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Das Weite suchen

Osteuropa, Russland

Asien 2014-2016

Heute vor genau einem Monat haben wir Feuerwerksraketen in den bereits nächtlichen Himmel steigen lassen, um unseren Reisestart einzuleuten. Inzwischen haben wir über 8000 km zurück gelegt, um zu unserem ersten richtigen Ziel zu gelangen: dem großen Baikalsee. Und obwohl wir tatsächlich die meiste Zeit der vergangenen Wochen mit Strecke zurücklegen beschäftigt waren, gibt es doch einige Dinge, über die es zu erzählen lohnt. Nundenn:

Mit tränenden Augen verlassen wir also Stuttgart, feiern mit Ellens Familie und später ebenso bei Jonas Eltern schöne Abschiedsfeste, schrauben nebenbei noch immer am Defender und räumen Sachen ein- und um, besuchen schon auf dem Weg in die Ferne Jonas Bruder in Berlin und überschreiten schließlich die Grenze zu Polen. Etwas wehmütig schauen wir Deutschland im Rückspiegel nach - wie lange werden wir dieses Land, Freunde, Familie - Zuhause - wohl nicht sehen, und was liegt alles vor uns? Das werden wir nur herausfinden, wenn wir nach vorne Schauen!

Schnell gen Osten

Der Norden Polens erscheint uns weniger aufregend: Alles in allem und im Vorbeifahren sehr trist und viel Ballermann-Tourismus. Um so mehr sind wir vom Osten begeistert - viel Wald, Seen rechts und links der Straße - sicherlich auch einer Erkundungstour wert. Da wir am 5. August nach Russland einfahren wollen, um bloß keinen Tag von unseren 30-Tage-Visa zu verlieren (viel zu wenig für dieses weite Land), fahren wir ebenso zügig durch Litauen und Lettland. Für die Übernachtungen finden wir stets einen von unzähligen Seen, an dem wir zumeist frei oder gegen einen geringen Obulus nächtigen können. Das, was an unseren Fenstern vorbei zieht, gefällt uns so sehr, dass wir sicherlich wieder kommen werden. Aber das wird bereits eine andere Reise sein - irgendwann!

Jetzt gilt es Russland der Weite nach zu durchqueren, deswegen stehen wir auch brav in der Schlange zum Tor in das geheimnisvolle Land, während sich dreiste Russen an uns vorbei mogeln. Egal! Nach läppischen 7-8 Stunden pure Langeweile, manchmal abgelöst durch bürokratischen Wahnsinn sind auch wir drin! Es ist schon spät, also nutzen wir eienen LKW-Parkplatz zum übernachten. Auf russischen Magistralen (Hauptstraßen für Fernverker) gibt es sehr viele Truck-Stops. Meistens bestehen diese aus einem bewachten Parkplatz, einem Cafe, mal mehr mal weniger guten Toiletten, manchmal Duschen, meistens mit Reifenreparatur-Service und selten sogar mit CTO (= KFZ-Werkstatt) oder gar Hostel, Laden, Sauna, etc. Eigentlich eine sehr gute Sache, wenn man, wie wir, Strecke machen will. Deswegen werden wir im weiteren Verlauf unserer Russlandquerung diese Möglichkeit oft nutzen.

Russlands Hauptstadt

Am nächsten Tag haben wir noch knapp 600 km bis nach Moskau. Dort werden wir von Ellens Verwandten erwartet, die uns fünf Monate zuvor in Stuttgart besucht haben. Da die russischen Straßen im westlichen Teil deutlich besser sind, als wir es uns dachten (kein Vergleich zur Ukraine), treffen wir sehr zur Freude Wladimirs bereits am frühen Abend in Russlands Hauptstadt ein: "Ouh! Gut, dass sie so früh kommen. Dann schaffen wir es noch, uns zu betrinken!", bereitet er seine Frau vor.

Ohne es geplant zu haben, kommen wir genau richtig, um Wladimirs (Wowas) Geburtstag zu feiern: 44 - eine Schnapszahl. Er hat sich für diesen Tag extra frei genommen. Nachdem wir mit Wowas Engagement die ermüdende Registrations-Prozedur überstanden haben, schlendern wir gemütlich durch den Kreml und über den Roten Platz, machen viele Fotos und setzen uns zur Erholung in ein Ukrainisches Restaurant (sodass nicht mehr nur Putin zu den bewirteten Gästen zählt, sondern nun auch wir). Neben dem ganzen Schnaps probieren wir auch einige Russich-Ukrainischen Spezialitäten, darunter gekochte Rinderzunge und Stör-Kaviar. Als Anja dazustößt machen wir einen Bootsausflug auf dem Fluss Moskau, um noch einige Sehenswürdigkeiten zu bestauen - von einem heftigen Sommergewitter lassen wir uns nicht beeindrucken. Schließlich endet der Tag festlich in einem Restaurantbesuch, wo wir auch Anjas Bruder Sergej und seine Frau treffen und zusammen einen sehr netten Abend verbringen. Jonas wird sehr gut in die Kommunikation mit einbezogen - immer, wenn es mit dem Englischen nicht klappt, folgt der Befehl: "Ellen, übersetze!".

