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Herrliches Meer, heiliger Baikal

Russland

Asien 2014-2016

Die Sibirer bezeichnen ihn nicht zu Unrecht als Meer, denn er ist so unglaublich beeindruckend groß, dass der Horizont häufig nicht ausreicht, um das Festland am gegenüberliegenden Ufer zu sehen. Mehr als 2000 km Küstenlinie umringen über 23000 km³ Süßwasser, welches so durchsichtig und sauber ist, dass sich die Augen in der Tiefe verlieren können. Mit 1637 m am tiefsten Punkt ist er der tiefste und zudem noch älteste Süßwassersee der Welt, beherbergt die einzigen Robben auf der Welt, die sich ausschließlich im Süßwasser aufhalten und bedeckt eine Fläche von mehr als 31000 km². Das hört sich doch nach einem einzigartigen Naturspektakel an, genau das Richtige, um unserem Fernfahrer-Dasein ein Ende zu bereiten. Aber nun der Reihe nach.

Absolut erfrischt mit herausgeputztem Fahrzeug, frisch gewaschener Kleidung und jeder Menge Gemüse an Board starten wir aus Irkutsk in Richtung Baikalsee. Wie bereits im letzten Bericht erwähnt, entscheiden wir uns, die Ostküste näher zu erkunden und beschränken uns im westlichen Teil auf den Besuch des Taltsy-Museums. Hier werden Häuser traditioneller sibirischer Architektur präsentiert, welche aus verschiedenen überfluteten Dörfern des Angara-Tals geborgen, restauriert und in das Museum nahe des Baikalsees transportiert. Es ist sehr urig aufgemacht und es fühlt sich an, als wäre man in ein Dorf einer anderen Zeit zurückversetzt. Die Bauweise der Holzhäuser beeindruckt vor allem Jonas sehr und liefert viele Inspirationen für mögliche zukünftige Projekte. Ob Holzverbindungen oder architektonische Details und Ideen, wir nehmen hier sehr viel mit.

Das große Wasser

Nachdem wir uns fast einen ganzen Tag durch die weiten Wälder und Berge im Süden des Sees gekämpft haben, soll es endlich soweit sein. Auf einer Serpentinen-Strecke finden wir ein kleines Plateau, von welchem wir das erste Mal das blaue Nass bewundern dürfen. Fakten hin oder her, Rekorde außer Acht gelassen: Wir sind wahnsinnig beeindruckt. Wir blicken auf die sehr schmale südliche Bucht herunter mit ihren Hügeln, Klippen und Ebenen. Schaut man nach Norden, verschmilzt der Baikal mit dem Horizont.

Die nächsten zwei Reisetage übernachten wir an „Warmen Seen“, welche lediglich im Vergleich zum Baikalsee diesen Namen verdient haben, und später im Wald nahe des Selenga-Delta und sind voller Vorfreude, endlich unsere eigenen Eindrücke an diesem sagenumwobenen See zu sammeln. Wir können es kaum erwarten und fahren weiter, um uns schleunigst einen gemütlichen Ort am Ufer zu suchen, wo wir einige Tage verbringen und endlich die gewünschte Entschleunigung einleiten können. Den ersten entschleunigten Ort finden wir schließlich kurz hinter einem kleinen Örtchen namens Turka. Viele kleine Wege führen von der Straße ab und enden direkt am See. Zwar treffen wir auch auf die Hinterlassenschaften der einheimischen Touristen aus der noch nicht lange beendeten Hochsaison, können jedoch ziemlich zügig einen schönen Platz für uns ausfindig machen und befreien diesen in einer kurzen Aufräumaktion von Müll und sonstigem Unrat.

Endlich die Natur genießen!

