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China: Was zwischen den Zeilen passiert

China

Asien 2014-2016

Umwelt

Sobald wir die Grenze überschreiten, merken wir, dass zwei benachbarte Länder kaum kontrastreicher sein könnten. Bereits nachts wird dies deutlich. Blickt man bei Nacht über die Grenzstadt der Mongolei, Zamiin-Uud, so sieht man höchstens vereinzelte Lichter und ein karges Grau. Blickt man hingegen nach Erenhot, der Chinesischen Grenzstadt zur Mongolei, leuchtet der Nachthimmel orange. Schon faszinierend, was zwei Länder aus ein und derselben Wüste gemacht haben. Plötzlich, obwohl noch mitten in der Wüste Gobi und lediglich einige wenige Kilometer weiter, sind wir in einer chinesischen Kleinstadt. Alles ist begrünt und perfekt präsentiert. Neue Gerüche und Geräusche prasseln auf uns ein, die nicht wider zu geben sind. Erneut finden wir es schade, dass wir unseren Berichten noch keine Geruchsproben beifügen zu können, während an uns geräuschlos die elektrischen Mopeds vorbei fahren.

Lassen wir unsere gesamte China-Reise Revue passieren, können wir generell sagen, dass die Landschaften wirklich wunderschön und einzigartig sind. Wir hätten niemals gedacht, dass China so gebirgig ist und so viel Wald hat, da doch alle (natürlich zurecht) von Überbevölkerung reden. Viele Landschaften können wir leider nur erahnen, da wir tagelang in einer Smogwolke fahren. Unser Guide sagt, es sei Nebel, aber irgendwie können wir es ihm nicht glauben – normaler Nebel verhält sich deutlich anders, verändert sich und riecht auch nicht so nach Abgasen. Von Fahrradreisenden haben wir von schwarzen Seen gehört, die komplett von der Industrie verpestet worden sind. Spannend ist, dass man zu diesen überhaupt keine Informationen im Internet findet. Auch das Grundwasser wird verschmutzt. Die Regierung untersagt sogar ernsthaft das Fotografieren von Umweltverschmutzungen, anstatt das Verschmutzen selbst – vermutlich dürfen wir viele unserer Fotos überhaupt nicht speichern?

Auf der einen Seite sehen wir unfassbar schmutzige Industriegebiete und andererseits erleben wir, dass die Chinesen sich wahnsinnig stark um erneuerbare Energien bemühen. Wir sehen unglaublich viele Windräder aufgestellt, fast jeder hat einen Elektro-Roller oder ein Elektro-Fahrrad und auch E-Autos sind zu Hauf vertreten. Selbst die normale Straßenlaterne präsentiert sich als eine autarke Einheit mit eigenem Windrad und Solarzelle. Und es werden an jeder Ecke neue Bäume gepflanzt. Die 1,3 Milliarden Chinesen, die 1/7 der Gesamtbevölkerung ausmachen, sind in den Ballungszentren versammelt. Selbst ein kleines Dorf kann eine Einwohnerzahl in Millionenhöhe erreichen. In der Hauptstadt Peking wohnen 20 Millionen Menschen, in Xi’an sogar 40 Millionen. Wir hören von Regionen, in denen 100 Millionen Menschen angesiedelt sind – unglaublich, denn so viele Einwohner hat ganz Deutschland nicht! Wo so viele Menschen sind, gibt es auch natürlich viel Müll und Verschmutzung. Doch die Problemzonen Chinas sind natürlicherweise nicht Teil unserer von der Regierung abgesegneten Route.

Es ist echt hart ein Rockstar zu sein

Wer schon immer das Leben eines Rockstars kennenlernen wollte, mit Fans und Paparazzos, der fährt einfach nach China. Dort braucht man nichts weiter zu tun, als ein Weißbrot zu sein. Abgesehen von Peking (und wahrscheinlich auch Shanghai), wo viele Ausländer nicht nur zu Besuch kommen, sondern auch leben und arbeiten, kennt man uns Bleichgesichter wohl nur aus dem Fernsehen, wenn überhaupt. Unser Guide erwähnt immer wieder, dass die meisten Chinesen noch nie einen Ausländer gesehen haben. Und anscheinend ist es in Asien alles andere als ein Verbrechen seine Neugier zu zeigen. Sie versammeln sich in Trauben um unsere Autos, bleiben lange stehen, schauen sich alles an und wollen mit uns zusammen fotografiert werden. Und selbst mit der schlechtesten Stimmung wird man ihre Frage nach einem Foto kaum verneinen, einfach weil sie viel zu lieb dafür sind. Wir wollen gar nicht wissen, wie viele hunderte Fotos von uns im Chinesischen Internet kursieren. Wir waren sogar in der Zeitung – kein Scherz!

