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Im Norden Thailands

Thailand

Asien 2014-2016

Ganze zwei Monate haben wir in Vang Vieng gerastet. Nun wollen wir mit Hilfe einer Rundreise im Norden von Thailand den Wiedereinstieg in das Reiseleben finden. Viel Gutes haben wir über diese Gegend von anderen Reisenden gehört und befürchten bei einer Weiterreise gen Süden dieses vom Tourismus noch „unversaute“ Gebiet später wegen Wetter und Entfernung sonst auslassen zu müssen. Und es stellt sich als die richtige Entscheidung heraus, denn aus dem zunächst angedachten Monat werden schnell fast zwei. Aber genug der Einleitung, beginnen wir lieber am Anfang.

Andere Länder, andere Sitten?

Wir schreiben das Jahr 2558, als wir an der Friendship Bridge durch eine intelligente Straßenführung nahezu unbemerkt auf den Linksverkehr umgeleitet werden. Seven Elevens an jeder Ecke verkaufen alles von Pflegeprodukten, über Katzenfutter bis hin zu Chips und Joghurtdrinks. Die uniformierten Verkäufer backen einem gerne noch einen in Plastik eingeschweißten Burger in der Mikrowelle auf. Moderne Raststätten glänzen auf einer glatten Autobahn mit sauberen Toiletten, Shops und Fastfoodketten. Den hohen medizinischen Standard erkennt man an den zahlreichen Krankenhäusern und Apotheken und selbst im letzten Hinterland entdeckt man eine weitläufig angelegte Schule mit einem großen Sportplatz und schattigen Gärten.

Nein, wir befinden uns nicht in der Zukunft – die Thais zählen die Jahre ab der Geburt von Buddha – aber genauso fühlen wir uns, als wir aus dem ärmlicheren Laos in das vergleichsweise moderne Thailand einfahren. Irgendwie scheint hier alles so zivilisiert und nicht wie eine große (und großartige) Lebensimprovisation. Doch was bedeutet es schon? Sind wir da zurück, wo wir her kommen, in der Konsumgesellschaft? Nicht ganz, soweit wir sagen können zumindest noch nicht hier, so weit im Norden. Ein Konsumgut ist uns dennoch sofort ins Auge gesprungen: Wahre Liebe. Wohlmöglich erreicht die Anzahl der ungleichen Pärchen nicht mal einen Bruchteil derer in Pattaya, der Hochburg des Sextourismus. Aber selbst diese paar alten Säcke, irgendwoher aus dem Westen, mit den blutjungen thailändischen Frauen an ihrer Seite, lassen uns daran zweifeln, dass dieser Verbund aus Liebe zustande kam. Sicherlich werden wir später mehr darüber berichten, doch bisher haben wir uns mit den Nebenwirkungen der Tourismusmaschinerie in Thailand noch nicht auseinander gesetzt. Zunächst hinterlässt der erste Eindruck nur einen bitteren Beigeschmack. Wir schlucken und fahren eine ganze Weile weiter am Mekong entlang in Richtung der vielen Nationalparks, die sich über die nördlichen Gegenden verteilen.

Die guten Stellen finden

Die Straßen sind übersät von Schildern mit interessanten touristischen Zielen: Wasserfälle, Tropfsteinhöhlen, Wats (buddhistische Tempel) und heiße Quellen. Eine Infrastruktur, die uns begeistert, da sie uns die Schlafplatzsuche vereinfacht. Wir fahren einfach von der Straße zum Wasserfall o.ä. ab und finden sogleich einen ruhigen Parkplatz vor. Nachts und nicht selten auch tagsüber treffen wir an solchen Orten keine Menschenseele. Gratis Toiletten und Wasseranschluss, und das alles nur für uns? Auf keinen Fall! Wir bemerken schnell, dass dies alles nicht erst für die Touristen aus dem Boden gestampft wurde. Während die meisten Laoten vermutlich aufgrund der bescheidenen finanziellen Mittel wohl keine Reiselust zu kennen scheinen, bereisen die Thais sehr gerne ihr eigenes Land oder suchen Erholung vom Alltag in Wochenendausflügen. Ganz besonders feiern wir die Tatsache, dass sie wohl sehr gerne Campen. So weist jeder Nationalpark, den wir anfahren, mindestens einen Campingplatz auf. Und das Beste: Immer zahlen wir nur eine Nacht und beim Verlassen des Parks werden wir kein einziges Mal gefragt, wie lange wir tatsächlich dort waren.

