Dies liegt mitunter an der hohen Burjatischen Bevölkerungsdichte (Mongolisch-Asiatische Erscheinung) und an den überall sichtbaren Zeichen des Buddhismus.

Kloster Ivangilsk

Kurz nachdem wir Ulan Ude hinter uns gelassen haben, treffen wir auf der Tankstelle ein Rentner-Ehepaar in ihrem VW T3 Synchro: Christian und Edeltraud. Sie freuen sich uns zu sehen und strahlen über beide Ohren – es ist immer wieder ein Vergnügen Gleichgesinnte zu treffen. Bereits zum zweiten Mal bereisen sie Russland und die Mongolei. Sie geben uns den Tipp unbedingt noch das große buddhistische Kloster Ivangilsk zu besuchen, an dem wir auf dem Weg zur Grenze sowieso vorbei kommen. Wir fahren hin und beschließen auf dem Parkplatz zu übernachten, um am nächsten Tag noch der Messe beizuwohnen.

Als wir gerade die Aushänge durchlesen, steigt ein Mönch aus dem Taxi aus und bittet uns um 50 Rubel (~1 €), weil er nicht ausreichend dabei hat. Wir geben ihm die Knete, meinen er könne es behalten, doch er will bei uns keine (wahrscheinlich karmischen) Schulden hinterlassen. Wir sollen ihm folgen, bis er das Geld aufgetrieben hat. Irgendwann findet er den nötigen Groschen und wir werden noch in ein Gespräch verwickelt.

Unter anderem erzählt er uns darüber, dass die Buddhisten versuchen, die geschichtlichen Ereignisse und Persönlichkeiten (z.B. Stalin, Hitler) aus einem völlig anderen Blickwinkel zu betrachten. Er heißt die damit verbundenen Geschehnisse in keinster Weise gut, findet auch nichts Positives an den Personen selbst, doch haben wir das Gefühl, dass er die Geschichte sehr anders ergründet. Denn glaubt man an die Karma-Gesetze und betrachtet es rein philosophisch, fängt man an andere Fragen zu stellen. Außerdem interessiert ihn, wie wir in Deutschland, im besiegten Land, leben. Er empfindet es so, dass man eigentlich in Russland wie der Verlierer lebe. Wir erwähnen die Konsum- und Ellenbogengesellschaft als die zweite Seite der Medaille des scheinbar idealisierten europäischen Lebensstandards. Eine sehr spannende Unterhaltung.

Bunte Morgenstimmung

Als wir am Morgen die Messe besuchen, sind wir sehr beeindruckt. Wir treten ein in eine bunt bemalte Tempelanlage – überall sind Statuen und Figuren, Bilder und Malereien von Buddhas und anderen Gottheiten, die man als Religions-Laien, wie wir es sind, eher aus dem Hinduismus kennen zu glaubt. In der Mitte sitzen buddhistische Mönche in zwei Reihen zueinander gewandt und sprechen Gebete im Chor. Sie bilden das Zentrum des Raumes, man darf im Uhrzeigersinn um sie laufen, jedoch nicht um sie zu bestaunen. Die Aufmerksamkeit soll den Abbildungen von verschiedenen Lamas, auch des aktuellen Dalai Lama, gewidmet sein, die an der gegenüber liegenden Seite des Raumes platziert sind. Wir setzen uns hin, beobachten das Geschehen und lauschen der rhythmischen Rezitation. Dabei haben wir das Gefühl fast in Trance zu verfallen, wäre nicht alles so außergewöhnlich beeindruckend. Die männlichen tiefen Stimmen der Mönche und die Texte, die sie aussprechen, erzeugen eine Schwingung, die durch den ganzen Körper geht und den Raum erfüllt.

Es ist keine Touristenattraktion. Das Kloster ist regulär im Betrieb. Menschen kommen zum Beten, bringen Opfergaben in Form von Geld, Milch, Süßigkeiten, etc. Wir beobachten, wie man zur Vollendung des Rundgangs zunächst allen Göttern und Lama-Bildnissen eine Kleinigkeit spenden muss. Danach darf man sich aber auf keinen Fall mit dem Rücken zu ihnen drehen – man muss rückwärtsgehen. Wahrscheinlich stellen wir uns dabei ganz schön ungeschickt an, da wir bei jedem Schritt nach hinten schauen. Im Anschluss laufen wir noch durch das große Gelände mit den vielen Tempelanlagen und drehen so viele Gebetsmühlen, wie wir finden.

Am Ausgang werden noch diese bunten Seidentücher verkauft. Wir fragen, wie es „funktioniert“: Die Fähnchen sind an das Geburtsjahr geknüpft, je nach Jahr haben sie unterschiedliche Farben; die Tücher sind dagegen nach Themengebieten gefärbt. Weiß steht für Reinheit und Weisheit, Gelb ist die Lieblingsfarbe des Buddhas, Rot bringt Familienglück. Wir kaufen ein blaues, das für Gesundheit steht und hängen es weit oben an einen Ast am Baum in der Tempelanlage auf. Unser Wunsch lautet: Viel Kraft und Gesundheit für Jonas Oma, die gerade wieder sehr krank geworden ist.

In der Mongolei!

