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Hängenbleiben in Georgetown

Malaysia

Asien 2014-2016

Eigentlich wollten wir nur eine Woche in der netten malaysischen Stadt verbringen, welche zum UNESCO Kulturerbe gehört. Als wir nach dem Grenzübergang auf dem direkten Weg unser erstes Ziel in Malaysia, die Insel Penang mit dessen Hauptstadt Georgetown, ansteuern, wissen wir noch nicht, dass wir ganze 1,5 Monate dort hängen bleiben werden. Gibt es denn da so viel zu sehen? – werden sich nun manche fragen. Ja, durchaus, aber könnten Sehenswürdigkeiten uns jemals so lange an ein und denselben Ort fesseln? Um ganz ehrlich zu sein, wissen wir bis heute keine eindeutige Erklärung für unser Hängenbleiben in dieser recht versmogten, aber schönen und spannenden Altstadt. Scheinbar führten einzelne Situationen, Entscheidungen und Begegnungen wie eines zum anderen und bewegten uns schließlich immer wieder zum Bleiben.

Im Multi-Kulti-Land

Malaysia ist kulturell eines der vielfältigsten Länder unserer bisherigen Reise. Das liegt insbesondere an den verschiedenen Bevölkerungsgruppen, die sich in dem Land ansiedeln. Ethnische Malaien sind nur zu 50% vertreten und sind überwiegend Moslems. Der Islam ist gleichzeitig die Staatsreligion. Etwa einen Viertel der Bevölkerung stellen Chinesen dar, die schon seit vielen Generationen in Malaysia sesshaft sind. Das restliche Viertel teilt sich in Inder, Indigene Völker und sonstige Minderheiten auf. Wie man leicht durchschauen kann, bringt dieser ethnische Mischmasch noch weitere Religionen mit sich. Anfangs staunen wir nicht schlecht, wie Chinesisch-Taoistische neben Hinduistischen Tempeln Platz finden, während wie nebenher der Ruf des Muezzins aus der benachbarten Moschee ertönt. Hier und da entdecken wir auch mal eine Christliche Kirche (nur um einige erwähnt zu haben).

Da Jonas noch ein Projekt abzuwickeln hat, fahren wir ein Guesthouse mitten in der Altstadt an, welches sowohl einen Parkplatz als auch eine moderate Internetverbindung vorweisen kann. Wir landen im preiswerten „Hotel Nobel“ mit der Traumlage zwischen Chinatown und Little India und sind somit quasi mittendrin. Das indische Viertel wird fortan unser tägliches Ausflugsziel, denn wir verlieben uns in das Essen, die lebendige Atmosphäre, die bunten Kleider, exotische Gerüche und die laute Musik, die doch so anders sind als im restlichen Asien. Der vegetarische „Thali“ wird unser Stammrestaurant seit dem ersten Abend.

Auch das Hotel Nobel stellt sich als eine Unterkunft der besonderen Art heraus. Hier landen alle Art von sonderbaren Vögeln, Langzeitreisenden und Vagabunden (wir scheinen also in bester Gesellschaft zu sein). Ein älterer Europäer in zerlumpter Kleidung und Strohhut bringt uns manchmal Essen aus dem Hari Krischna Mobil vorbei im Austausch für eine gute Tasse Kaffee – er reist bereits seit über 30 Jahren. Ein anderer Kandidat lebt hier in periodischer Weise mit seiner indonesischen Frau und dem gemeinsamen Sohn, dabei wirkt er eher wie ein alternder Hooligan. Auch seine Schwestern hat der Neuseeländer dabei. Wie interessant dass sie hier monatelang einfach so leben. Ein 70 jähriger kerniger Deutscher erzählt uns, er habe mit 40 den Krebs besiegt und ernährt sich seit dem ausschließlich durch Rohkost. Er sei stets auf der Suche nach interessanten Begegnungen, um voneinander lernen zu können und kommt deswegen immer wieder in das Nobel Hotel. Jedenfalls könnten wir nach der Zeit in dieser familiengeführten chinesischen Unterkunft sicherlich ein hollywoodreifes Drehbuch alá Grand Budapest Hotel entwickeln.

