Navigation

Ende gut, alles gut – Teil 2: Abschied

Indonesien

Asien 2014-2016

Nun wird es ernst. Wir haben uns mit der Agentur auf einen Verschiffungstermin geeinigt. Ganze sechs Wochen nehmen wir uns Zeit, unser Auto und dessen Inhalte auf das Sauberkeits-Niveau eines Neuwagens zu kriegen (und nebenbei weiter am Computer zu arbeiten). Die Einfuhr von Fahrzeugen nach Australien ist ein außerordentlich aufwendiges Unterfangen, da die Australier keinerlei Pflanzensamen, Schmutz oder Insektenreste bei der Ankunft akzeptieren. Dies ist dem Inselcharakter Australiens geschuldet, zu viele Unfälle sind bei der bewussten oder unbewussten Einfuhr von nicht heimischem Leben in der Vergangenheit passiert.

Den detaillierten Exkurs über die Herausforderungen, sein Fahrzeug nach Australien zu verschiffen, gibt es in einem separaten Bericht. Zwischendrin haben wir aber auch versucht, uns etwas von dem normalen Leben zu bewahren, und darum geht es hier, in diesem Bericht, schließlich.

Als erstes kehren wir wieder zurück in den Norden Balis, in das Haus von Susa. Gerade macht sie Heimaturlaub bei ihrer Familie in Deutschland, so bekommen wir leider keine Gelegenheit sie wieder zu sehen. Doch das Haus dürfen wir als unsere Basis nutzen – eine große Erleichterung für unser Vorhaben, bei welchem wir doch so viel Raum, Zeit und Ruhe benötigen.

Bevor wir jedoch zu Putzteufeln mutieren, ziehen wir noch eine Schleife durch den Süden Balis. Jürgen, den wir vor zwei Jahren in Laos kennen lernten, macht gerade Urlaub auf Bali und wir vereinbaren ein Wiedersehen. Gleichzeitig erfahren wir auch, dass ein Jugendfreund von Jonas, Marc, ebenso nach Bali zum Surfen gekommen ist. In einer Wochenend-Tour fahren wir die beiden Stationen ab und besuchen auf dem Rückweg sogar noch einmal Laura und Chris, die wir erst in Australien wieder sehen werden.

Balinesische Hilfsbereitschaft

Die nächsten Wochen machen wir nicht viel mehr, außer schrubben, waschen und ausmisten. Würde nicht Marley, Susa's bester Freund, ab und zu vorbei kommen, würden wir vermutlich jede soziale Fähigkeit verlernen. Marley ist allem Anschein nach der netteste Kerl in Bali und eine echt gute Seele. Er hilft uns mit dem Haushalt, kehrt Laub im Garten, kümmert sich um Strom und Wasser, ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Oft haben wir ein schlechtes Gewissen, beteuern, dass er nichts machen muss und wir einfach seine Gesellschaft genießen. „Ihr habt auch so genug zu tun! Lasst mich das machen.“ – winkt er stets ab.

Irgendwann bringt Marley Gede mit – einen Freund von Susa, den wir bisher nicht kennen gelernt haben. Gede überzeugt uns durch seinen Hippie-Rocker Stil auf den ersten Blick. Durch seine Jobs in der Tourismusbranche spricht er ein perfektes Englisch und kann uns viel erzählen: über das echte Leben in Bali, über seine Familie, die Probleme, die sich für ihn im Leben stellen, und die Lösungen, die er dafür findet. Wir philosophieren über das Leben und tauschen unser Erlebtes und Erlerntes mit seinem aus. Dabei haben wir das Gefühl durch diese Gespräche das Leben in Bali besser verstehen zu können, vielleicht sogar stellvertretend für ganz Südostasien. Dafür sind wir sehr dankbar.

Die für uns wohl schönste balinesische Tradition, so erzählt uns Gede, sind die Gemeinschaften, aus welchen heraus ganze Dörfer organisiert werden. Die unmittelbare Nachbarschaft bekommt einen höheren Stellenwert als bei uns. Sie wird zu deiner neuen Familie, denn die Echte ist häufig zu weit weg. Bei deinen Nachbarn suchst du nach Rat, Hilfe und Unterstützung. Sie sind in allen Lebenslagen für dich da, ob es brennt oder du krank wirst.