Die langersehnten fahrfreien Tage gestalten sich absolut schön. Das Lager ist sehr schnell aufgebaut, ein Baum gefällt und Holz gehackt, die Feuerstelle eingeweiht, eine Wäscheleine gespannt, wir fühlen uns sofort zu Hause. Wir angeln, lassen die Seele baumeln, lesen, Arbeiten an der Webseite und genießen das außerordentlich tolle Wetter. So interessant es auch war, das Leben eines Fernkraftfahrers näher kennen zu lernen, wir sind froh nun unsere Zeit genießen zu können und die vergangenen Wochen zu verarbeiten. Grenzübertritte, Besuche bei Ellens Verwandten, Tage mit bis zu 13 Stunden Fahrtzeit und häufig 600 und mehr zurückgelegten Kilometern, Schlafplatzsuche im Dunkeln. Das alles soll für uns kein Dauerzustand werden.

Die Schönheit des Baikals fasziniert uns bereits hier. Die oft kitschigen Sonnenuntergänge sind ein echtes Erlebnis: Jedes Mal, wenn die Sonne hinter der gegenüber liegenden Insel Olchon verschwindet und dabei den Himmel mit den letzten Strahlen in knallige Orange- und Magentafarben taucht, wird das Wasser so surreal Blau, dass diese ganze Kulisse wie eine Fototapete wirkt, die jemand mit Photoshop nachkoloriert hat – oder wie ein Fenster zu einer anderen Welt, einem anderen Planeten, durch welches wir zufällig blicken dürfen.

Vollkommen erholt verlassen wir unser liebgewonnenes Plätzchen. Das nächste Ziel soll die Halbinsel Swjatoj Nos („Heilige Nase“) sein, welche nicht ohne das Passieren einer Well- und Kiespiste zu erreichen ist. Wir fühlen uns an die Arabat-Nehrung erinnert, welcher wir uns letztes Jahr in der Ukraine gestellt haben. Alles rappelt, man findet unter keinen Umständen eine angenehme Geschwindigkeit und man spürt die langsame aber sichere Zerstörung des Autos. Es ist ein hoher Preis, den man zu zahlen hat, doch es lohnt sich. Die Heilige Nase ist Teil des Bargusin-Nationalparks mit unter anderem besonders geschützten Gebieten, welche nicht betreten werden dürfen. Aber wir finden unzählige erlaubte schöne Plätze, die uns immer wieder aufs Neue ein unvergessliches Panorama bieten.

Begegnungen auf der Halbinsel Swjatoj Nos

Auf der Heiligen Nasen sind wir sowohl Naturerscheinungen, als auch (unerwarteter Weise) interessanten Menschen begegnet. Die erste Begegnung gab es gleich am ersten Abend. Wir haben uns gerade am Ufer ausgebreitet um einige Vorbereitungen für eine anstehende zwei-Tages-Wanderung vorzubereiten: Schlafsäcke lüften, Zelt kontrollieren, Proviant packen, nebenbei kochen und aufräumen – Chaos! Plötzlich merken wir, dass wir nicht alleine sind. Wir werden von unzähligen kleinen Mücken (noch kleiner als Fruchtfliegen) umkreist, die sich auf jede freie Stelle am Körper setzen und anfangen sich in die Haut zu fressen. Autsch! Als es immer mehr werden und wir keine Chance auf einen erholsamen Schlaf sehen, da sie sogar durch unser spezielles feinmaschiges Moskitonetz schlüpfen, treten wir die Flucht an. Aber wohin? Panisch fahren wir von einem Platz zum Nächsten, ohne Frieden vor den unscheinbaren Biestern zu finden. Die Wände im Auto sind teils schwarz bedeckt, die Fliegen krabbeln in den Hosenbeinen hoch und attackieren sogar Augenlieder – kurzum: Sie sind erbarmungslos. Sie sind primitiv und sehr langsam, können nicht ausweichen und somit sehr leicht zu töten. Aber sie kommen mit vielen Freunden und hinterlassen fiese Wunden, die bei uns (zwei Wochen nach der Attacke) noch immer nicht verheilt sind. Letztendlich weht gegen Mitternacht eine Briese und die Fliegen verschwinden. Wind scheint das einzige helfende Mittel gegen sie zu sein, so sitzt Ellen noch zwei Stunden im Auto und wedelt mit dem Handtuch, um den ungefragt einquartierten Fliegenschwarm los zu werden.