Smogalarm

Die Sicht in Georgetown wird nach und nach trüber, der sogenannte „Hase“ (= dichter Smog) hat sich über Malaysia ausgebreitet. Die sonst aus unseren Fenstern sichtbaren Hochhäuser der neuen Stadtgebiete verschwinden im Dunst und Rauch. Schuld daran sind die Waldbrände in Indonesien. Sowohl auf der Insel Sumatra, als auch auf Borneo lodern mehr als 3000 Brandherde, der ungünstige Wind treibt die Rauchschwaden seit Wochen über die Malaysische Halbinsel. Bereits in Krabi sind wir mit dem beißenden Rauch konfrontiert worden, seitdem wird die Situation nach und nach schlimmer. Inzwischen werden in Kuala Lumpur Schulen geschlossen, an Flughäfen Masken ausgeteilt, tausende Menschen leiden an Atemwegserkrankungen.

Jedes Jahr werden in Indonesien legal und illegal Waldflächen brandgerodet, um Platz für immer mehr Palmölplantagen zu schaffen. Dabei gibt es in Indonesien so viele Tierarten, wie kaum sonst irgendwo auf der Welt. Unser genetischer Verwandter, der rote Orang Utang, erleidet ein schweres Schicksal in Rauch und Flammen. Mit Leichtigkeit erhebt sich der Malaysische und Thailändische Zeigefinger. Groß ist das Klagen über den Smog. Haben sie doch im eigenen Land die geldbringenden Plantagen bereits über Jahrzehnte großflächig anlegen können, als der Naturschutz noch in den Kinderschuhen steckte. Etwas dagegen unternehmen kann scheinbar niemand. Auch in Europa wird weiter fröhlich Biodiesel getankt, Nutella aufs Brot geschmiert und unzählige andere Produkte mit Palmöl konsumiert, als wenn es niemanden etwas angehen würde. Tut es auch nicht, solange diese schreckliche Naturkatastrophe in den europäischen Medien kaum Beachtung findet. Und der Problem-Rauch, so hofft man, löst sich irgendwann einfach in Luft auf.

Während dieser Zeit bleiben auch wir lieber im Zimmer (ob‘s was bringt?), haben wir doch schließlich einige Sachen auf dem Programm. Wir überarbeiten unsere Webseite, schreiben Berichte und erledigen bezahlte Jobs. Plötzlich stehen Anna und Felix bei uns im Zimmer. Wieder haben sie unser Auto beim Vorbeilaufen entdeckt und scheuen es nicht vorbei zu schauen – so wie bereits auf Koh Phangan. Was für ein Zufall! Diesmal schaffen wir es tatsächlich die gegenseitige Begutachtung unserer Reisefahrzeuge durchzuführen und veranstalten sogar eine kleine Datenaustausch-Party. Dann müssen sich die beiden nach Kuala Lumpur aufmachen, Termine warten auf sie. Auch wir wollen eigentlich bald weiter fahren.

