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Eine kleine Sinnkrise über den Thailandtourismus

Thailand

Asien 2014-2016

Aufgeregt stehen wir am Flughafen, überpünktlich, ganze zwei Stunden vor der Ankunft von Ellens Mutter. So haben wir genug Zeit das organisierte Treiben zu beobachten: eine gut durchdachte Massenabfertigung von Rucksack-Touristen, Pauschalurlaubern, geführten Gruppen und Geschäftsreisenden aus allen Ecken der Erde. Asien – wie aufregend muss es für jemanden sein, der hier zum ersten Mal ankommt und all die fremden Gerüche, Geräusche und Eindrücke erlebt, sobald er das moderne und klimatisierte Flughafengebäude verlässt. Ein knappes halbes Jahr sind wir inzwischen in Südostasien. Viele Eigenheiten sind für uns inzwischen normal, wir haben sie lieben oder akzeptieren gelernt. Für Ellens Mutter wird, die erste Zeit zumindest, überwältigend ungewohnt sein.

Freudestrahlend können wir uns endlich in die Arme schließen. Irgendwie ist es sehr schwer zu glauben, dass wir uns tatsächlich acht Monate nicht gesehen haben. Jetzt haben wir knappe vier Wochen Zeit miteinander. Natürlich haben wir uns im Vorhinein viele Gedanken darüber gemacht, was wir mit Galina machen. Zunächst liegt es uns am Herzen ihr einige unterschiedliche Seiten von Thailand zu zeigen, was in der recht langen Zeit auch der Langeweile zuvorkommen soll. Gleichzeitig wollen wir ihr die Angst bezüglich unserer Reise-Art nehmen und mit ihr mehr oder weniger so reisen, wie wir es auch ohne sie tun würden. Denn seit unserem Aufbruch sieht sie uns in ihren Gedanken jeden Tag mit einer lebensbedrohlichen Situation kämpfen.

Entzaubert

Als erstes steht Geschichte auf dem Programm. Wir fahren nach Ayutthaya, wo wir viele alte Ruinen und Tempel besuchen wollen. Eigentlich haben wir beide fast schon genug davon, wir haben uns inzwischen satt gesehen. Doch für Galina ist alles neu und aufregend, so schauen wir uns mit ihr gerne alles an, was die alte Stadt zu bieten hat. Vor Ort finden wir eine nette Unterkunft in einem traditionellen Teak-Haus und machen eine kleine Bootstour durch die Kanäle. Das Programm ist, wie erwartet, recht gehetzt. Je 20 Minuten gibt uns der Bootsführer Zeit für drei Tempelanlagen, die am Flussufer liegen – rein, Foto machen mit all den anderen Touristen und schnell zurück zum Boot. Durch die Nähe zu Bangkok ist Ayutthaya eben ein hoch frequentiertes Ausflugsziel, was ja auch uns dazu bewegt hat hinzufahren.

Auch an den folgenden Tagen besuchen Ellen und Galina die für den Tourismus gut erschlossenen und in der Stadt verteilten Ruinen. Doch mit Ayutthaya sind unsere Tempelbesuche nicht abgehakt. Auf unserer Weiterreise besuchen wir noch viele Tempel, wobei wir beide meist im Auto sitzen bleiben und Ellens Mutter beobachten, wie sie mit Andacht und Fotoapparat durch die bunten Anlagen wandert. Sie hatte sich insbesondere wegen der Vielfalt an Tempelanlagen sehr auf Thailand gefreut, welche allerdings in ihrer Vorstellung mehr von Spiritualität erfüllt waren, wie sie uns berichtet. Wir für uns haben das Gefühl, dass jede Spiritualität mit dem Griff zur Kamera verschwindet. Wer für sich selbst die Präferenz trifft, lieber ein schönes Foto mit nach Hause nehmen zu wollen, als den Augenblick zu erleben, der muss auch die Konsequenz tragen. Wer an dieser Stelle eine bewusste Entscheidung trifft, wäre vermutlich besser in der Lage seine Erwartungen an ein Erlebnis zu korrigieren. Natürlich wirkt auch die Gruppenstimmung einer Touristenmasse kontraproduktiv auf eine erhoffte intensive Begegnung, mit was auch immer 