Wohl haben sich zu viele Menschen in dieser Nacht den Wind gewünscht – wir werden von einem orkanartigen Sturm geweckt, der unser Auto ziemlich unsanft hin und her schaukelt. Am Baikal können die Winde bis zu 150 km/h erreichen. Zum Glück sind die Bäume diese Zustände gewöhnt und machen nicht den Anschein, als hätten sie Not sich im Boden zu halten. Wir versuchen das Unwetter in unserer gemütlichen Höhle aus zu sitzen. An eine Wanderung ist nicht mehr zu denken. Wer hätte gedacht, dass wir genau bei diesem Sturm gleich zweifach Weltenbummlern begegnen. Zunächst kommt ein LKW mit Wohnkabine vorbei. Ein nettes israelisches Pärchen lädt uns ein mit ihnen in die andere Bucht zu fahren und später zum Tee. Nett waren sie, doch der Platz schien für uns zum Schlafen ungeeignet und wir fahren zurück in den Wald. Auf dem Weg begegnet uns ein weiteres Fernreisemobil und wir verbringen einen sehr netten Abend mit zwei Italienern, welche mit einem Unimog reisen und sich in der Mongolei eine Jurte zugelegt haben, in welcher sie zukünftig in Deutschland leben möchten.

Am Tag darauf legt sich der starke Wind und wir wagen uns ins Gebirge. Der höchste Punkt von 1877 m soll uns ein Nachtlager bieten. Der „Trail of Challenge“ macht seinem Namen alle Ehre: Steil geht es über Felsen und Bäume, ein echt strammer Aufstieg! Als wir den ersten Aussichtspunkt erreichen, der bereits auf ca. 1700 m liegt, werden wir für unsere Strapazen durch eine grandiose Aussicht über die beiden Buchten zwischen Festland und Insel belohnt. Die Sonne färbt den blaugrauen See, wenn sie durch die Wolkendecke durchbricht, stellenweise in Türkisfarben ein und an einigen Stellen scheint der Baikal mit dem Himmel zu verschmelzen. All das ist in einer unaufhörlichen Bewegung, ständige Veränderung – ein lebendiges Meer, welches an den Film Solaris (von Tarkovski) erinnert.

Bis zum Gipfel sind es noch zwei bis drei Stunden Marsch. Abgesehen davon, dass dieser in eine Wolke gehüllt ist, weht ein eisiger Wind. Es wehen uns bereits einige Schneeflocken ins Gesicht. Wir müssen weiter gehen, um wieder ein Gefühl in den Händen zu bekommen und stolpern dabei fast über ein Zelt. Der Reisverschluss geht auf und ein männlicher Kopf schaut uns an. Alexander ist Hobbyfilmer und –fotograf aus Tomsk. Er sitzt schon seit drei Tagen auf dem Berg, wartend auf den perfekten Moment für eine Aufnahme. Als er uns ein Bild von dem Gipfel zeigt, welches er am Morgen aufgenommen hat, sehen wir was uns erwartet: Schnee! Damit haben wir nicht gerechnet. Unsere Schlafsäcke mit Komfortzone +6 werden uns vermutlich nicht komfortabel durch die Nacht bringen. Es fällt die Entscheidung zum Abstieg, denn vor einer Nacht in der Eiseskälte bekommt vor allem Ellen Panik. Wir essen mit Alex noch eine Nudelsuppe, wärmen uns an einem Lagerfeuer auf und geben ihm zum Abschied noch etwas Proviant ab. Denn er bleibt noch weitere vier Tage oben. Auf Youtube kann man seine Arbeiten sehen und vielleicht auch bald den Gipfel, welchen wir leider nicht erreichten.

Noch zwei weitere Tage bleiben wir auf der schönen Halbinsel und erkunden noch eine weitere einsame Bucht. Schließlich nehmen wir Abschied von dem beeindruckenden Baikalsee, hoffentlich nicht für immer. Wir machen uns auf den Weg in die Mongolei.