An das ganze Blitzlicht-Gewitter muss man sich erstmal gewöhnen. Nicht nur, dass wir auf jeder Straße, die wir fahren, alle paar Kilometer von stationären Blitzern fotografisch erfasst werden, wozu auch immer – irgendwie gruselig – nein, auch hier finden wir keine Ruhe vor den Paparazzos! Für ein Foto von uns blockieren sie gerne die Überholspur und halten unsere Geschwindigkeit für ein ausgiebiges Shooting. Da natürlich auch der Fahrer die neuesten Bilder auf seinem Telefon braucht, verbringt niemand in dem neben einem fahrenden Fahrzeuge mehr die Zeit damit, sich auf die Straße zu konzentrieren. Des Öfteren muss Jonas waghalsige Ausweichmanöver starten, nur weil ein Paparazzi fast die Kontrolle über sein Fahrzeug verliert, um einige Fotos von Bleichgesichtern in China zu sammeln. Insgesamt scheint diese Gedankenlosigkeit auf den gesamten Fahrstil der Chinesen übertragbar zu sein. Man sieht sie oft mitten auf dem Highway für eine Pinkelpause anhalten oder sogar rückwärtsfahren, wenn sie mal wieder die Ausfahrt verpasst haben. Nicht selten erinnern wir uns an Deutschland – „Wir unterbrechen Michael Jackson nur kurz für eine Gefahrenmeldung. Achtung auf der A81 in Richtung Stuttgart zw. Ausfahrt Zuffenhausen und dem Dreieck Leonberg, ein Geisterfahrer befindet sich auf der Fahrbahn. Ich wiederhole, ein Geisterfahrer befindet sich auf der A81 zw. Ausfa …“.

Da wir blöderweise während der Nationalen Chinesischen Feiertage einige der bedeutendsten Sehenswürdigkeiten anfahren, können wir an unserem eigenen Leib erleben, wie es ist ein Rockstar zu sein. Egal wo wir parken, fahren oder laufen – wir werden umzingelt von stets lächelnden und freundlichen Chinesen. Egal welchen Touristenort wir auch anfahren – wir sind immer die größte Attraktion. Des Öfteren kamen wir in den Genuss, eine Live-Koch-Show in unserem Auto zu veranstalten. Vielleicht sollen wir langsam tatsächlich anfangen etwas zu verkaufen – egal was es ist, wohlmöglich würde es funktionieren.

Chinesische Feiertage

Jedes Jahr, zur Feier der Gründung des kommunistischen China, bekommen alle Chinesen eine Woche frei. Alle? Von wegen! Das Klischee, dass sie in ihrer Freizeit mit Spiegelreflex-Kameras ausgerüstet, Busreisen unternehmen, können wir bestätigen. Doch es ist nur eine bestimmte Gesellschaftsschicht, die es sich leisten kann. Die High Society erkennt man an ihren Audis und Porsches. Sie erkennt man daran, dass sie sich ohne Murren die Eintritte für die ganzen Sehenswürdigkeiten leisten, die selbst für uns absurd teuer sind. Sie zahlen ohne bedenken, nur um für ein Foto die Hand mit der Kamera an den Schultern der anderen vorbei zu strecken. Das Alltagsleben geht währenddessen ungehindert weiter. Tankstellen und Lebensmittelläden sind geöffnet, der einfache Handwerker schweißt, mauert und hämmert fleißig, jeder Reis- oder Maisbauer steht auf seinem Feld. Wir fragen uns, wie es sein kann, da doch alle frei haben. Andy antwortet, die Menschen machen Geschäfte und können auf diese Weise viel Geld in kurzer Zeit einnehmen. Danke, das ist auch für uns offensichtlich. Aber ob die Straßenkehrer auf dem Highway in diesen Tagen ein besonders gutes Geschäft machen, ist fraglich. Für uns scheint es so, als wenn die vielen Kleinen arbeiten müssen, damit die wenigen Großen Urlaub machen können.