Es gibt einen Unterschied zwischen schön und bedeutend, da sich die Bedeutung jeder selbst erarbeiten muss. Wir wissen, dass wir nie den Zauber fühlen werden, welchen ein gläubiger Buddhist empfinden könnte, wenn er eine der bedeutendsten religiösen Stätten seines Landes betritt. Vermutlich wird er alles mit ganz anderen Gefühlen, anderem Wissen, mit einer anderen Realität verknüpfen, die für ihn seit Kindesalter präsent ist. Für unseren Kulturkreis sind die meisterlich gearbeiteten goldenen Buddha-Statuen meistens nichts weiter, als ein schönes Fotomotiv. Und wenn wir uns ehrlich fragen warum, kommt schnell ein Verständnis dafür, dass sich viele Thailänder dagegen wehren, wenn wir Buddha-Figuren als Souvenirs und Dekoration mit nach Hause schleppen. Ein religiöses Symbol wir so für die Gläubigen entweiht und zu gleich für alle, die sich dieser Kultur ernsthaft nähern wollen, entzaubert.

Entlarvt

Bevor es für uns alle endlich zum Strand geht, machen wir für einige Tage noch einen Abstecher zum Say Yok Nationalpark, im Westen des Landes. Bereits auf dem Weg sehen wir links und rechts der Straße etliche Werbeschilder platziert, die zu diversen „Attraktionen“ wie Elefanten-Reiten, Floßfahrten und Ethnischen Dörfern einladen. Wir sind etwas skeptisch, ob wir hier wirklich ein Naturerlebnis finden werden. Eine nette Unterkunft mit großem Garten haben wir jedenfalls entdeckt, nicht weit von einem kleinen Bootshafen, direkt um die Ecke. Mit Hilfe von einem ausgeborgenen englischsprachigen Reiseleiter irgendeiner Floßgruppe machen wir mit einem Bootsführer eine private Tour entlang des Kwai-Flüsschens aus.

Eigentlich ist es ganz schön hier, doch man merkt schnell, auf was sich diese Gegend spezialisiert hat: „Natur pur“ und das alles nur für Weißbrote. Auch uns bringt der Bootsführer zu einem „ethnischen Dorf“. Klarer Fall von einer geplatzten Seifenblase: Die „Bewohner“ verkaufen die gleichen Souvenirs, wie es sie überall gibt, „traditionelle“ Elefanten tragen einen für eine halbe Stunde durch den Wald und, nicht zu vergessen, es gibt auch einen Tempel. Hinterher erfahren wir, dass es hier irgendwo eine Kohlefabrik gab, noch bevor der Tourismus in diese Gegend kam. Der Besitzer – ein scheinbar schlauer Mann – hat irgendwann, als die Miene nicht mehr genug Profit abgeworfen hat, eine neue Geschäftsidee entwickelt. Auch an die Mitarbeiter hatte er gedacht, so konnten alle ihre Arbeitsstelle behalten, und zwar als „Dorfbewohner“ der neuen Touristenattraktion. Jeden Morgen kommt ein Bus, der ganze Familien auf das Gelände bringt, welche sogleich die traditionelle Pracht anlegen und sich *Puff* in ethnische Tagesbewohner verwandeln.

Und nun die Frage: Bereichert einen diese Erfahrung mit dem Wissen, dass alles bloß inszeniert ist? Natürlich nicht, aber wenn man genauer nachsinnt, was erwartet man denn auch? Dass man einfach so ins wilde Leben reinstolpert, so tut als wäre man nicht mit der Kamera bewaffnet, um das „normale“ Treiben zu beobachten? Das ist nicht machbar! Bewohner von ursprünglichen Dörfern wollen in Ruhe gelassen werden. Auf diese Weise erhalten wir zumindest einen Eindruck, bekommen eine Idee vom ursprünglichen Leben und ihren Bräuchen. Diese Erfahrung ist vergleichbar mit der eines Museumsbesuches. Oder aber mit dem Fernsehen: Es gibt Menschen, die sich gerne mit "Vera am Mittag" und dem "Dschungelcamp" zudröhnen und denken es sei echt. Andere wiederum verpassen ebenso nie eine einzige Folge ihrer Lieblingsshow mit dem Wissen, dass Vera den ganzen Tag nur einen vom Pferd erzählt und die Leute im "Dschungel-Camp" tatsächlich in einem kleinen vollständig verkabelten und künstlich angelegten Wäldchen nahe der australischen Großstadt Brisbane abhängen, anstatt mutig im Dschungel auszuharren.