Kultur-Tourismus oder wie man immer wieder den Absprung verpasst

Georgetown ist so unglaublich vielfältig, dass es sich des Öfteren so anfühlt, als hätte jemand diese Stadt in feinster Patchwork-Arbeit aus verschiedensten Städten dieser Welt zusammengenäht. Gerade stehst du noch in China Town und genießt eine Nudelsuppe, schon erstrahlen um die Ecke plötzlich englische Kolonialvillen in Weiß, zwei Straßen weiter gehören bunte Saris zur Kleiderordnung, während fast aus jedem Laden ohrenbetäubende Bollywood-Musik ertönt. Am Ende des Viertels versammelt sich gerade die Moschee-Gemeinde zu einem Gebet und Frau trägt ausschließlich Kopftuch. Und im Hintergrund erstrahlen die ersten Spitzen der Hochhäuser, umrahmt von hochmodernen gigantischen Shoppingmals. Unglaublich! Bevor wir also unseren geplanten Aufbruch wahrnehmen wollen, ziehen wir noch ein kleines Touristen-Programm durch, indem wir durch alle möglichen Gassen schlendern und einige der berühmten Street Art Kunstwerke bestaunen, welche so manche Wände der denkmalgeschützten Gemäuer schmücken. Georgetown entwickelt sich gerade zu unserer Lieblingsstadt.

Beinahe wären wir auch gefahren, hätten wir nicht den Flyer mit dem unzähligen Kulturangebot aus Ausstellungen, Veranstaltungen und Märkten entdeckt. Irgendwie war es uns beiden nicht klar, wie sehr uns ein Kulturprogramm in den letzten Monaten gefehlt hat. Auch dafür lieben wir Georgetown und kommen nicht umher einige Termine, wie das Freedom Film Festival, wahr zu nehmen. Dies bedeutet natürlich ebenfalls eine Verzögerung der geplanten Weiterfahrt.

Obendrein ist Jonas Geburtstag nicht mehr weit, so beschließen wir auch diesen noch in Georgetown zu feiern. Eine legendäre Kneipe soll genau bei uns um die Ecke sein, die das günstigste Bier der Stadt verkauft. Nur was genau ist das legendäre an dieser Gossenschnapsbude? Das wird uns schnell klar, als wir uns mit sechs Bierdosen und je einem Plastikstuhl nach einem freien Plätzchen umsehen. Sofort werden wir in eine buntgemischte Gruppe aus Expats, gutgekleideten Chinesen und bettelarmen Indern integriert. Wir genießen die angeregte Unterhaltung und freuen uns, dass alle mehr oder weniger gutes Englisch beherrschen, was in Malaysia wegen der Britischen Kolonialzeit zum guten Ton zu gehören scheint. Das Billigbier fließt in Unmengen; ein indischer Rikscha Fahrer macht Scherze über seine elften und zwölften zusätzlichen Finger, die ihm aus den Daumen wachsen; ein Chinese erzählt uns viel über diese einfache Straßenkneipe, in der es keine Standesklassen und Hierarchien gibt. Und zum Schluss singen alle sogar gemeinsam Lieder. Wie betäubt watscheln wir schließlich in unser Zimmer und fallen betrunken und von Eindrücken gesättigt ins Bett.

Viel Arbeit und ein Festival

Eigentlich wollten wir ja schon längst fahren, doch es flattert unerwartet noch ein Auftrag ins Haus. Was tun? Hastig einen anderen Ort suchen? Erneut einleben, sich um die nötige Infrastruktur kümmern? Nein, wir bleiben lieber. Haben wir doch hier bereits alles was wir brauchen, und es gibt durchaus schlechtere Orte um zu arbeiten. Für die Dauer des Jobs beschließen wir also unseren Aufenthalt im Hotel Nobel zu verlängern, jedoch die freie Zeit nebenher für eine besondere Optimierung zu nutzen: wir lassen uns einen Rahmen für ein neues Sonnen-/Regendach ans Auto schweißen. Schon länger haben wir an diesem Konzept gearbeitet. Endlich soll es Realität werden und uns in der Regensaison mehr Freiraum in der Natur bieten.