Der einzige positive Effekt, den wir den Feiertagen abgewinnen können, ist, dass für die Benutzung des Highways während der gesamten sieben Tage keine Gebühren erhoben werden. Bei den vielen Brücken und Tunnels, die es zu durchfahren gibt, sehen wir eine von Trucks überfüllte Bergstraße auch nicht als Alternative. So zahlen wir auch nach den Feiertagen die hohen Summen gerne bzw. sehen keine Alternative, da wir tagtäglich unzählige Kilometer zurücklegen müssen. Und diese Highways sind supermodern, gleichzusetzen mit der deutschen Autobahn. Nur eine Sache erinnert uns irgendwie an George Orwell’s „1984“: Die netten Damen an den „Toll-Gates“, wo die Knete kassiert wird, wirken wie kleine gehirngewaschene Flugbegleiterinnen des Highways. So aufgesetzt wirkt die Freundlichkeit und die einstudierten Gesten, dass wir uns manchmal Fragen, ob sie nicht wohlmöglich Roboter vom Typ Toll-Doll sein könnten.

Landrover vs. Landcruiser

Noch einen Schwank über das Leben auf der Straße können wir erzählen. Es die Geschichte, in der ein Defender-Fahrer (also Jonas) einem Landcruiser (einem der drei aus unserer Gruppe) das Radlager tauscht. Nur die Eingeweihten aus den Landrover-Kreisen werden diesen Witz auf Anhieb verstehen und nun schelmisch grinsen. Für alle anderen kommt hier eine kurze Aufklärung: Ein Landrover, insbesondere der Defender, gilt in Landcruiser-Kreisen als sehr unzuverlässig. Viele von ihnen meinen, am Landcruiser würde NIE etwas kaputt gehen und dass es am Defender hingegen stets etwas zum Schrauben gibt. Zugegeben, wir hatten auch kurze Probleme mit der Elektrik, eine Feineinstellung am Kupplungsgeberzylinder vorzunehmen und ein Steinchen zwischen Steinschlagschutz und Bremsscheibe zu entfernen, aber das sind doch nur die kleinen Wehwechen, die das Leben schöner machen.

Na gut, wir wollen auch nicht weiter darauf rumreiten. Letztendlich gibt es eine gute Zusammenarbeit zwischen allen Parteien, sodass die Gruppe nach fünf Stunden Straßenrand-Werkstatt von Robi, Markus und Jonas weiter fährt. Dass wir also dank Jonas profimäßig mit Werkzeug ausgerüstet sind, macht sich schon jetzt bezahlbar. Nebenbei bemerkt ist dieses, mit der Steckachse verschmolzene, Radlager für Jonas die schönste Sehenswürdigkeit in China.

Die täglichen Dinge des Lebens

In China müssen wir zum ersten Mal unsere ganzen Alltagsgewohnheiten auf den Kopf stellen, nicht nur wegen des vorgegebenen Kulturprogramms. Chinesisches Essen ist bekannt dafür, besonders lecker zu sein und das ist es auch. Doch pflegen die Chinesen drei warme Mahlzeiten am Tag einzunehmen, woran wir uns bis zum Schluss nicht gewöhnen können. In Russland und sogar noch der Mongolei haben wir es geschafft, weiterhin Brotmahlzeiten zu gestalten, in China soll sich das aber endlich ändern. Es gibt kein richtiges Brot – nur in Scheiben geschnittenes toastähnliches Nichts und wir sind bereits froh, wenn wir derartiges in nicht gesüßter Form finden. Selbst wenn Jonas ein ganzes Brot zum Frühstück verzehrt, bleibt er hungrig. Sowieso gibt es ja auch nichts zum Belegen – eine Horrorvorstellung für alle Frühstücksliebhaber! Als das letzte Stück Gouda aus der Mongolei nach einer Woche China aufgebraucht ist, trauert Jonas sehr lange. Doch gleichzeitig ist es die Zeit des Überboard-Werfens von Gewohnheiten, es fängt beim Gouda an und hört beim Euro3-Diesel auf (vom Euro5 mussten wir uns schon in Sibirien verabschieden), so gehen wir mit unserem Fahrzeug durch dick und dünn. Nun denn, dann schütten wir eben Plörre in den Tank und gewöhnen uns an Omelett zum Frühstück – was immerhin für uns keine schlechte Alternative ist.