Sogar gibt es Fälle, wo unser Wunsch nach Authentizität zu Missbrauch und Tierquälerei führt, wie traurige Beispiele vom Elefantenreiten oder dem Tigertempel zeigen. Solche Auswirkungen vom Tourismus kann man schrecklich finden oder aber noch besser als eine Aufforderung verstehen, sich verantwortungsbewusst über seine Reiseziele zu informieren und manche Formen des Tourismus zu überdenken. Solche Touristenfallen gilt es unbedingt zu boykottieren! Auch im Tourismus herrscht weitestgehend das Gesetz von Angebot und Nachfrage, welches dem Touristen eine gewisse Verantwortung zu Teil werden lässt.

Ertappt

Noch einen Tag verbringen wir am fünfstufigen Erawan Wasserfall, wo wir (und 5000 andere Touristen) im kristallklaren Wasser baden. Das Gelände bietet auch einen wunderschönen Campingplatz für die Nacht. Ellens Mutter darf im Auto schlafen, für mehr Authentizität selbstverständlich, während wir uns gemütlich im Zelt einkuscheln. Und schon geht es in Richtung Ozean, gen Süden, vorbei an Hua Hin. Naja, nicht ganz vorbei. Denn hier, in der ehemaligen königlichen Ferienresidenz, bemerken wir, dass Jonas seinen Reisepass an die überorganisierte Campingbehörde des Erawan Nationalparks verloren hat, sprich vergessen. Peng! Es hat uns einen ganzen Tag gekostet, die 300 km hier runter zu fahren und jetzt müssen wir den ganzen Weg wieder zurück? Jonas erweist sich als Kavalier und sucht ein Zimmerchen für die Damen, welche in der Zeit seiner Abwesenheit shoppen gehen dürfen. Er fährt alleine zurück und kommt erst am nächsten Tag wieder.

Schnell stellt sich heraus, dass sich der ruhige Badeort inzwischen zu einer Puffmutter für alte Säcke gewandelt hat – klein Pattaya wird es von so manchen genannt. Vielleicht haben wir eine falsche Ecke erwischt, doch unsere Auswahl der Unterkünfte besteht lediglich aus unbezahlbar oder versifft. Jedenfalls bietet für uns Hua Hin ein trauriges Bild: die Innenstadt scheint nur aus Bars zu bestehen, die gefüllt sind von jungen Thailänderinnen in Minirock, Ladyboys und fetten grauhaarigen Weißen. Ein Schild im Hostel, in welchem Galina und Ellen übernachten, weist darauf hin, dass man bitte auch die Schuhe ausziehen soll. Ein alter Sack versucht die Frau hinter der Bar davon zu überzeugen, dass in Thailand nur die Frauen Arbeit verrichten, er sieht sie an jeder Ecke, überall – nur Frauen. Er merkt ihren Sarkasmus nicht, als sie auf Jonas zeigend sagt: „Es ist doch überall unterschiedlich. Schau mal, das ist ein glücklicher Mann, er hat eine Frau in seinem Land gefunden.“ Er hört ihr nicht zu, wiederholt stattdessen zum hundertsten Mal: „Du bist so wunderschön!“

Der Duft von Chlorphenylid, ein Mottenmittel, liegt in den Gassen des Stadtzentrums – sonst würde es hier nach Sperma riechen, stellen wir uns vor. Wir wehren uns sehr dagegen uns den Stereotypen bzgl. Thailand-Urlaubern im Rentenalter zu unterwerfen, doch zu oft ist es zu offensichtlich, zu eindeutig. Wer trägt die Verantwortung für diesen Schandfleck, wer hat die Schuld? Was war zuerst da: das aufgetakelte Thai-Huhn oder das geschwollene Ei des westlichen Rentners? Angebot oder Nachfrage? Man kann sehr viel über diese Frage nachdenken, ohne auf ein Ergebnis für sich zu kommen. Doch die hohe Nachfrage nach dem Sextourismus erzeugt wohlmöglich die hohe Akzeptanz, auf drei Seiten. Die Frauen akzeptieren ihre Rolle, das „leichte Leben“ mit Sex erwerben zu können. Die Männer verzichten gerne auf eine gleichberechtigte Beziehung, wenn eine Frau in ihrer Abhängigkeit nicht weg rennt, egal welche Macken Mann an den Tag legt. Und es ist die allgegenwärtige Akzeptanz dieses schändlichen Lebenskonzeptes, mit welchem sich alte Säcke stolz brüsten. Nun, diese Schuld wollen wir nicht tragen, auch noch Schulterklopfer an die zu verteilen, die uns angeberisch mit ihren „Erungenschaften“ vollquatschen. Irgendwie müssen wir uns in Hua Hin für so viele Urlauber, unabhängig der Nation, fremdschämen. Leben und leben lassen, auch wenn es manchmal schwer fällt. Wir ziehen weiter.