Nach vier Tagen, in welchen wir durch eine doch eher unspektakuläre Landschaft gondeln (natürlich nur im Vergleich zum wilden Laos), können wir eben solch einen Campingplatz am Ufer eines wunderschönen Stausees einige Tage unser Zuhause nennen. Umgeben von schattenspendenden Eukalyptusbäumen beobachten wir das gemächliche Leben in dem kleinen Fischerdörfchen, dessen Häuser allesamt im Wasser treiben. Bis zum Wochenende sind wir die einzigen Gäste und genießen die Ruhe an diesem naturbelassenen Ort, wo auch unser Kätzchen die Freiheit bekommt, überall herumtollen zu können.

Kleines Kätzchen, großes Herz

Ach ja, wir haben ganz vergessen zu erwähnen, dass wir jetzt ein kleines Kätzchen an Bord haben, welches wir aus Laos rausgeschmuggelt haben. Eine Woche vor Abfahrt aus Vang Vieng kam dieses kleine ausgehungerte Würmchen  irgendwo aus dem Gebüsch gekrochen und uns um etwas Starthilfe ins Leben gebeten. Natürlich gab es weder eine Katzenmutter, noch einen menschlichen Besitzer. Und was macht man denn mit so einem Wesen? Irgendwie fühlten wir uns verantwortlich für dieses Stinkekätzchen, das sich uns als neue Katzeneltern ausgesucht hat. Da es in Laos freilich kein Katzenfutter gibt, haben wir richtig Mühe es durch zu füttern. Trotz Schicksals eines Straßenstreuners haben wir Mühe, geeignete Gerichte zu kochen, um sie aufzubauen. Von unseren Kreationen bekommt sie Durchfall und Blähungen (da lag der Kosename Stinkekätzchen nicht fern). Thailand dagegen ist ein Schlemmerparadies für sie und nach einer kurzen Gewöhnung an die Tatsache, dass sie nun vorerst im Auto lebt, scheint ihr das Reisen richtig Spaß zu machen. In unserem Mobil fühlt sie sich wohl und sicher, erkundet schnell neue Umgebungen und läuft nicht davon, sondern sogar mit uns mit, wenn wir spazieren gehen. Inzwischen schläft sie sogar bei uns im Bett (eigentlich tut sie das seit dem ersten Tag, war aber auch nicht unsere Entscheidung). Wir nennen sie Gollum, denn optisch erkennen wir eine erstaunliche Ähnlichkeit mit der abgemagerten Kreatur aus Herr der Ringe.

Sicher ist sicher

Noch befinden wir uns im Nordosten. Dieser Teil Thailands ist wohl am wenigsten für den Tourismus erschlossen. Auf dem Weg entdecken wir einige Pisten, die sich quer durch den Dschungel schlängeln und sind froh, genau zu dieser Jahreszeit hier zu sein – solche Strecken wären wohl in der Regenzeit nicht mehr befahrbar. Als wir nach einer anstrengenden Pistenfahrt in Phrae ankommen, wollen wir nicht unbedingt in die Stadt einfahren und werden außerhalb auch keines geeigneten Platzes für die Nacht fündig. So beschließen wir am Parkplatz eines Restaurants zu übernachten, damit wäre zumindest eine Toilette vorhanden. Die Besitzerin scheint unser Anliegen, trotz der schwierigen Kommunikation, verstanden zu haben. Wir speisen im Hause und trinken einige Bier, um uns damit die Gratis-Übernachtung zu verdienen. Als wir zu Bett gehen wollen, macht sie uns deutlich, dass ihr Vater heute Nacht im Garten zelten wird, um uns zu beschützen. Egal wie wir auch versuchen dem überflüssigen Bodyguard zu entgehen, wir können sie nicht von dieser Idee abbringen.

Es sind noch einige Gäste im Restaurant, und auch sie scheinen besorgt um uns zu sein. Drei unterschiedliche Personen kommen im Abstand von ca. einer halben Stunde auf uns zu, rufen dann jemanden an, der Englisch spricht und drücken uns das Telefon in die Hand. „Nein, uns ist nichts passiert, wir haben auch keine Probleme, wir schlafen gerne im Auto, das tun wir immer, das ist unser Zuhause auf Rädern…“- müssen wir jedes Mal erklären, und werden gebeten sofort anzurufen, sollten wir doch Probleme haben oder irgendetwas brauchen. Sie wollen kein Geld. Es kommt nur nicht so oft vor, dass sich Touristen in diese Gegend verirren, erzählen sie uns, und scheinen einfach nicht so recht zu wissen, wie sie mit uns umgehen sollen. Solche Umstände wollten wir diesen feinen Menschen nun wirklich nicht bereiten. Wir beschließen wir nicht mehr an Restaurants zu übernachten.