Noch einen weiteren Tag verbringen wir in Moskau für restliche Reisevorbereitungen (u.a. Spur einstellen). Denn nach dieser fabelhaften Stadtführung blieben keine Wünsche offen - nur ein positives Gefühl für unseren Reisebeginn. Am Samstag um halb 6 am morgen (um den "Komm wir fahren übers Wochenende zur Datscha"-Verkehr aka Stau zu entgehen) brechen wir auf, weiter in Richtung Osten.

Nächster Stopp: Novosibirsk

Unterwegs Richtung Novosibirsk schlafen wir meistens an den Truck-Stops. Denn erfahrungsgemäß nimmt die Schlafplatzsuche in der Natur relativ viel Zeit in Anspruch, sodass der Schlafplatz mit Blick auf die Wolga für diesen Streckenabschnitt eine Ausnahme bleibt. Außerdem geraten wir in ein unfassbares 5-Tage-Gewitter mit Blitzen, Wolkenbrüchen samt haselnuss-dicken Hagelkörnern und werden Zeuge von Unfällen durch Aquaplaning. Entgegen all unserer Erwartungen und trotz jenem Unwetter fahren wir 500 km (und mehr) am Tag und bewältigen die 3500 km von Moskau nach Novosibirsk in nur 5 Tagen, 4 Tage vor der geplanten Ankunft! Auch hier sind die Straßen in einem deutlich besseren Zustand, als wir es uns vorgestellt hatten.

Mit einem Regenbogen fahren wir nun in die Hauptstadt Sibiriens ein, wo wir ebenso bereits erwartet werden. Hier wohnt Ellens Halbschwester Natascha mit ihrer Familie, die Ellen bisher nie richtig kennengelernen konnte. Nun soll dies nachgeholt werden. Auch hier ist der Empfang sehr herzlich und trotz anfänglicher Berührungsangst stellt sich anschließend eine vertraute Stimmung ein. Noch am Abend der Ankunft machen wir einen Ausflug in das Zentrum und bestaunen Novosibirsk bei Nacht. Am nächsten Tag geht es gemeinsam in den größten Zoo Russlands östlich des Urals, abgerundet durch eine Shopping-Tour in ein Riesen-Einkaufszentrum, wo Ellen Ersatz für ihre in Stuttgart vergessenen Schuhe findet. Das Eis wird dann endgültig am Abend gebrochen, als wir uns gegenseitig Fotos von einigen Stationen unseres Lebens zeigen. Es ergeben sich sehr interessante und offene Gespräche über das Leben und die Welt.

So wohl fühlen wir uns bei dieser feinen Familie, dass wir beschließen noch einen Tag länger zu bleiben, um unserem leckenden Wassertank den Kampf anzusagen und ein paar andere Dinge fest zu schrauben. Dank der Hilfsbereitschaft von Zhenja, Nataschas Mann, konnten wir den Krieg gegen das Wasser gewinnen. Mit einem guten Gefühl, inmitten Sibiriens noch einen Teil Familie gefunden zu haben, suchen wir das Weite.

Weiter ostwärts

Weitere 4 Tage vergehen, bevor wir Irkutsk, die Stadt am sagenumworbenen Baikal erreichen. Das ist auch wirklich das Erstaunliche an Russland: Man ist auf Mehr-Tages-Fahrten eingestellt, um zum Ziel zu gelangen; die Straßenschilder zeigen Tauserde von Kilometern Entfernungen an; man kann täglich eine Zeitzone durchfahren; und die Leute, die wir treffen, sagen uns 1300 km vor unserem Ziel: "Zum Baikal? Na dann habt ihr es ja nicht mehr weit!". Ja, tatsächlich, alles ist relativ zu diesem unfassbaren Riesigen, der sich Russland nennt! Appropos Zeitunterschied: Wir haben es geschafft inzwischen durch 7 Zeitzonen zu fahren - wir haben 7 Stunden mehr auf dem Tacho als ihr in Deutschland!