Aber auch sonst gibt es allerlei Eigenartiges zu essen, was das Chinesische Restaurant um die Ecke dem Deutschen lieber vorenthält. Einmal bestellen wir das, was auf dem Nachbartisch lecker aussieht. Und es ist wirklich fabelhaft – bis Ellen ein angebissenes Hühnerauge wieder ausspuckt. Naja, Augen zu und durch, es schmeckt ja. Manchmal sieht man auch frittierte Insekten, wie Larven, Käfer und Heuschrecken auf den Märkten. In den Läden kann man lebendige Riesenfrösche und Schildkröten aus den Aquarien auswählen (Ja, zum Essen!). Leider haben wir nicht wirklich Appetit darauf, zu frisch noch die Hühneraugen-Erfahrung. Und zu guter Letzt dürfen in keinem Kiosk die eingeschweißten Hühnerfüße fehlen. Auch diesen Snack lassen wir getrost liegen.

Was muss ein Mensch also noch, außer Essen? Richtig! Das war oft ganz schön abenteuerlich und insbesondere eine Situation ist in unserer Erinnerung hängen geblieben. Wir verbringen mit der Gruppe einen Tag am Lugu-See, welcher doch recht gut für den Tourismus erschlossen ist (wie alles, was wir anfahren). Dort stehen wir bereits seit dem Vorabend auf einem Parkplatz. Das ist der erste fahrfreie Tag seit Peking, den wir uns redlich verdient haben. Die Toilette im Nachbarrestaurant hat komischerweise schon ab 16 Uhr geschlossen, also geht unsere 10-köpfige Gruppe im Feld hinter den Büschen pinkeln (und manch einer auch mehr) – was muss das muss. Um nach den Papiertücher-Vorkommen zu urteilen, sind wir sowieso nicht die ersten. Am Abend kommt plötzlich ein aufgebrachter Chinese, als wir gerade unseren Frieden mit einigen Harbin-Bier feiern. Er meint, es sei sein Privatgrund und er hätte alles ganz genau gesehen: Wir waren im seinem Feld kacken. Wir fragen uns, ebenso aufgebracht, warum er nicht früher gekommen ist, anstatt den ganzen Tag Weißbrote beim Geschäfteverrichten zu beobachten. Jedenfalls hält unser Guide Andy mit ihm eine lange und wohl unangenehme Diskussion, weil wir der Aufforderung, auf der Stelle bei Nacht zu verschwinden, nicht nachkommen möchten.

Wie ihr euch jetzt vorstellen könnt, gibt es mit dem Duschen ähnliche Probleme. Während der 30-tägigen Tour hatten wir genau drei Mal die Möglichkeit einer warmen Dusche. Kalt wäre auch kein Problem gewesen, aber gar keine ist einfach unhygienisch. Was tun? Wir geben dem Kapitel den Namen „Wie wir gelernt haben, mit 4 l Wasser zu duschen“. Das erste Mal ist auf dem Parkplatz in Peking. Es ist Nacht, wir stinken und die Suche nach einer Dusche scheint erfolglos zu verlaufen. Also Plane zwischen die Autos spannen und sich dahinter mit einer Flasche aus dem mit Wasser gefüllten Eimer abgießen. Man benötigt erstaunlich wenig Wasser zum Duschen – je eine Flasche zum Haare Nass machen, Shampoo ausspülen, Körper nass machen, Duschgel runterspülen. Und dazu noch der Adrenalin, Nackt auf dem Parkplatz in Chinas Hauptstadt zu stehen – es sollte jeder einmal gemacht haben!

Made in China

Eines Tages unserer Reise offenbaren wir Andy, dass „Made in China“ für uns in Europa häufig als Zeichen für schlechte Qualität steht. Und in genau demselben Moment fragen wir uns: Wo sind eigentlich die ganzen Made in China-Artikel? Es muss doch irgendwo einen Markt für diese ganzen unfassbar günstigen und absolut kurzlebigen Plastikdinge geben. Das lässt uns keine Ruhe und in jeder Stadt, in der wir etwas Zeit haben, halten wir stets nach typischen China-Artikeln Ausschau, wie sie bei uns zu finden sind.

Dann suchen Markus und Sandra aus unserer Reisegruppe eine Mini S-ATA Festplatte, welche ihnen in ihrem modernen Asus-Notebook abgeraucht war. Sie kehren von einem Besuch eines Hardware-Marktes mit leeren Händen zurück und erzählen von altem Computer-Zeug, was bei uns niemand mehr gebrauchen könnte. Wenn ich mein Lenovo-Notebook aufschraube, sind vermutlich 90 Prozent der verbauten Teile, teils Höchstmodernes wie eine Mini-SSD-Festplatte, Made in China. Aber wo sind denn die zu finden?