Die Schweißarbeiten hätte Jonas, wie ihr euch sicher vorstellen könnt, am liebsten selber gemacht. Mangels Gerätschaften sollte der Auftrag dann doch an einen Handwerker aus der Nachbarschaft vergeben werden. Wir einigen uns schnell auf einen Preis und schon geht es los. Den Rahmen hat er ja ganz gut vorbereitet, doch nun wird die Halterung direkt über Lack geschweißt. Jonas blutet das Herz mehrmals, doch er erträgt die in dem Moment schwere Rolle des Zuschauers mit Bravur – den „Fachmann“ will man ja nicht vor den Kopf stoßen. Immerhin sind die Nähte sauber. Das Stahlgerüst lackieren wir aber doch lieber selber, denn anhand der hier fahrenden Karren scheint den Malaien etwas Rost an der Laube nichts auszumachen. So vergeht ein ganzer Tag, während wir im Smog und Lackdunst auf dem Nobel Parkplatz schwitzen. Für diese geile Neuerung machen wir das aber gerne.

Ausgerechnet heute, wo wir körperlich so geschafft sind, gibt es noch eine spannende Sache zu sehen: das Fest der neun Kaisergötter. Diese traditionell Chinesischen Feierlichkeiten (die jedoch nicht in China gefeiert werden) dauern ganze neun Tage und finden heute Abend den krönenden Abschluss in einem zeremoniellen Umzug. Als wir nach gefühlt ewigem Suchen doch noch auf die farbenfrohe Prozession stoßen, glauben wir kaum unseren Augen. Unzählige Kerzen erhellen die Straße, der Duft von Räucherstäbchen liegt in der Luft, Trommler erzeugen feierliche Rhythmen, dekorative Umzugswägen und Tragen reihen sich aneinander, in Weiß gekleidete Menschen folgen allesamt einer zeremoniellen Marschroute. Und wir hinterher. Manche der Teilnehmer haben sich ganz in Trance versetzt, sie tragen festlich gelbe Roben. In einem Akt der rituellen Selbstkasteiung stechen sich die Beteiligten lange Metallstäbe durch die Wangen. Sie scheinen völlig weggetreten zu sein und laufen so stundenlang umher, bis die Geister sie als Medien wieder verlassen. Was für ein abgefahrener Ritus.

Als wir beeindruckt, jedoch völlig erschöpft nach Hause (ehm, in unser Hotel) kommen, überreicht uns der dicke nette Chinese an der Rezeption einen Zettel: „Hey ihr Nasen, habt ihr Lust auf ein Treffen?“ – Visitenkarte und Telefonnummer. Der Anfang einer Liebesgeschichte.

Die mit dem GrassVan

„Ach komm schon, weitere ein oder zwei Tage würden auch keinen Unterschied mehr machen!“ – schießt es uns in den Sinn als wir mit Caro, Tobi und Max auf der Suche nach einem geeigneten Frühstück durch die Straßen von Georgetown schlendern. Nach dieser witzigen Kontaktanzeige können wir nicht umher uns mit diesen feinen Weltenbummlern zu treffen. Seit vier Jahren sind sie bereits Unterwegs: reisen zunächst mit dem Rucksack durch Russland, Mongolei, China, Indien und Südostasien, arbeiten in Australien und Neuseeland, bekommen dort Nachwuchs –  den süßen Max, und kaufen sich schließlich ein Auto, um damit nach Hause, nach Deutschland zu fahren. Wir verstehen uns von Anbeginn blendend, haben einander tausend Dinge zu erzählen und sind völlig davon begeistert, wie die Beiden als weltreisende Eltern drauf sind.

Als wir in die Straße einbiegen, wo das rollende Zuhause der kleinen Reisefamilie parkt, fällt uns glatt die Kinnlade runter: „Das ist unser GrassVan!“ – präsentieren sie stolz. „Euer was???“ Ganz genau, es ist ein Bus beklebt mit Kunstrasen, und das von Oben bis unten. Ein GrassVan eben. SO etwas haben wir noch nie gesehen! Noch einen weiteren Tag verbringen wir zusammen, verlieren uns in Shoppingmals, schlemmen typisch Malaysische Süßigkeiten und genießen guten Kaffee in dem Café, wo die beiden gerade gegen Unterkunft arbeiten, um die Reisekasse zu schonen.

