Navigation

In einem Land vor unserer Zeit

Mongolei

Asien 2014-2016

Noch zehn Tage, dann müssen wir wieder zurück in Ulan Bator sein, um unsere Chinavisa abzuholen. Die Chinadurchreise begrenzt unseren Aufenthalt in der Mongolei somit noch mehr, als erwartet. Die wenige Zeit, die übrig bleibt, möchten wir nutzen, um so viel wie möglich von diesem faszinierenden Land zu sehen. Nach vielen Überlegungen entscheiden wir uns für eine kleine Rundtour durch das zentral gelegene Khangay-Gebirge. Es gibt eigentlich keinen Grund zum Jammern, denn auf unserem Weg liegen zahlreiche schöne Plätze: Täler, Flüsse und Berge, Kloster, Quellen, Vulkane und Seen.

Wir brechen also aus unserer Oase auf, mit dem ersten Ziel das Orchon-Tal näher zu erkunden. Von Ulan Bator aus erreichen wir zunächst Kharkhorin, wo wir Erdene Zuu, das größte buddhistische Kloster der Mongolei, bestaunen können. Dieses ist für den Tourismus erschlossen, so gibt es Schilder, die uns geschichtliche Hintergründe verraten. Das im Tempel angesiedelte Museum zeigt alte farbenprächtige Skulpturen und Malereien aus dem 17. Und 18. Jh. Vor den Toren des Areals finden wir auch eine große Granitschildkröte, welche eine der letzten Zeitzeugen der geschichtsträchtigen Handelsstadt Characorum (15. Jh.) ist, auf dessen Ruinen nun Kharkhorin steht – vielleicht ist genau dort, wo wir jetzt stehen, einst der große Chingis Khan selbst vorbei geritten? Möglich wär´s!

Das Orchon-Tal

Gesättigt von den Eindrücken unseres Kulturprogramms biegen wir von der Asphaltstraße auf eine Piste ab, die uns in das Tal und an den Fluss Orchon führt. Als wir über den ersten Hügel fahren, der die Stadt vom Tal trennt, sehen wir, was uns die nächsten Tage erwartet: wie von grünem Samt überzogene Berge, Hügel, weite Grassteppe, durch die sich der Orchon wie ein blaues Band windet – ein Gemälde, in welchen wir nun einige Tage verbringen dürfen. Jeden Augenblick und jeden Kilometer, den wir zurücklegen, offenbart sich ein neues Panorama, das man am liebsten als Foto festhalten will. Wir nächtigen am Flussufer, bevor wir weiter zum Orchon-Wasserfall fahren.

Der Weg ist das Ziel, es sind noch ca. 100 km Piste, doch dieser ist im wörtlichen Sinne steinig. Oft sind steile Hänge zu queren, Steinbrüche zu überwinden, Wellblechpiste und Bodenwellen werden von tiefen Schlammrillen und Bachläufen abgelöst, die es zu durchfahren gilt. Es gibt ja Leute, die Geld dafür bezahlen, um sowas in Offroadparks zu erleben. Nun, wir haben dieses Vergnügen kostenlos. Leider ist es eigentlich gar kein Vergnügen, sondern pure Anstrengung (vor allem für Jonas). Alles wackelt, quietscht, rattert und hoppelt. Wir sind komplett durchgeschüttelt. Ja, unser Auto befindet sich gerade in artgerechter Haltung – der Defender mach alles mit, ohne jegliche Anzeichen von Unwohlsein. Unser Genuss liegt dabei auf anderen Gesichtspunkten: Wir sind irgendwo, mitten in dieser wunderschönen Natur und gelangen trotz der Strapazen an Orte, die wir normalerweise nie gesehen hätten! Ein Blick aus dem Fenster, ein Abend am Ufer des Orchon beim Angeln, Lesen und die Sonne ins Gesicht scheinen lassen, inmitten dieser Natur – das soll eine tolle Belohnung für all die Mühen sein, die uns der Hinweg abverlangt hat.

