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Das Leben ist ein Hund

Laos

Asien 2014-2016

Nach der Grenzstadt Mohan, wo China einige erschöpfte Reisende in Richtung Laos ausspuckt, stehen nun auch wir mit einem letzten chinesischen Harbin-Bier in der Hand, um unsere Freiheit zu feiern. Schnell haben sich alle voneinander verabschiedet und gehen wieder eigenen Plänen nach. Unser bescheidener Plan für die nächsten Wochen ist, sich zunächst einen Plan für unser Dasein in Südostasien zu erarbeiten. Mit Sandra, Markus und Kristal wollen wir uns im Städtchen Luang Namtha, 60 km hinter der Grenze, niederlassen, uns erholen und einige vernachlässigte Dinge erledigen.

Außerdem wollen wir uns mit dem Buchautor Christopher Many ("Hinter dem Horizont links") und seiner Freundin Laura, ebenso Buchautorin ("Pocketguide für Globetrotter") treffen. Chris war acht Jahre seines Lebens mit einem Landrover namens Matilda in der Weltgeschichte unterwegs und hat darüber ein Buch veröffentlicht, welches wir bei unserer mentalen Reisevorbereitung verschlungen haben. Nun ist er gerade dabei, sein zweites Buch zu schreiben, welches die aktuelle Reise mit Laura, dieses Mal auf Motorrädern unterwegs, zum Thema hat. Sie waren zur selben Zeit in China unterwegs, wie auch wir, jedoch ohne Guide, was seit ihrer Reise nun möglich zu sein scheint. Wir sind sehr gespannt, die Beiden persönlich kennen zu lernen.

Tage der Erholung

Schnell werden wir in Luang Namtha eines Guesthouses fündig, in das wir uns nun ohne schlechtes Gewissen auf unbestimmten Zeitraum einquartieren – Toilette und Dusche, so viel und so oft man möchte. Sogar eine gemeinsame Terrasse haben wir mit Markus und Sandra, auf der wir schöne Abende verbringen. Beim Abendessen im Restaurant des Guesthouses, wo Chris und Laura abgestiegen sind, treffen wir sie dann tatsächlich. Es sind sehr feine Menschen, das spüren wir auf Anhieb. Ein Termin für die Autobesichtigung machen wir sogleich für den nächsten Tag aus. Bereits aus dem Buch kennen wir Chris und Lauras großes Herz für Hunde, so sind sie insbesondere an Kristal interessiert. Mit ihr wird geschmust und gekuschelt, und von Hundegeschichten aus aller Welt erzählt.

Tage verstreichen wie im Nichts. Einmal bekommt der Defender eine Ganzkörperuntersuchung von Chirstopher, einmal bestaunt Jonas die Motorräder von ihm und Laura. Ansonsten passiert größtenteils nicht viel – wir schreiben China-Berichte, beantworten E-Mails (endlich wieder Google!), gehen lecker Essen oder hängen einfach nur so ab. Im Grunde genießen wir diesen Zustand sehr, nichts zu tun zu haben. Aber irgendwo, tief im Inneren, tauchen schon die ersten sinnsuchenden Gedanken auf. Nun, wir haben jetzt jede Menge Zeit, einen Sinn für den nächsten Abschnitt unserer Reise zu finden.

Ein Geschenk des Himmels

Eines Abends, wir sind schon bettreif, kommen Sandra und Markus von ihrem Hundespaziergang zurück und haben ein Mitbringsel dabei. Ein kleines Hündchen hat Kristal im Gebüsch nicht weit von unserem Guesthouse gewittert. Sandra hat lange nach einer möglichen Mutter gesucht, doch in der Dunkelheit nichts finden können. So beschließt sie es mit zu nehmen, um es über Nacht auf zu päppeln. Wir schauen uns das verängstigte Knäul gemeinsam an und stellen schnell fest, dass es bisher wohl ein kurzes aber hartes Leben gehabt haben muss: Überall an dem kleinen Körperchen finden wir Kratzer und Wundkrusten, es fehlt büschelweise Fell und sogar Kleberreste verbergen sich in den Haaren. Außerdem ist es übersät mit Flöhen. Nachdem wir es mit einem Milch-Wasser-Gemisch versorgen, welches es gierig herunterschlingt, gibt es erstmal ein Bad. Kristal ist so nett und gibt dem Hündchen sogar ihr letztes Anti-Floh-Halsband ab. Und die erste unruhige Nacht verbringt es in unserem Zimmer.

Schnell nehmen wir uns der Aufgabe an das Hundebaby, das maximal 3-4 Wochen alt ist, zu versorgen. Denn Sandra und Markus haben bereits einen Hund und wir wünschten uns doch so sehr einen. Ob wir es behalten wollen? Keine Frage – doch wollten wir eigentlich nach Australien reisen und da gibt es so ein hundeunfreundliches Gesetz, welches eine 30-tägige Quarantäne für überführte Hunde fordet. Das ist der Grund, warum wir uns bisher keinen Hund zugelegt haben, denn das würden wir dem Tier nicht zumuten wollen. Als erstes gilt es also, für das süße Hündchen einen Besitzer zu finden. Die nächsten drei Tage verbringen wir damit, in der Nachbarschaft herum zu fragen, ob das Hündchen jemandem gehört oder etwas darüber bekannt ist. Die Suche verläuft leider erfolglos. Weder finden wir den Besitzer, noch jemanden, der sich um das Hündchen kümmern mag. So jung wie es ist, würde es alleine auf der Straße nicht überleben.