An unserem Abreise-Tag bekommen wir das wahre balinesische Gemeinschaftsdenken vorgelebt. Während Susa's Haus noch voll ist mit unserem Krempel, stehen die beiden Jungs ganz früh auf der Matte. Gede macht Kaffe, Marley holt Obst zum Frühstück. „Was gibt es noch zu tun? Wir sind da, um zu helfen!“ – Wie berührt wir in diesem Moment sind, lässt sich wohl kaum in Worte fassen. Bis zum späten Nachmittag wird gemeinsam geputzt und gepackt. Ohne euch, Marley und Gede, hätten wir es nicht geschafft!

Javanesische Gastfamilie

Ähnlich hektisch, wie wir damals Stuttgart bei Reiseaufbruch verlassen haben, brechen wir nun in Richtung Java auf. Nach dem Fährübergang halten wir an einer Rasthoftoilette. „Hey, ich habe euch vor einem Monat in Bali gesehen!“, quatscht uns ein netter Indonesier an. Ja, dieser Teil der Welt ist uns nicht mehr fremd und auch nicht befremdlich. Inzwischen haben wir das Gefühl, überall Freunde zu haben.

Surabaya empfinden wir als eine recht nette Stadt. Keinen einzigen Touristen entdecken wir auf der Straße, denn es gibt hier einfach nichts zu sehen – außer den Hafen, von wo aus wir unser Auto in Kürze Richtung Australien schicken wollen. Wie selbstverständlich navigieren wir uns durch den dichten und chaotischen Großstadtverkehr und checken im Kassanda Guesthouse ein. Während wir in der folgenden Woche alle abschließenden Herausforderungen bezüglich unserer Verschiffung meistern, haben wir zusätzlich die Gelegenheit, die Betreiber-Familie des Guesthouses kennen zu lernen.

Paul ist ein passionierter Musiksammler mit einer Kollektion von über 10.000 Schallplatten. Er und seine Frau sind chinesischer Abstammung und adoptieren uns beinahe während unseres Aufenthalts. Vermutlich liegt es daran, dass ihre Tochter Meli in unserem alter ist. Meli und ihr Ehemann Rudy nehmen uns einige Male mit in die umliegenden Bars, um uns von dem Putzwahnsinn abzulenken.

An einem Wochenend-Tag nimmt uns Rudy auf einen Photoausflug mit seinen Freunden mit. Unser Ziel ist das arabische Viertel. Die Jungs sind alle Hobbyfotografen, so fühlen wir uns nicht all zu sehr wie Aliens mit unserer Kamera in dem authentischen und fast altertümlichen Stadtteil „Ampel“. Mit Hilfe solcher Aktivitäten schaffen wir es, immer wieder etwas auf zu tanken. Es gibt uns die nötige Energie weiter zu machen.

Paul dagegen wird unser Ansprechpartner in organisatorischen Fragen, fährt mit uns durch die Stadt um nach einer passenden Autowäscherei zu suchen und leiht uns seinen Kärcher aus. Gerade in dieser unglaublich anstrengenden Putzphase hilft uns das enorm.

Einige Putztage später können wir den geliebten Landy verladen und endlich erleichtert aufatmen. Noch einige Tage verbringen wir mit unserer neuen Familie, doch dann müssen wir uns auch schon verabschieden. Der Flug nach Bali, wo wir die letzten zwei Wochen verbringen wollen, ist bereits gebucht. Erneut können wir nichts weiter tun, als uns tausendfach für die Gastfreundschaft zu bedanken. Paul erwidert: „Ich nenne es das Dschungelgesetz!“. Er erklärt uns die Bedeutung und das für uns passendste deutsche Äquivalent ist wohl: „Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus“. Ein sehr schöner Begriff.

Zuhause in Indonesien

Zwei Stunden Flug. Zwei Stunden Fahrt. Wir sind wieder in Ubud (Bali) – dort, wo es uns am Besten gefallen hat. Budi empfängt uns mit offenen Armen. Alles ist wieder so, als ob wir nie weg waren. Nur haben wir diesmal unser rollendes Zuhause nicht dabei. Wir versuchen die letzten Projekte am Computer abzuschließen und schlendern weiter durch die gewohnten malerischen Gassen. Zwischendrin kommt uns Michael auf seinem Motorrad besuchen, den wir seit Süd-Sumatra nicht mehr gesehen haben. Zusammen verbringen wir einige trunkene Abende voller Erinnerungen an diese spannende Zeit.

In der letzten Woche kommen Marley und Gede aus dem Norden zu uns gefahren. Sie nehmen uns auf ein Vespa-Festival mit, welches das größte in Indonesien sein soll. Die Indonesier sind nämlich wahre Vespa-Fans und es gibt hier die original italienischen Roller in allen erdenklichen Variationen – angefangen vom besten Originalzustand bis hin zur Unkenntlichkeit modifiziert. Obwohl wir uns einige Male wünschen unsere Kamera dabei zu haben, genießen wir es umso mehr uns in Gesellschaft guter Freunde zu wissen und einfach durch das feiernde Volk zu schlendern. Nach dieser durchzechten Nacht fühlen wir uns endgültig wie Zuhause.