Eine andere Zeit

Die Natur hier fasziniert uns von Tag zu Tag mehr. Immer wenn wir einen Hang überwinden und in das Tal blicken, wo Herden von Jaks oder Pferden grasen, könnte man sich vorstellen, wie Dinosaurierherden eben dort laufen könnten. In dem Zeichentrickfilm „In einem Land vor unserer Zeit“ sind die Dinokinder auf der Suche nach dem „Großen Tal“. Für uns besteht kein Zweifel, dass sie es ausschließlich hier finden können. Und tatsächlich hat die Mongolei einige große Dinosaurierfunde zu verzeichnen. Leider können wir kein Museum besuchen, da es wegen Sanierungsarbeiten geschlossen ist. Aber immerhin können wir es uns wirklich bildhaft vorstellen!

Nicht nur deswegen fühlt man sich hier wie in eine andere Zeit zurückversetzt. Das ursprüngliche Nomadenleben ist allgegenwärtig. Selbst die wenigen Städtchen, die wir auf dem Weg sehen, kommen uns wie Fremdkörper vor, künstlich, unpassend. Doch etwas haben auch die Nomaden aus der Zivilisation adaptiert. Oft haben sie ihr Pferd, mit welchem sie das Vieh eintreiben, gegen ein Motorrad eingetauscht. Manche haben ein neues Geländefahrzeug vor der Jurte stehen. Häufig begegnen uns Jurten mit Satellitenschüsseln oder gar mit aufgestellten Solarpanelen. Nicht ungewöhnlich ist ein Reiter, der mit dem Smartphone telefoniert. Die Schattenseite dessen ist auch der Plastikmüll der modernen Zivilisation, der zuhauf über den grünen Teppich verteilt wird. Die Aufklärung, was für ein immerwährendes Material dort in der Natur verstreut wird, wird leider nicht mit der Plastikflasche exportiert. Schade!

Ein kurzer Septemberwinter

Nachdem wir den Wasserfall gesehen haben, verbringen wir einen fahrfreien Tag am Flussufer. Jonas kann an diesem Tag stolze neun Fische aus dem Orchon ziehen. Dieses Abendmahl teilen wir mit einem Mongolen, der bis in die Nacht an unserem Lagerfeuer verweilt. Leider hat er kein Licht mehr an seinem Motorrad, so müssen wir ihm unsere MagLight überlassen, damit sich der arme bei der Flußüberquerung, welche direkt nach Aufbruch auf ihn wartet, nicht in den Tod fährt. Wir setzen unser Tour durch das Tal fort, diesmal am anderen Ufer. Auf dem Weg wollen wir noch ein Kloster besuchen, das oben im Berg um 1600 durch einen der ersten Lamas in der Mongolei gegründet worden ist. Von dort aus soll man eine fabelhafte Aussicht über das ganze Tal haben. Als wir am Fuße des Berges stehen, fallen die ersten Regentropfen. Na, wir sind doch nicht aus Zucker! Regenjacken und Wanderschuhe an und ab in den Berg!

Als wir oben ankommen, ist die Stimmung mystisch vernebelt. So schön geheimnisvoll sehen die alten Tempelanlagen zwischen den Berghängen aus. Überall flattern blaue Fähnchen als Symbol für den ewigen Himmel, nur den Himmel sehen wir nicht. Wir besuchen die Stätte, teilweise kletternd (ernstzunehmend kletternd) und sind inzwischen ganz durchnässt. Plötzlich fängt es an zu schneien. Kein Problem, haben wir doch trockene Sachen im Auto. 500 m tiefer, wo wir Parken, regnet es nur. Wir wärmen uns im Bett auf und beschließen vor Ort zu übernachten. Als wir aufwachen, trauen wir unseren Augen nicht: Auf unserem Auto liegen ca. 10 cm Neuschnee.