Doch es kommt noch eine Schwierigkeit dazu – wir haben uns in das kleine Floh-Monster verliebt. Seit der ersten Begegnung haben wir es als ein Geschenk empfunden. Inzwischen recherchieren wir fleißig über die aktuelle Gesetzeslage bzgl. der Einfuhr von Haustieren nach Australien. Und tatsächlich wurde die Quarantäne-Zeit seit diesem Jahr auf nur 10 Tage reduziert. Das klingt erträglich. Nun, alle Tatsachen außer Acht gelassen – es war schon vom ersten Tag an klar, dass das Hündchen, welches wir inzwischen Floh getauft haben, zu uns gehört. Wir finden am vierten Tag tatsächlich einen Veterinär in Luang Namtha, um uns nach einem Anti-Floh-Mittel zu erkundigen. Er meint, dass Floh noch zu klein ist für jegliche Medizin, die ihm zur Verfügung steht. Wenn wir uns aber nicht darum kümmern wollen oder können, so könnten wir es bei ihm lassen. Sie würden einen neuen Besitzer suchen, oder es gegebenenfalls selbst behalten – denn süß ist es ja. Wir nehmen Floh dankend wieder mit und gegen Flöhe wird es von nun an jeden Tag gebadet.

Unser kleiner laotischer Floh

Uns ist klar, dass sich das Reisen mit einem Hund völlig verändern würde. Wir hätten viele organisatorische Schwierigkeiten zu meistern, über die wir uns bislang keine Gedanken machen mussten. So gäbe es möglicherweise Schwierigkeiten mit dem kleinen Floh Sehenwürdigkeiten zu besuchen. Doch das ist uns inzwischen egal. Selbst den Gedanken nicht nach Australien zu fahren schließen wir nicht aus – gibt es doch so viele spannende Länder auf dieser Erde. Doch Floh, übrigens eine Hündin, braucht uns jetzt und diese Aufgabe wollen wir ernst nehmen. Irgendwie haben sich unsere Wege gekreuzt und jetzt können wir sie nicht einfach wegstoßen. Zu richtig fühlt sich unsere neue Rolle als Hunde-Eltern an!

Wir beobachten, wie Floh von Tag zu Tag fitter wird und gesünder aussieht. Sie rennt und hüpft durch den Terrassengang, wie ein aufgeweckter Floh – der Name scheint perfekt zu passen – und ist inzwischen der Liebling aller Gäste, welche kommen und gehen! Wir bleiben, während Floh sich einfach des Lebens freut. Wir freuen uns unfassbar über jede kleine Entwicklung, über jede Sekunde, die wir die kleine Hündin lieb haben dürfen. Inzwischen, obwohl bisher nur vier Tage vergangen sind, hat sie von alleine gelernt aus dem Guesthouse in die Büsche zu gehen, um ihren Toilettengang zu verrichten – was für eine Schlaue! Die ersten Spaziergänge machen wir an dem Dorffluss, abseits von dort badenden Menschen, wo sie im Gras ihr Geschäft verrichten kann um danach im Sand herum zu tollen. Irgendwann unternehmen wir sogar einen kleinen Ausflug zu den benachbarten Wasserfällen mit unserer Hündin, um zu sehen, wie sie auf das Autofahren reagiert. Und wir sind begeistert, wie sie ohne Angst neugierig aus dem Fenster schaut und sich an jeder neuen Umgebung erfreut. Floh scheint der perfekte Reisebegleiter zu sein.

Ein schwerer Tag

An diesem Tag wachen wir zum ersten Mal mit dem Gefühl auf weiterziehen zu wollen. Aus logischen Gründen beschließen wir noch einen Tag für unsere Berichte aufzuwenden, verschieben die Abfahrt auf morgen. Während wir über vergangene Ereignisse in China nachdenken rennt Floh inzwischen ganz mutig über das ganze Gelände des Gueshouses. Sie ist nicht zu beruhigen, vor allem als sie die Schüssel mit Essensabfällen der Besitzer entdeckt. Für heute ist es ihr Lieblingsort. Egal wie oft wir sie zurückholen, sie hält an ihrem Vorhaben fest. Ein koreanischer Zimmernachbar, der auch einige Tage hier verbringt, findet es richtig toll, dass wir dem Hündchen ein Zuhause geben wollen. Er erzählt uns, er habe selber unzählige Hunde und Katzen und hilft uns Floh von den Essensresten fern zu halten. Wir versuchen ihr die maximale Freiheit zu gewähren, überall herum rennen zu können, alles schnüffeln zu dürfen, Kontakt mit Menschen zu haben. Denn es ist kein schönes Hundeleben, immer an der Leine unter den Tisch gedrückt zu werden – sie soll Sozialkompetenzen entwickeln, von klein auf. Außerdem ist Floh noch zu klein für eine Hundeleine und sie im Zimmer ein zu sperren kommt für uns nicht in Frage.