Chiang Rai und Chiang Dao (oder wie unser Alltag aussieht)

Noch einige Tage kostet uns der Weg nach Chiang Rai, da wir wieder einsame Pisten der Autobahn vorziehen. In dieser großen Stadt wollen wir einige Dinge erledigen und lassen uns gleich für eine knappe Woche in einem billigen Guesthouse nieder. Es wird eine produktive Zeit: Wir finden ein paar benötigte Ersatzteile fürs Auto, verpassen dem Dicken eine Unterbodenwäsche,  verlängern unseren visafreien Aufenthalt um einen weiteren Monat und bringen das Kätzchen zu einem Tierarzt um es checken und entwurmen zu lassen. Abgesehen von den Würmern scheint es ihr blendend zu gehen, sie entwickelt sich zu einer sehr verspielten Katzendame. Außerdem baut Jonas eine neue Box im Auto, wo die ganzen Elektrosachen, die wir tagtäglich brauchen, verstaut werden können und dennoch griffbereit bleiben. Nachdem wir auch noch mit den beiden berühmtesten Tempeln in der Gegend das Sightseeing-Programm absolviert haben, fahren wir nach Mae Sai, Grenze zu Myanmar, um auch noch die Aufenthaltsgenehmigung für das Auto zu verlängern. Mit einigen Umwegen gelangen wir irgendwann zu unserem nächsten Zwischenziel: Chiang Dao mit dem gleichnamigen Nationalpark.

Hier kann man den dritthöchsten Berg Thailands in einer mehrtägigen Wanderung besteigen – genau das Richtige für uns. Dank diesem Ausflugsziel, welches eher die Aktiven und naturliebenden Menschen anzieht, bietet beinahe jedes Resort auch eine Campingmöglichkeit an. Wir suchen uns das Chiang Dao Camp, etwas außerhalb der Stadt, aus. Als wir dort ankommen, bemerken wir schnell, dass da etwas vor sich geht: Ein bunter Haufen von Japanern wuselt umher, sie bereiten ein Hippie-Festival auf dem Gelände vor, erzählen sie uns, welches in einer Woche beginnen soll. Das klingt super! Wir planen etwas um, damit wir passend zum Start des Festivals wieder im Camp sein können.

Naturschützer

Interessiert beobachten wir das produktive Treiben, während wir etwas abseits des kunterbunten Zeltdorfes an einer uns zugewiesenen Stelle unser Lager aufschlagen. Am nächsten Tag kommen drei ältere Leute auf uns zu, die wohl das Festival mit organisieren. Sie wirken fast wie die drei Weisen aus dem Morgenland, nur haben sie uns keine Geschenke mitgebracht. Die beiden grauhaarigen Männer sprechen uns an, ob wir nicht noch weiter abseits parken können, denn der Platz ist eigentlich für Zelte der Festivalbesucher vorgesehen. Ihnen tut es sehr leid, sie verbeugen sich die ganze Zeit und die Geschichte wäre eigentlich nicht erzählenswert, wenn nicht die dritte im Bunde auch noch ihren Senf dazu geben müsste: „Ein Auto in der Natur – das sieht komisch aus!“, sagt sie in einem spöttischen Ton, „ihr könnt euch ja drüben auf die Straße stellen!“. Uff? Also darum geht es hier! Und die gelben und blauen Plastikzelte pflegen sich nahtlos in den Dschungel ein? – Denken wir uns, doch nach dieser Aussage fehlen uns eher die Worte. Hätte man uns gleich mitgeteilt, dass auf dem Gelände keine Fahrzeuge erwünscht sind, hätten wir es ja auch nicht in Frage gestellt. Wir empfinden diesen Rausschmiss jedoch als einen der fiesen Sorte.

Wir packen schnell zusammen und verschwinden. Auf das Festival haben wir auch keine Lust mehr. Es ist sehr schade, wenn scheinbar alternative Gruppierungen ihre Akzeptanz auf ein konstruiertes festgelegtes Ideal beschränken. Anstatt offen unterschiedlichen Lebenskonzepten gegenüber zu sein, wird viel zu häufig alles verworfen, was nicht in das Bild der Gruppe passt, Intoleranz macht sich breit. Wir sind etwas enttäuscht. Und die Wanderung fällt ebenso flach, da die Parkwächter uns wegen irgendwelchen Vorschriften unbedingt einen Guide aufzwingen wollen, welchen wir nicht bezahlen möchten. Ciao Chiang Dao, wir nehmen dann mal eine Piste nach Pai.