Dann schaffen wir tatsächlich den Absprung. Zwanzig Kilometer weiter Nördlich von Georgetown soll es einen schönen Nationalpark geben. Das ist unser Ziel – endlich wieder in die Natur. Wir fahren einen verlassenen Strandabschnitt an, ein Tipp zum Übernachten auf der Plattform ioverlander.com. Hier erleben wir den ersten Tag mit blauen Himmel, nachdem letzten Endes der Smog vollständig abgezogen ist, bleiben ganze fünf Tage. Wir genießen das einfache Strandleben, kochen wieder selber und lassen uns von einer kühlen Meeresbrise anwehen. Leider lässt es sich nicht so gut schwimmen, denn gerade ist Regenzeit, was gleichzeitig Würfelquallen Saison bedeutet. Nachdem Ellen schon zwei Mal das schmerzhafte Vergnügen hatte, sind wir vorsichtig geworden. So gehen wir lieber in dem schönen Nationalpark wandern. Dank der ausgezeichneten Wanderwege dürfen wir auf eigene Faust losziehen, besuchen das Aufzuchtzentrum von Riesenschildkröten und sehen unzählige Affen entlang der Trampelpfade.

Auch treffen wir an unserem Strandlager eine weitere Familie im VW-Bus: Maik, Anne und den fünfjährigen Finnley. Ihr Auto haben sie vor kurzem nach Malaysia verschiffen lassen. Sechs Monate soll es gemeinsam durch Südostasien gehen, bevor der Kleine, zurück in Deutschland, eingeschult werden soll. Ehe wir zurück nach Georgetown fahren, lassen wir schnell noch einige Tipps da. „Wie zurück?!“ – „Ehm, ja, nun… wir haben versprochen, an Caros Geburtstag dabei zu sein.“ – Macht nichts, wir wollen doch nur ein oder zwei Tage bleiben.

My Armenian Café

Anstatt der angedachten ein oder zwei Tage, wie ihr euch nun sicher schon ausmalen könnt, bleiben wir ganze drei Wochen. Der vorgeschobene Grund: diesmal bekommen wir die Gelegenheit uns einzubringen. Wie bereits angedeutet, ist der Touristenmagnet von Georgetown Kunst und Kultur. Durch die berühmten Street Art Kunstwerke hat sich eine lebendige Kunstszene in der Stadt entwickelt, die ganze Schwärme an Kunstliebhabern anzieht. Auch das Cafè, in welchem Caro und Tobi arbeiten, ist im erweiterten Sinne eine Kunstgalerie. Nicht nur einfache Barista-Tätigkeit haben die Beiden als Aufgabe: Caro, die selber Innenausstatterin ist, hat sich zum Ziel gesetzt den erst neu eröffneten Laden so richtig aufzumöbeln. Sie plant die Inneneinrichtung, hängt Bilder um und schreibt einladende Werbetafeln, während Tobi für so manche neue Baumaßnahme verantwortlich ist. Eine leere unförmige Wand begrenzt den an und für sich schönen Raum, kein Bild kann an ihr Platz finden, um einen optischen Anreiz zu bieten. So macht Ellen schüchtern ein Angebot: „Ich könnte ja etwas darauf malen.“ – Schnell wird aus einer saloppen Idee plötzlich ernst.

Das Geschäft wurde nach der berühmten Touristenmeile „Armenian Street“, in welcher es ansiedelt,  erwartungsgemäß „My Armenian Café“ getauft. Da sowohl die Straße als auch das Café rein gar nichts mit dem Land Armenien zu tun haben, entscheidet sich Ellen einen Bezug herzustellen und malt ein riesiges Mandala an die freie Wand, wobei die Muster denen in Armenischen Kirchen nachempfunden sein sollen. Obwohl uns später echte Armenier verraten, dass sie in Armenien so etwas noch nie gesehen haben, bleibt es ein geiles Bild und eine wirkliche Bereicherung für das Café und auch für Ellen selbst. Vielleicht kann sie diese Art der Tätigkeit zukünftig weiter ausbauen? Spaß hat es jedenfalls gemacht.