Wir sind total durchgefroren, das Auto ist voll von nassen Sachen, die trocknen müssen. Doch der Tag ist wechselhaft. Immer wieder ziehen graue Wolken auf, die sich aushageln, obwohl der Himmel sonst strahlend blau ist und die Sonne auch relativ gut wärmt. Während wir uns Fisch zum Mittagessen braten, hängen wir die Wäsche abwechselnd immer wieder auf und ab, je nach momentaner Wetterlage. Ein echt seltsamer Zustand, doch dank dem Wind ist irgendwann alles trocken. Ellen wünscht sich jetzt nichts sehnlicher als ein Bad in den heißen Quellen von Tsenker, so beschließen wir, uns dies als nächstes Ziel zu setzen. Die Piste hierher ist nach den Niederschlägen der letzten Tage kein Zuckerschlecken, doch wir kommen recht gut voran. 10 km vor dem Ziel müssen wir jedoch wieder hinter einem Hügel im Schnee übernachten, da Piste fahren bei Dunkelheit und so viel Matsch echt gefährlich sein kann. Der Genuss ist aber am nächsten Tag umso größer, als wir den Nachmittag im 48° warmen Außenbecken eines mongolischen „Spa“ verbringen.

Der Khorgo-Vulkan und der Terkhiin Tsagaan Nuur

Noch fünf weitere Tage haben wir in Petto und einen weiteren Ort, den es zu besuchen lohnt. Dieser liegt noch weiter im Westen. Wir wollen den Khorgo-Vulkan erklimmen und uns danach noch für einen Tag am Großen Weißen See, Terkhiin Tsagaan Nuur, niederlassen. Der See hat nicht umsonst den Namen Weißer See bekommen, denn er liegt auf 2060 m Höhe mitten im Khangay-Gebirge. Bis in den Mai soll seine Eisdecke geschlossen sein. Wir haben Glück, dass wir so einen warmen September haben, trotz des kurzen Wintereinbruchs bleibt es tagsüber mit über +10° für diese Höhenlage relativ warm. Insgesamt scheint die Mongolei ein einziges Plateau zu sein. Selbst die Hauptstadt Ulan Bator liegt auf 1350 Höhenmetern. Diese Tatsache macht sich insbesondere durch die intensive Sonneneinstrahlung bemerkbar: Unsere Gesichter und Hände sind inzwischen ganz schön braun (mongolisiert) geworden.

Die letzten zwei Kilometer fahren wir auf der Piste, die auf einer aufgebrochenen Basalt-Lavaschicht zum Parkplatz am Fuße des Vulkans führt. Hier bekommt man bereits eine zarte Ahnung, was sich hier vor über 7000 Jahren zugetragen hat. Doch erst am Kraterrand begreift man das ganze Ausmaß dieser Naturerscheinung. Der Vulkan ist mit 800 m Kraterdurchmesser relativ klein, jedoch gerade dadurch so sehr überschaubar. Von oben sieht man, wie weit der Khorgo seine Asche und Brocken in das Tal schleuderte: Rund um den Hügel ist kilometerweit alles Schwarz. Doch nicht nur Geologen haben Spaß daran, die Gesteinsschichten auf ihre Flugeigenschaften zu untersuchen.

Auch der See ist wirklich wunderschön. Rund um uns herum sind hohe Berge, die gewohnt von Grün überzogen sind. Bäume sind auch hier Mangelware, so müssen wir zunächst einen Abstecher in eine seltene Baumgruppe unternehmen, wo Jonas eine tote Lärche absäbelt, sodass wir nicht auf unser abendliches wärmendes Lagerfeuer verzichten müssen. Irgendwo am Ufer bleiben wir dann stehen. Es gibt hier eigentlich keine Gelegenheit sich etwas zu verstecken, jedoch ist eigentlich auch niemand in der Nähe. Nur eine unglaubliche Stille ist zu vernehmen. Wie stellt man sich Stille vor, wenn es keine Bäume gibt, die im Wind schaukeln und kein Laub, welches unter den Füßen raschelt? Jedenfalls für uns sehr wohltuend.