Bevor wir nach China fuhren, träumte Jonas noch von großen Elektromärkten, welche Relais, Relais-Sockel, Quetschverbinder jeglicher Art und möglicherweise andere intelligente Verbinder, die wir nicht kennen, Kabel in Hülle und Fülle und Raspberry Pi's präsentieren, als wenn es kein Morgen gäbe. Jeglichen Bedarf an Elektro-Artikeln für das Auto verbuchen wir als „In-China-Zu-Besorgen“-Artikel. Doch nichts, einfach nichts. Es scheint so, als wenn China einen Haufen Zeug produziere, für den es selber überhaupt keinen Markt habe. Die Menschen, die wir getroffen haben, brauchen keine Elektrowaren oder unnützen Plastikschrott. Die meisten einfachen Menschen brauchen was zu Essen oder eine vernünftige Spitzhacke für die Feldarbeit und damit wäre es getan. Das gibt uns viel zu Denken auf.

Das entfachte Feuer

Als wir in Chengdu ankommen, damit sich einige aus der Gruppe den Panda-Zoo anschauen können, finden wir nicht weit von dem Hauptparkplatz einen kleineren und relativ abgelegenen Parkgrund. Wir beschließen dort zu übernachten. Eigentlich ist es ganz schön, mitten in den Feldern gelegen, und überall liegt Bambus und sonstiges Holz, welches sich auch gut als Feuerholz eignet. Nachdem wir tagelang wieder nur den Highway gesehen haben, fühlen wir uns bereist bei so einem Ambiente, als hätten wir ein richtiges Bush-Camping. Sofort werden Bierdosen geöffnet, Campingstühle ausgepackt und sogar Gitarren rausgeholt – eine sehr ausgelassene Stimmung! Zu guter Letzt beschließt Jonas ein kleines Feuerchen zu machen. Doch halt, da war noch was! Als wir ankamen, hat der Besitzer das Feuermachen untersagt (irgendwas ahnte er schon). Darauf hat uns Andy vor dem Abgang nochmal ausdrücklich hingewiesen! Naja, wir verstehen irgendwie nicht so richtig, warum das ein Problem sein sollte, da doch kurz darauf ein Feldarbeiter noch mehr Bambus und Karton zum Anzünden gebracht hat und dabei wild gestikulierte: „Jaa, so brennt es sicher in Sekundenschnelle“. Es ist niemand mehr hier und so ein kleines Feuerchen wird schon keiner sehen.

Die Lagerfeuerstimmung wehrt noch nicht lange, als auch schon ein Security wie aus dem nichts kommt. Jaja, wir haben´s verstanden, wirklich kein Feuer! Wir lassen die Flammen ausbrennen. Sogar eine Lampe hat uns der Typ gebracht, die wir nun neben die verlöschte Glut stellen und so tun, als würden wir uns dran wärmen. Aber damit ist es nicht getan. Es kommt der Besitzer mit seinem Auto samt Freundin, die einen Brocken Englisch spricht. Sie meinen wir sollen jetzt verschwinden. Wir zeigen Reue, machen deutlich, dass wir ab jetzt brav sein werden, doch keine Chance. Nach einiger Zeit taucht die Polizei auf. Irgendwo hinten in der Dunkelheit gehen rege Diskussionen vor sich. Wir lassen uns nicht beeindrucken, denn was können wir jetzt noch tun? Das Feuer scheint erst jetzt richtig zu entfachen. Irgendwann fragt der Polizist, wie viele Leute wir seien. Wir deuten mit den Fingern eine Zehn, jedoch sind zwei von uns in der Stadt. Prompt kommt ein zweites Polizeifahrzeug, das etwas größer ist – hm, gehen wir nun doch in den Knast?