Der Besitzer des Guesthouses feiert heute mit einigen Freunden und vielen Beerlao den Freitag. Wir finden Floh unter dem Tisch bei der Kompanie schlafend – scheinbar haben sie auch unserem Hund etwas Bier eingeschenkt. Als sie aufwacht, ist sie total betrunken und wir stinkesauer. Der Tag der Abfahrt ist nun definitiv morgen, denn hier ist kein guter Ort für dieses kleine zerbrechliche Wesen. Als Floh nach dem Essen und Ausnüchtern wieder fit zu sein scheint, beschließen wir in das Restaurant, wo wir uns mit Chris und Laura getroffen haben, zum Arbeiten umzuziehen. Das kleine Hündchen, das dort im ruhigen Hinterhof schon einmal gespielt hat, nehmen wir natürlich mit. Dort gibt es einen Hof und Büsche, wo sogar die Kinder der Besitzer in Ruhe spielen können. Wir hoffen, dass Floh hier ebenso einen geeigneten Platz für ihre Bedürfnisse vorfinden wird.

Laura und Chris sind auch da. Floh haben sie bereits kennen gelernt – sie spielen mit ihr und sind entzückt, wie sie jetzt schon auf uns hört, wenn wir sie rufen. Wir unterhalten uns lange, während Floh mit dem kleinen Sohn des Besitzers spielt. Immer wieder kommt sie zu uns, rennt wieder weg – und alle lieben sie. So vergehen mehrere Stunden, es wird langsam dunkel. Als wir uns mit anderen Restaurant-Gästen unterhalten, sehen wir im Augenwinkel ein Auto ganz langsam anrollen (eines von vielleicht zweien am Tag). Doch denken wir uns zunächst nichts dabei. Ellen bekommt ein komisches Gefühl – wie eigentlich immer, wenn sie Floh fünf Minuten aus den Augen verliert – und geht auf die Suche. Sie findet nur Laura an ihrem Motorrad. „Wo ist Floh?“ Sie gehen auf die Suche, sofort ist das Auto im Visier! Die Restaurant-Bedienung zeigt unter das Auto. Wir sehen zunächst nichts. Laura geht zuerst an das Hinterrad und schaut nach. Als Ellen nachkommt sagt sie nur: „Sieh nicht hin! Sieh nicht hin…“

Ein trauriger Abschied        

Wir können es nicht glauben. Jonas will sich selbst davon überzeugen, doch auch er kann nicht näher hinschauen. Wir sind geschockt. Es ist wie ein schlechter Scherz, oder ein Alptraum, aus welchem man hofft gleich aufwachen zu dürfen. Unsere kleine Floh ist wirklich tot. Das versichert uns Chris, der die Aufgabe übernimmt, den kleinen Körper unter dem Reifen zu befreien. Etwas zwischen Wut, Ohnmacht und Ungläubigkeit – wir stehen einfach nur da, können nichts tun, nichts ändern. Laura und Chris, sie reagieren toll, sie machen was getan werden muss und ersparen uns die schrecklichen Bilder. Floh wird in das Lieblings-T-Shirt von Laura eingewickelt, in einen Karton gelegt, mit einer Schnur verbunden – wie ein kleines Geschenk. Dieses Geschenk nehmen wir dankend an. Dankend, dass die Beiden für uns da waren, sie das für uns erledigt haben. Noch in der Nacht vergraben wir das arme Wesen, was nicht länger leben darf am Fluss, wo wir mit ihr spazieren waren. Eine große Palme, unter welcher sie ruhen darf, wird sie von nun an beschützen.

Es ist ungerecht. Diese pure Lebensfreude, welche unsere Floh hatte, sie ist einfach gestoppt worden. Nur fünf Tage durften wir diese Freude teilen, bis sie uns vom Schicksal so wie gegeben wieder entrissen wurde. Wir sind zu tiefst verletzt von dieser Wendung des Lebens. Unsere Herzen sind gebrochen. Es war ein Hündchen, das so gerne Leben wollte und nicht durfte.

In dieser Nacht schlafen wir kaum. Am nächsten Tag, ganz früh, packen wir unsere Sachen. Sandra und Markus sind auch sehr traurig – der Abschied ist wortkarg. Was könnte man an der Stelle auch sagen, uns allen fehlen die Worte. Der Koreaner verabschiedet uns herzlich mit einer Umarmung, auch ihm kommen die Tränen. Am Ort des Geschehens wollen wir uns noch von Chris und Laura verabschieden. Sie sagen viele tröstende Worte. Dieses Gespräch hilft uns sehr. Auch meinen sie, Floh hätte wahrscheinlich die schönsten fünf Tage ihres Lebens mit uns gehabt. Wir hätten alles richtig gemacht. Wir zweifeln, doch das bringt uns nicht weiter. Wir fahren. Wir fahren ohne das arme Hündchen, das wir so gerne mit uns genommen hätten.

Ein trauriger Abschied von Floh. Ein trauriger Abschied von Luang Namtha.