Gollum will leben – unsere Tage in Pai

Eine asphaltierte Straße führt uns erneut an einsamen Landschaften vorbei. Ganz schön steil wird es inzwischen hier, ganz im Norden. 2000 Meter rauf, 1800 wieder runter und auf gerader Strecke erneut ganz nach oben. Doch irgendwie können wir diese Fahrt nicht wie sonst genießen – wir machen uns Sorgen um die kleine Gollum, die seit dem Vortag aufgehört hat zu fressen und zu trinken, ist ungewohnt energielos und weinerlich. An ein schnelles Vorankommen ist jedoch auf dieser Strecke nicht zu denken. Erst bei Dämmerung erreichen wir einen Campingplatz, der immer noch auf 1700 Metern liegt und über eine Fahrstunde von Pai entfernt. Wir beschließen noch eine Nacht hier zu bleiben, um am nächsten Tag den Tierarzt aufzusuchen.

Als wir in dem kleinen bunten Hippie-Städtchen ankommen, hat die einzige Tierklinik geschlossen, wie jeden Mittwoch. Uns bleibt nichts anderes übrig, als zu warten und das Beste zu hoffen. Im Giant Guesthouse erlaubt uns die Besitzerin am Fluss zu Campen und für wenig Geld die Außenanlage mit Toiletten und Duschen zu benutzen. Das ist zwar schön, doch das Kätzchen baut immer mehr ab. Nachts bekommt es blutige Durchfälle mit toten Würmern jeder erdenklichen Art. Wir ahnen Schlimmes, unterstellen der über eine Woche zurückliegenden Wurmkur irgendeine Unverträglichkeit, Falschdosierung o.Ä. Doch genaues können wir nicht sagen. Die nette Tierärztin kann uns am nächsten Tag auch nicht beruhigen. Sie spritzt ihr Salzlösung und Antibiotika, meint sie hätte sehr viel Blut verloren und es würde sich erst in den nächsten drei Tagen zeigen, ob die kleine Katze, die nun wieder wie ein Gollum aussieht, überleben wird.

Doch das Stinkekätzchen entscheidet sich zu leben und wir sind überglücklich, wie sie inzwischen wieder beginnt zu laufen, was ihr in den letzten Tagen kaum noch gelungen ist. Wir wollen Gollum so viel Zeit wie möglich für die Genesung zur Verfügung stellen und verbringen somit ganze zwei Wochen im gemütlichen Pai. Während sich das arme Wesen von der schweren Krankheit erholt, schlendern wir durch die Straßen, wo an jeder Ecke aus künstlerisch eingerichteten Bars und Restaurants Live-Musik schallt. Es ist schon sehr touristisch, dieses Pai, jedoch irgendwie auf eine angenehme Art und Weise. Wir lernen viele tolle, interessante und verrückte Menschen kennen und gehen mal wieder auf Kneipentour – das erste Mal seit Beginn unserer Reise. Natürlich endet diese Nacht mit einem heftigen Changover (Chang ist ein in Thailand gebrautes Bier), welcher uns die nächsten Tage noch entspannter angehen lässt. Hier gefällt es uns so sehr, dass wir es uns vorstellen könnten zu bleiben. Doch diesmal können wir nicht, denn wir haben für März und April Termine mit unseren Besuchern abgemacht und würden sie nur ungerne versetzten.

Wenn nach dem Herbst der Sommer kommt

Nicht nur unsere Nord-Thailand-Tour, sondern auch der Februar nähert sich langsam dem Ende und somit die angenehme Jahreszeit, die zwar heiße Tage hat, jedoch durch kühle Nächte Linderung verschafft. Als wir den letzten Schlenker durch den Norden ziehen, merken wir der Landschaft stark an, dass bald die richtig heißen Tage kommen. Über Mae Hon Son fahren wir an herbstlich anmutenden Wäldern und Wiesen vorbei. Es steigt viel Rauch auf, der teilweise vollständig die Sicht trübt: Ab sofort werden die Felder abgebrannt, um sie in der Regenzeit wieder bestellen zu können. Die Böden sind bedeckt mit Laub, das wohlmöglich nicht mehr als einen Funken benötigt, um lichterloh in Brand zu geraten. Auch von den Bergen hat man keine Aussicht mehr, der Norden Thailands wird nach und nach unter einer stickigen Dunstwolke begraben. Noch einen Tag in der Ob Luang Schlucht im Flüsschen Ping baden. Noch zwei Tage in Chiang Mai, der Hauptstadt des Nordens, verbringen. Und schon ist es kaum mehr auszuhalten, diese trockene Hitze.

Wir schließen unsere Rundreise im Mae Ping National Park ab. Der Stausee bringt uns noch ein paar kühle Nächte. So weit im Landesinneren, weit weg von kühlen Bergen und feuchter Meeresluft, sind alle Bäume kahl. Auf einem Aussichtsplateau beobachten wir, wie sich der Wald am anderen Ufer durch weitläufige Brände der überflüssigen trockenen Blätter entledigt. Von den Restaurant-Booten unten am See vernehmen wir derweil schlecht gesungene Karaoke-Musik. Ein schaurig schönes Lichterfest!