Strand und Palmen im Postkartenformat

Endlich sind wir am Ozean angekommen, genauer gesagt am oberen Ende des Marine-Nationalparks Khao Sam Roy Yot. Schon merkwürdig, dass wir während der neunmonatigen Reise zum ersten Mal am Meer sind. Und augenscheinlich haben wir diesmal einen guten Ort erwischt. Weitab vom Massentourismus ist es hier genauso, wie man es sich vorstellt: beinahe menschenleerer, ewig langer, weißer Sandstrand mit Palmen und Bergen im Hintergrund. Wir genießen die Ruhe und die Meeresfrüchteplatte eines fabelhaften Restaurants.

Einige Tage vergehen und wir fühlen uns endgültig im Strandleben angekommen. Mit anderen Worten langweilen wir uns etwas und fahren deshalb in den Nationalpark weiter. Wandern und die Natur genießen, was wollen wir Meer?! Dazwischen lernt Galina auf einem Campingplatz das Zelten kennen und lieben – hatte sie doch zuvor noch nie im Zelt übernachtet. Und so ziehen wir noch weiter gen Süden, um uns irgendwo für die nächsten zwei Wochen nieder lassen zu können. Letztendlich landen wir in Bang Saphan, wo sich Ellens Mutter ebenfalls ein Zelt am Strand wünscht. Alle Überredungskünste nützen nichts, so „müssen“ wir für die gesamte Zeit in den „Sauren Apfel“ beißen und im kleinen Bungalow mit Terrasse wohnen, während Galina unter Pinienbäumen ihr Zeltlager aufschlägt. Wir sind ziemlich beeindruckt und erfreut über Galinas Abenteuerlust.

Irgendwie haben wir den perfekten Ort gefunden, um uns von allen stressigen Lebenslagen zu erholen. Eine sehr individuelle Sicht der Dinge, doch für uns ist es genau das Richtige. Deswegen kann man sich den Rest unserer „Aktivitäten“ wohl besser auf den Bildern anschauen. Dank Ellens Mutter, die ihre neue Berufung als Vollzeit-Paparazzi gefunden hat, ist diesmal wirklich jede Minute unserer Reise dokumentiert. Nur noch eine Sache wäre vielleicht erzählenswert: wie wir andere Overlander treffen. Ein Deutscher mit seiner thailändischen Frau (ein gegenteiliges und sehr nettes Beispiel von einer internationalen Beziehung) sind mit einem zum WoMo umgebauten Pickup-Taxi unterwegs. Wir sind im gleichen Guesthouse und verstehen uns super! Nach einem Einkauf in der Stadt erzählen Sie uns, dass sie gerade ein deutsches Pärchen mit einem roten VW-Bus getroffen haben. Während wir schon eine Vermutung haben, wer es sein könnte, da sich mehr oder weniger alle derzeit reisenden Overlander aus dem Internet kennen, finden wir eine E-Mail im Postfach: „Hey, wir haben jemanden getroffen, der sagte da stehen welche mit einem schwarzen Defender. Das seid doch ihr, oder?“ Klar sind wir das! Koordinaten ausgetauscht und schon fahren wir Benni und Verena in der nächsten Bucht besuchen. Eine zufällige Begegnung mal anders – für irgendwas sind unsere Blogs also doch gut!