Langsam verstehen wir gar nicht, warum um das kleine Feuer, das nicht mal mehr brennt, so ein Trubel gemacht wird. Seit geraumer Zeit telefonieren sie mit Andy, der auch später kommt. Er meint, wir haben zu viel Aufmerksamkeit auf uns gelenkt. Das Übernachten im Freien sei illegal und deswegen werden wir jetzt von der Polizei zu einem anderen Standort eskortiert. Erstaunlich gelassen nimmt Andy diese Situation auf. Obwohl er seit einer Stunde am Telefon hängt und von Ecke nach Ohr telefonieren muss, sagt er einfach nur „Ok, everybody, things allready happened“. Er macht das Beste draus. Doch die beiden aus der Stadt sind stinkesauer. Wir fühlen uns wie kleine Schulkinder, die von der Lehrerin zusammengefaltet werden. Ein riesiger Streit entfacht. Angesichts der wirklich stressigen Tage davor, in welchen es immer wieder zu angespannten Situationen und Reibereien kam, einerseits verständlich, dass nun die Nerven blank liegen. Andererseits fühlen wir uns eigentlich alt genug, um selber Entscheidungen zu treffen und natürlich auch, wenn erforderlich, die Konsequenzen zu tragen. Glücklicherweise markiert dieser Knall den Wendepunkt unserer Reise. Ab dieser Nacht haben wir uns innerhalb der Gruppe nicht mehr gestritten.

Jedenfalls fahren wir alle betrunken und mitten in der Nacht durch die ganze Stadt der Polizei hinterher und werden letztendlich an einem Busbahnhof abgestellt. Die 80 Busfahrzeuge starten um fünf Uhr morgens – das wird wohl eine kurze Nacht. Zumindest Andy kann wieder Witze reißen und schlägt vor, hier auf der Stelle, zu Feier des Tages, ein neues Feuer an zu zünden.

Ein-Kind-Politik

Wie schon erwähnt - Andy ist auf privater Ebene ein super Typ. Wir halten oft Gespräche miteinander, die nichts mit dieser Reise zu tun hatten. Relativ schnell erzählt er uns etwas von sich: Er hat zwei weitere Geschwister. Sein ältester Bruder hat inzwischen sogar selbst drei Kinder. Eigenartig, denn wir haben etwas von der Ein-Kind-Politik in China gehört. Ist es nicht mehr aktuell? Wir haken etwas nach. Andy erzählt uns, seine Mutter rede nicht darüber, doch seine Großmutter erwähnte, dass zwischen den zwei älteren Brüdern noch ein Mädchen geboren wurde – hübsch und gesund. Was genau damit passierte, weiß er selber nicht. Aber für die beiden Söhne, ihn und seinen Bruder, musste der Vater eine saftige Strafe bezahlen. Auch wurden die „überschüssigen“ Söhne nicht in der Nachbarschaft toleriert – es gab immer Streit. So verstehen wir, dass diese Regelung nicht für wohlhabende Bürger gelten muss, denn sie können sich davon frei kaufen.

Was aber passiert mit den Armen? Werden Kinder getötet? Das wollen wir nun konkret wissen. Andys Aussage nach, kommt es bei den Armen einfach nicht vor. Soso, also keine Menschenrechtsverletzungen… Er erzählt uns, dass früher die Menschen in China fünf, sechs und mehr Kinder pro Familie hatten. Die Bevölkerung sei rasch über ein Limit gewachsen, als sich das Land mit Versorgungsschwierigkeiten konfrontiert sah. Es gäbe quasi keine andere Alternative. Auch hat er schon gehört, dass wenn eine arme Familie ein zweites Kind bekam, sei es z.B. dem kinderlosen Onkel zugeschrieben worden. Jedenfalls klingt alles sehr kompliziert. Irgendwie glauben wir, dass Andy nicht sehr viel darüber weiß und wollen ihn nicht weiter mit möglicherweise unangenehmen Fragen löchern.

Die Tigersprung-Schlucht

Einmal können wir uns aus den Klauen der fremdbestimmten Reiseplanung befreien, auch wenn es bedeutet, auf einen spannenden Streckenabschnitt verzichten zu müssen. Auf dem Programm steht eigentlich eine Rundtour durch das Himalaya-Plateau, was bedeuten würde, dass wir in drei Tagen 800 km Bergstraße mit hohen Pässen zurücklegen müssen. Wir haben schon solche Straßen kennenlernen dürfen. Ja, wir fahren durch die schönsten Landschaften, aber wir kriegen eigentlich gar nichts mit, denn wir haben nicht einmal Zeit irgendwo kurze Stopps einzulegen – wir hetzen einfach weiter. Also beschließen wir die Gruppe zu teilen und anstatt dem Plan zu folgen, lieber einige fahrfreie Tage mitten in einer der tiefsten Schluchten der Erde, der Tigersprungschlucht, zu verbringen.