Während dieser Zeit parken wir am Straßenrand, so als seien wir gerade auf dem Sprung. Dennoch fühlen wir uns immer mehr wie zuhause. Wir dürfen die Infrastruktur des Cafés mitbenutzen, entdecken weiterhin die kulinarischen Höhepunkte von Georgetown und unser Leben unter einem Dach mit Caro, Tobi und Max wird inzwischen richtig familiär. Nach dem Motto „Mittendrin, statt nur dabei“ ist auch mit den Einheimischen schnell der Kontakt geknüpft. Tobi und Jonas gehen einige Male Fußball spielen, sie probieren sich in Badminton aus und fahren sogar einmal mit den Mountain Bikes auf den Berg von Penang, mit 30% Steigung eine wahrliche Herausforderung. Das nennt man integriert.

Immer mehr Leute lernen wir kennen, sehr coole Leute, die zufällig im Café vorbeikommen. Wie eine Bande machen wir auch mal einen Gruppenausflug zu irgendeiner Veranstaltung oder hängen einfach nur zusammen ab. Kian, Hannsen, Jeffrey, Vahan & Marina, Tinesch, Fabien & Sebastian (und all diejenigen, die wir an dieser Stelle nicht erwähnen) – es war geil mit euch! Zwischendurch kommen sogar Lorenz und Giesela vorbei (beide haben wir in Krabi kennen gelernt), die sich gerade auf einem recht komplizierten Visa-Run befinden. Wieder endet die Begegnung mit den LoGis in einem heftigen Umtrunk, selbstverständlich in der bereits bekannten legendären Kneipe. Wir könnten uns hier richtig einleben, wenn wir nur wollten.

Was machen wir hier eigentlich?

Wollten wir nicht eigentlich schon längst fahren – runter von der Insel, endgültig Weg aus Georgetown? Vor Ort gibt es zunächst eine weitere Bildidee. Doch irgendwie läuft diesmal alles schief. Das Kunstwerk wird zunächst angefangen, jedoch später aus diversen Gründen mittendrin abgebrochen. Obwohl wir hier immer noch eine sehr geile Zeit haben, verliert sich nun durch diesen Ausfall jeder triftige Grund zu bleiben.

Ja, viel zu lange sind wir hier hängengeblieben. Aber andererseits – warum denn auch nicht? Gerade eben haben wir realisiert, dass wir wirklich ohne Zeitlimit reisen. Wir müssen nicht von Ort zu Ort hetzen, um so viele Erlebnisse in eine bestimmte Zeit zu packen, damit es für das restliche Leben reicht. Nein, wir versuchen ernsthaft unterwegs zu leben. Wir haben alle Zeit der Welt. Genau diese Einsicht bringt unsere Reise auf ein ganz neues Level. Uns läuft nicht die Zeit davon, auch haben wir unsere Finanzen inzwischen bestens im Griff, also wohin sollen wir uns bitte beeilen? Wir haben die Freiheit überall hängen zu bleiben wo wir wollen und wo es uns passt. Und dazu braucht es manchmal nicht einmal triftige Gründe.

Und in dem Beispiel von Georgetown: gibt es denn triftigere Gründe, irgendwo zu bleiben, wenn nicht ganz besondere Menschen, die uns unterwegs begegnen? Wir wissen ganz genau, sobald wir fahren, sehen wir die feinen GrassVan-Bewohner nicht so schnell wieder, denn unsere Reiserouten verlaufen in entgegengesetzte Richtungen. Ist das nicht Grund genug zu bleiben?

„Na gut. Einen Tag bleiben wir noch, aber dann fahren wir. Ja, wirklich!“