Vollgetankt mit Energie und schönen Eindrücken fahren wir zur mongolischen Grenze. Die Prozedur geht erstaunlich schnell von statten. Dabei haben wir so viel Schlechtes von diesem Übergang gehört. Wir werden von allen (insbesondere von Mongolen) vorgelassen, bekommen bei der kurzen Wartezeit ein Mongolisch-Crashkurs, werden überall weiter geschickt, wenn wir hilflos aussehen und schließlich läuft sogar ein älterer Beamter mit uns herum, um alle Stempel zu sammeln. Nach nur anderthalb Stunden sind wir tatsächlich in der Mongolei. Wow – wenn nur alles in dieser Welt so unkompliziert wäre!

Auf einer der wenigen Asphaltstraßen fahren wir in die Hauptstadt Ulan Bator. Alsbald wir das Grenzgebiet verlassen haben, sind wir nur noch am Staunen: Die Weite, mit Gras bedeckten Hügel, riesige Herden Ziegen, Kühe und Pferde, die über die Steppe (und nicht selten über die Straße) ziehen, hier und da ein paar wenige Jurten. Irgendwie unglaublich, dass wir es gerade mit den eigenen Augen sehen! Wie kann es sein, dass nach dem überqueren einer von Menschen ausgedachten Linie das Landschaftsbild tatsächlich so anders sein kann? Auch die Stimmung hat sich spürbar verändert – es wohnt hier einfach eine andere Volksseele.

Wir legen eine Fahrpause ein, um die ersten Eindrücke zu verarbeiten und fragen uns, ob es wohl Christian und Edeltraud auch so schnell über die Grenze geschafft haben. Als wenn man vom Teufel spricht, stehen sie auch schon neben uns. Fortlaufend fahren wir immer wieder aneinander vorbei, weil wir dasselbe Ziel haben. Dann merken wir, dass wir heute wohl nicht mehr ankommen und beschließen gemeinsam ein Nachtlager hinter einen Hügel aufzuschlagen.

Die beiden haben in ihrem Leben schon sehr viele Orte bereist. Wir sind sehr überrascht darüber, wie vital und junggeblieben sie sind. Nicht nur, dass sie in dem Alter (76 und 65) noch die gleiche Art zu Reisen bevorzugen, wie wir Jungspunte; auch die Gespräche, die wir miteinander führen, geben uns das Gefühl, sie seien in den Köpfen nicht älter als wir, lediglich etwas reifer und erfahrener. Bewundernswert!

Eine kleine Oase in der Stadt

Da wir uns noch zu ungeschickt mit unserem neuen Navigationsprogramm anstellen, sind wir froh, dass die Beiden den Weg zum Oasis Guesthouse kennen. Dort wollen wir uns mit Sandra und Markus treffen, mit welchen wir in einer Gruppe China bereisen wollen/müssen (siehe Pland D). Jedenfalls fahren wir bis zum Oasis hinter dem T3 Synchro her – gerade in der riesigen versmogten Stadt eine wirkliche Hilfe.

Die Mongolei ist mit einer Fläche von über 1,5 Mio km² ca. fünf Mal so groß wie Deutschland. Die geschätzte Einwohnerzahl ist mit 2,6-2,9 Mio dagegen sehr gering. Auf dem Land herrscht große Fluktuation, so dass tatsächlich weiteste Landzüge beinahe menschenleer sind. Wenn man bedenkt, dass ca. 1,5 Mio Mongolen alleine in Ulan Bator leben, kann man sich vorstellen, wie bedrängt und schmutzig diese graue Stadt auf uns wirkt, nachdem wir tagelang nur weite grüne Landschaften durchstreift haben.

Das Oasis Guesthouse wurde von einem deutsch-österreichischen Paar gegründet und ist nun ein Treffpunkt von Reisenden aus ganz Europa. Ganze sechs Tage verbringen wir an diesem Ort der Erholung, das wirklich eine Oase inmitten der Stadt ist. Wir können Wäsche waschen, am Auto schrauben, Aufräumen, einfach mal irgendwo sein, ohne sich um die Grundbedürfnisse zu kümmern. Einfach durchatmen und alles in Schuss bringen. Außerdem treffen wir noch ein Fahrzeug aus unserer Chinatruppe: Markus und Belinda aus den Niederlanden. Selbst ohne die restlichen Teilnehmer der Gruppe zu kennen, können wir uns nun vorstellen, dass wir eine super Gruppe bilden und freuen uns endlich auf die Chinareise (vorher waren wir doch etwas skeptisch).

Zwei wichtige organisatorische Dinge können wir in dieser Zeit von unserer Liste abhaken: Wir beantragen das China-Visum und schicken alles nötige per Post weg, um unser Auto abzumelden. Unnatürlich blinken nun die sauberen Ersatznummernschilder an unserem verstaubten Auto. Außerdem feiern wir Ellens Geburtstag im Oasis. Bis spät in die Nacht sitzen wir mit Sandra, Markus und Philipp (ebenso Reisender) am Tisch mit einigen 2l-Pullen Bier, bis Jonas irgendwann die Geburtstagstorte auspackt.

Letztendlich haben wir einen Plan geschmiedet, was wir in den 16 Tagen bis China machen wollen: wir wollen die Zentralmongolei erkunden. Oasis, wir kommen wieder, doch nun brechen wir auf in das Abenteuer Mongolei, zum ersten Mal seit unserem Aufbruch in Deutschland fahren wir in Richtung Westen. Somit wird endlich Jonas rechter Arm entlastet und für kurze Zeit Ellens linker zu Tode gebräunt.