Während der Abschluss-Phase unserer Reise haben wir so viele echte Freunde, innige Begegnungen und sogar neue Familien gefunden. Hier in Ubud haben wir nette Nachbarn, einen fabelhaften Vermieter (der uns sogar einen Job in seinem Guesthouse anbietet). Es gibt Co-Working Spaces, die perfekte Arbeitsbedingungen für uns bieten und zudem auch noch voll mit Gleichgesinnten sind. Unzählige Gründe für's Bleiben. Ja, unser Auto ist weg. Unsere Asienreise ist so gut wie vorbei. Doch genau in diesem Augenblick, hat scheinbar etwas anderes begonnen. Ist es nicht eigenartig, dass wir uns plötzlich Zuhause fühlen?

Wir haben das Gefühl, dass es für immer so weiter gehen könnte. Wir würden immer mehr Neues entdecken, uns immer tiefer in den balinesischen Sog ziehen lassen, uns vielleicht nie wieder losreißen können. Doch eine Entscheidung, die wir vor Monaten gefällt haben, als wir den Flug nach Australien buchten, reißt uns nun beinahe künstlich heraus. Wir agieren nur noch, folgen unserem weit in der Vergangenheit konstruierten Plan und steigen ins Flugzeug.

Aus dem nächtlichen Himmel sehen wir wehmütig herunter auf die immer kleiner werdenden Lichter von Bali's Hauptmetropole. An Schlaf ist heute nicht zu denken. Lieber denken wir an das „was war“ und „was werden könnte“.

Ein schwerer Abschied

Vielleicht sollte man gehen, wenn es ab Besten ist. Zwei Jahre Südostasien. Zwei Jahre, in welchen wir versucht haben uns in alles hinein zu versetzten, zu verstehen, zu hinterfragen. Manchmal ist es uns besser gelungen, ein anderes Mal schlechter. Vollständig werden wir Asien womöglich niemals begreifen. Unseren kulturellen Hintergrund konnten und wollten wir zu oft nicht ablegen. Bali empfinden wir als eine Art Zusammenfassung von so vielem, was wir in Südostasien kennenlernen durften. Das gute und das schlechte davon.

Wir erinnern uns an die stinkigen Fleischmärkte, die besonders in Laos alles zu bieten hatten, was einmal ein schlagendes Herz in sich trug. Ebenso Teil unserer Reise war, wie Jonas in Vientiane beinahe von einem Hund gebissen wurde oder das „Hello mister“ in Indonesien, welches einen fast in den Wahnsinn treiben könnte. Nicht zu vergessen natürlich die abenteuerreiche Rollerkultur, welches jedes motorisierte Zweirad als Umzugsmobil, Taxi für die ganze Familie oder bei Bedarf auch Schweinetransporter nutzen lässt. Wir denken an die deliziösen indischen Restaurants in Nong Kiaw oder Melacca zurück und besonders an unser kleines Kätzchen Gollum, welches wir noch immer so sehr vermissen.

Ebenso stetige Begleiter in den letzten zwei Jahren waren die immerwährende Sprachbarriere, eine extreme Hitze, die Touristenfallen in Thailand, die saftigen Regenwälder und gleichzeitig Berge von Müll, Straßentieren, schlechter Hygiene und armen Menschen. Unzählige Begegnungen, Abenteuer und Eindrücke schießen uns in die Köpfe. Wir haben erfahren wie es ist, wenn die Hautfarbe immer Teil des ersten Eindrucks deiner Person ist und dabei grenzenlose Offenheit sowie auch Ablehnung und Rassismus erlebt.

Es war sicher nicht immer leicht, aber was ist das schon? Wir blicken gerne auf diese intensive Zeit unseres Lebens zurück und freuen uns gleichzeitig auf neue Abenteuer in Australien. Es wird vermutlich nicht nur ein neues Kapitel, sondern ein ganz neues Buch werden. Ein neuer Kontinent, eine andere Art zu reisen und ein anderes Klima. Eines steht fest: Wir sind unglaublich gespannt und sind sicher, dass die Zukunft andere spannende Zeiten für uns bereithält.

Mit einem lachenden und einem weinenden Auge kehren wir Südostasien den Rücken. Auf bald und Danke, du Wucht!