Am vierten Tag unserer Fahrt nach Irkutsk ist für Jonas der "Tag der Kommunikation" angebrochen (so haben wir ihn getauft). Denn obwohl er sich ja mit Ellen unterhalten kann, erfolgte bisher die restliche Kommunikation ausschließlich über sie als Mittelsfrau/Übersetzerin. Englisch ist bei den meisten Russen entweder gar nicht oder nicht ausreichend vorhanden. Irgendwie bekommen wir sogar zwischendurch das Gefühl, dass manche Leute gar nicht richtig verstehen, dass jemand NICHT die russische Sprache beherrscht. Wenn Jonas seine auswendig gelernte Phrase aufsagt, dass er kein Russisch kann, die Person aber gerne Ellen fragen kann, wird er trotzdem auf Russisch vollgequatscht, bis Ellen einschreitet und erklärt, dass er es des Russischen tatsächlich nicht mächtig ist.

Jedenfalls treffen wir am "Tag der Kommunikation" zuerst auf 4 Engländer, die bei einer Mongole-Ralley mitmachen. Endlich kann sich Jonas bei dieser Konversation auch mal selbst einbringen. Bereits das scheint sehr befriedigend für ihn. Später, irgendwo 300 km vor Irkutst, wollen wir einen Steinschlag in unserer Frontscheibe reparieren lassen, als wir einen der extrem seltenen russischen Defender-Fahrer sehen. Wir hupen, er hält am Straßenrand, wir hinterher. Es steigt ein sehr sympatischer Mensch aus, der perfekt des Englischen mächtig ist und sich gerade auf dem Rückweg nach Moskau aus der Mongolei befindet (mit 2 gebrochenen Federn vorne). Er ist begeistert von unserem Auto, wir zeigen ihm alles und sind sehr dankbar für diese nette Konversation. Zum Schluss gibt er uns noch einige Tipps für unseren Mongolei-Aufenthalt und zwei Moskau-Kühlschrankmagneten mit auf den Weg - was für ein Feiner!

Erstes Ziel erreicht!

In Irkutsk kommen wir erst spät am Abend an - es wird dunkel. Zunächst folgen wir einem Tipp von Reisenden aus dem letzten Jahr: Hinterhofparkplatz vom Hotel Irkutsk soll Treffpunkt von Reisenden sein. Doch dieser ist leider nicht mehr aktuell. Obwohl wir trotzdem hätten bleiben dürfen, sogar mit Toilettennutzung des Foyers, brauchen wir dringend eine Dusche und diese ist nur in Kombination mit einem 80 € teueren Hotelzimmer zu haben. Im Internet (über unser Smartphone mit Prepaid-Karte für ganz Russland) werden wir tatsächlich einer Herberge fündig. Das Nerpa-Hostel, das eigentlich nur eine 4-Zimmer-Wohnung mit Stockbetten ist, nimmt uns auf und wir fühlen uns kurzzeitig an unser WG-Leben erinnert. Dort treffen wir ein paar Deutsche, die mit der Transsibirischen Eisenbahn unterwegs sind und in der schönen 350-Jahre alten Stadt halt machen. So sitzen wir in der Gemeinschaftsküche, erzählen uns witzige und skurile Geschichten aus dem Reiseleben und halten zwischendrin Skype-Konferenzen mit der Familie ab. 

Der wichtigste Punkt auf unserer Liste für den Tag in Irkutsk: Detail- bzw. Wanderkarten von der Baikal-Umgebung zu besorgen. Davon hängt der weitere Verlauf unserer Reise ab. Noch gute anderthalb Wochen haben wir, die wir für die intensive Baikal-Erkundung nutzen wollen, bevor unser Visum abläuft. Glücklicherweise ist Irkutsk eine für den Tourismus erschlossene Stadt: Touristen-Info, Werksverkauf von Karten und Atlanten und ein ernst zu nehmender Autoteile-Markt - alles was unser Herz begehrt! Wir bekommen wichtige Ersatzteile für unser Auto, tauchen beim Spazierengehen noch etwas ins Stadtleben ein und entscheiden uns noch eine Nacht zu bleiben. 

Das war sie - unsere lange Anfahrt über die 3 Metropolen Moskau-Novosibirsk-Irkutsk. Nun ist es an der Zeit langsamer zu werden, zur Ruhe zu kommen und endlich in die einzigartige Natur Sibiriens um den großen Baikalsee einzutauchen. Aufgrund der mäßigen Kartenverfügbarkeit der westlichen Baikal-Region und der Information, dass die Insel Olchon am westlichen Ufer, welche wir eigentlich erkunden wollten, in der Hauptsaison August etwas überlaufen sein soll, entscheiden wir uns für die Erforschung der östlichen Teile dieses schönen und unfassbar riesigen Sees. Aber das ist eine andere Geschichte!