Zufälligerweise ist an einem der Tage auch Jonas Geburtstag. Wir gehen zu zweit auf eine etwas waghalsige Wanderung, um am Fluss einige Versuche mit der Raubfisch-Rute zu starten. Der Fluss, welcher sich durch die unglaublich tiefe Schlucht windet, ist reißend und die einen umgebenen Steilwände absolut unbefestigt. Als wir nach längerer Klettertour am Ufer ankommen spürt Ellen ein sehr flaues Gefühl im Magen und Angst stellt sich ein. Wir müssen uns anschreien, weil dieser gewaltige Fluss alles übertönt. Neben uns liegen dicke Felsbrocken, die von Zeit zu Zeit von den Steilwänden herunterbrechen und das Flussufer neu ordnen. Wir beschließen also den Angelausflug auf ein ruhigeres Gewässer zu verlegen und kehren um. Den Rest des Tages verbringen wir im schönsten Bergpanorama mit Sandra, Markus, Heidi und Robi und den beiden Hunden. Unsere Rast stellt sich als die richtige Entscheidung heraus, denn wir merken, was wir alles im Vorbeifahren verpassen. Selbst die Steilwand eines Berges kann man sich tagelang anschauen und immer wieder neue Facetten entdecken. In diesen drei Tagen fühlen wir uns zum ersten Mal nicht gehetzt – es gibt nichts zu diskutieren, nichts anzuschauen, keine Kilometer abzureißen – nur die schöne Umgebung zu genießen. Auch das leckere Essen, das Jonas für die Gruppe an seinem Geburtstag zaubert, genießen alle. Es gibt sogar einen Nachtisch! Wir können richtig aufatmen – ein kleines Stück Freiheit.

Die wilden Elefanten

Langsam nähert sich unsere Reise dem Ende. Noch einige wenige Kilometer trennen uns von Laos. Als Vorgeschmack darauf, deutet sich langsam der Dschungel als Landschaftsbild an. Wir sind fasziniert von dem Gedanken, dass wir wirklich hierher geFAHREN sind. Gerade noch vor einem Monat in der Mongolei den Wintereinbruch erlebt, fahren wir nur 6000 km weiter zwischen Palmen- und Kautschuk-Plantagen. Man steigt nicht einfach aus dem Flieger aus und ist in einer anderen Welt, wir erleben, wie sich alles nach und nach verändert – ein spannendes Gefühl.

Andy scheint inzwischen begriffen zu haben, welche Orte für uns zum Übernachten geeignet sind. Er schlägt vor, obwohl nicht auf dem Programm, einen Abstecher zum Tal der wilden Elefanten zu machen, von welchem wir am nächsten Tag bequem zur Grenze fahren können. Es soll eine schöne Landschaft sein, dort könnten wir zum Nächtigen parken. Als wir dort ankommen, stellen wir nicht wirklich überrascht fest, dass es mehr ein Elefanten-Zirkus als ein Naturpark ist und beschließen uns dieses Schauspiel nicht an zu sehen. Doch der Parkplatz scheint ruhig und schön zu sein. Wir fragen noch, ob sich Andy erkundigen kann, dass wir hier bleiben dürfen. Es folgt der schon zum Running-Gag verkommene Spruch: „About this, no problem! I guess“. Andy meint nämlich, dass es immer besser ist, nicht zu fragen. Aufgrund unseres Ausländerbonus wird uns schon keiner verjagen.

Natürlich ist es nun keine Überraschung, dass es doch ein Problem gibt. Als es zu dämmern anfängt, kommen die Parkwächter und erzählen etwas von wilden Elefanten, die in der Nacht kommen könnten. Es sei zu gefährlich hier zu bleiben – wir sollen verschwinden. Wir weigern uns, mit der Auswirkung, dass immer mehr Parkwächter, Polizisten und sogar der Besitzer des Elefanten-Parks dazu kommen. Manche Wächter leuchten die Gebüsche ab und schauen, ob die Elefanten möglicherweise schon in den Sträuchern warten – sie möchten uns Angst machen. Letztendlich bringen alle Diskussionen wieder nichts, so müssen wir unser Lager abbrechen und finden nicht weit von dem Parkplatz des Parks eine recht gemütliche Straßenecke, an der wir unser Abendessen fertig kochen können. Wir sind ja inzwischen abgehärtet. Statt im grünen, können wir jedoch Live bei der Rettungsaktion von einer Katze dabei sein, die sich bei den Holländern im Motorraum verkrochen hat.