Den sonnigen Tag verbringen wir mit angenehmen Dingen des Lebens, wie Lesen, Schnitzen und nichts tun. Wir genießen es einfach an diesem wunderbaren Ort zu sein. Auch die seltenen Mongolenbesuche sind kurz und harmlos – es sind einfach neugierige Menschen, die kurz bei uns abhängen wollen. Komischerweise ist die Kommunikation so gut wie nicht möglich. Etwas wundern wir uns, denn bisweilen sind wir mit Händen und Füßen gut klar gekommen. Doch in der Mongolei scheint auch diese Sprache unbekannt zu sein, oder machen wir etwas falsch?

Die Rückfahrt

Unsere Mongoleireise ist fast vorbei. Nun müssen wir 700 km bis in die Hauptstadt zurücklegen. Dafür nehmen wir uns zwei Tage Zeit, denn vor uns liegen einige hunderte Kilometer Piste. Piste bedeutet aber nicht immer nur eine unbefestigte Straße, die von A nach B führt. Nein, die schlimmsten Pisten sind die Baustellenumfahrungen, die sich in zehn oder 20 verschiedene Fahrspuren aufteilen und kilometerlang an einer fertigen Asphaltstraße entlangführen. Durch die häufige Befahrung sind sie von Schlammlöchern, Bodenwellen und tiefen Spurrillen übersät. Hier können wir nicht schneller als 15 km/h fahren. Immerhin bemühen sich die Mongolen tatsächlich Orte mit Straßen zu verbinden. Doch scheinbar sind sie sehr schlechte Straßenbauer, denn oftmals sind selbst neue Straßen schon so aufgebrochen, dass man sich schnell wieder nach einer unbefestigten Piste durch die Berge sehnt.

Genau auf dem halben Weg wollen wir an einem See halten, der ebenso schön sein soll wie der Terkhiin Tsagaan Nuur. Als wir 100 km Piste überwunden haben, die mitten durch das menschenleere Tamir Tal führt, freuen wir uns schon auf das Ankommen. Kurz vor unserem Ziel befindet sich eine auf der Karte eingezeichnete Brücke, die uns über den Tamir-Fluss befördern soll. Und tatsächlich stehen wir vor einer mongolischen Brücke, wie wir sie häufig sehen… aus Holz… vermutlich aus dem vorherigen Jahrhundert. Eine Frau, die Brückenbeauftragte zu sein scheint, deutet mit den Händen ein Kreuz. Hier können wir nicht durch, wir seien zu schwer und könnten einstürzen. Komisch, auch die Brücken in der Mongolei sind oft nicht von nachhaltiger Bauweise. Schon einmal haben wir eine Brücke zu den Tsenker-Quellen überquert, die nur noch auf einer Seite befahrbar war – auf der anderen klaffte ein riesiges Loch! Wenn man sich mit dem Fahrzeug auf Höhe eines solchen Loches befindet, sackt die ganze Geschichte noch einmal um gute zehn bis 15 Zentimeter ab und hält letztendlich doch noch einmal. Bis irgendwann halt das letzte Mal gekommen ist … Wir handhaben diese Überquerungen wie die Mongolen: Alle Passagiere ausgenommen dem Fahrer steigen aus, überqueren die Brücke zu Fuß, der Fahrer versucht sein Glück und anschließend dürfen hoffentlich alle wieder einsteigen.

Nun gut, dann sehen wir diesen See wohl nicht. Wir müssen einen Umweg nehmen und übernachten an einem einsamen Plätzchen am Tamir-Ufer, welches dem See sicherlich in Nichts nachsteht. Für diese Strapazen werden wir am nächsten Tag durch eine ganz frische Asphaltstraße belohnt. Ohne Schlaglöcher und Baustellen. In einem Wahnsinnstempo fahren wir zu unserer Oase, wo wir uns wieder waschen und erholen können, die Eindrücke verarbeiten und uns auf die bevorstehende Chinareise vorbereiten. Die Visa halten wir schon in unseren Händen. Nun soll der nächste Abschnitt beginnen. Auch wenn wir diesmal die Mongolei zu schnell verlassen, wir kommen sicherlich wieder!