Lost in Bangkok

Zwei Tage vor Galinas Rückflug sind wieder zurück in Bangkok. Gemeinsam wollen wir ins Stadtleben eintauchen, durch die Straßen schlendern. Noch ein letzter Tempel steht auch auf dem Programm. Bis ins Siam Zentrum fahren wir mit der BTS (Schwebebahn) und wollen von da aus laufen (sieht es doch auf der Karte recht nah aus). Doch das ist Bangkok. Eine ältere „nette“ Dame spricht uns an, ob wir Hilfe brauchen und wo wir hin wollen, als wir verplant die Straßennamen mit unserer Karte abgleichen. Sie rät uns ein TukTuk zu nehmen, da es noch sehr weit von unserem aktuellen Aufenthaltsort entfernt sei. Nundenn, schwingen wir uns in ein TukTuk, gehört ja irgendwie auch zu Bangkok, so eine verrückte Fahrt durch die Stadt. Was scheinbar noch dazu gehört, ist von einem TukTuk-Fahrer abgezogen zu werden, so machen wir diese Erfahrung auch gleich mit. Dieser Ganove bringt uns zum Fluss statt zum Tempel. Dort versuchen uns die Leute eine Bootstour für 40 € anzudrehen (pro Person!) und wollen uns ums Verrecken nicht rausrücken, wo das öffentliche Verkehrs-Boot abfährt. Dabei wollen wir doch nur zu dem verdammten Tempel! Da uns unser Fahrer nur für eine ungeheure Summe zum eigentlichen Ziel bringen will, sagen wir ihm ein paar nette Worte zum Abschied und nehmen ein anderes TukTuk. Auch sein Preis ist deutlich zu hoch, zudem bringt er uns zu einem falschen Tempel. Naja, schön ist er trotzdem – also rein da. Wir kennen es ja eigentlich aus Cairo, handle niemals einen Preis für eine Strecke aus, die du zuvor noch nicht gefahren bist bzw. von der du nicht die Entfernung in Kilometern weißt.

Ja, Bangkok ist unglaublich groß. Damit hatte die Dame nicht gelogen. Hier ist nichts in der Nähe, nichts wirklich zu Fuß erreichbar, was wir schnell merken, als wir stundenlang quer durch diese riesige Stadt laufen. Es gibt kein richtiges Zentrum, es ist einfach eine unübersichtliche Masse an Urbanität. Fernab von schnieken Bankenvierteln und Hyper-Einkaufszentren ist alles laut, es stinkt, es gammelt – doch auf eine verquerte Art und Weise fühlen wir uns beide wohl in diesem Chaos. Ellens Mutter dagegen vermisst in diesem Moment ihr trautes Heim, die saubere Luft, welche nicht nach Kanalisation und Abgasen stinkt. Ihre kleine Reise geht zu Ende. Wir essen zum Abschluss im Dach-Restaurant des Bayoke Skytowers. Vom 84. Stockwerk überschauen wir diese unglaubliche Stadt, die nach und nach ihre ganze Lichterpracht entfacht. Ein würdiger Abschied für einen Besuch in diesem faszinierenden Land. In welchem Land Galina uns als nächstes besuchen kommt, das weiß noch keiner von uns.

Eine kleine Sinnkrise

Unbemerkt haben wir während der Zeit mit Galina doch noch einen Kulturschock erlitten. Einen Schock über die Tourismus-Kultur. Oft stellen wir uns die Frage, was wir als Reisende anders machen können, um nicht in solche Fallen zu geraten, keinen Nährboden für Abzocker zu bieten, eine gesunde Beziehung zwischen Touristen und Heimatvölkchen zu schaffen. Oder ist das wohlmöglich ein unabdingbarer Teil der Touristenwelt, in die wir uns hineinbegeben sobald wir unser trautes Heim verlassen, um die weite Welt zu erkunden? Oder ist das der Unterschied zwischen Urlaubern und Reisenden? Wir glauben es ist ganz einfach: Es gibt Menschen, die nur ungerne ihre Vorstellungen an der Wahrheit zerbersten sehen, sie wollen ihre rosa Brille aufbehalten, den Haufen Scheiße, der in so mancher Ecke eines Paradieses schlummert, nicht mit aufs Bild nehmen, wegesehen. Das alles hat aus unserer Sicht aber weniger mit der Art des Reisens zu tun, sondern vielmehr mit der persönlichen Einstellung. Ob ihr euch Reisende, Urlauber oder Touristen nennt – jeder hat die Chance etwas Echtes zu entdecken, etwas Wahres und deshalb Authentisches. Auch wenn es sich dabei nicht grundsätzlich um ein gutes Fotomotiv handelt. Man muss nur genauer hinschauen wollen. Vielleicht zerplatzt danach die eine oder andere Seifenblase. Aber es soll keine Enttäuschung sein, sondern eine Annäherung der Vorstellung, wie die Welt zu sein scheint, an die Realität.