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Malaysia. Natur trifft Moderne.

Malaysia

Asien 2014-2016

Fast hätten wir erneut nicht den Absprung aus Georgetown geschafft. Gerade als wir aufbrechen wollen, springt unser Landy nicht an. Der Anlasser? Oder doch nur die Batterie? Überbrücken scheint erfolglos. Kurzer Hand bauen wir die Verbraucherbatterie aus und als Starter wieder ein, um einen schlimmeren Defekt auszuschließen und da ist es, das vertraute Brummgeräusch des 2,5 l Dieselmotors. Es kann losgehen. Scheinbar gibt es im Fahrerhaus einen Kriechstrom, doch darum kümmern wir uns ein anderes Mal. Mit einem weinenden Auge verabschieden wir uns wiederholt von unseren neuen Freunden. Wir hatten hier eine unglaublich intensive Zeit. Vermutlich hätten wir noch weitere Monate hängenbleiben können, uns irgendwann sogar einleben. Doch wir entscheiden uns für das Weiterfahren. Ein bisschen vermissen wir es inzwischen unterwegs zu sein.

Cameron Highlands

Ein neuer Arbeitsauftrag wartet auf uns, den wir nicht sausen lassen wollen. Deshalb sind wir auf der Suche nach einem netten Örtchen mit sowohl Internetanbindung als auch interessanten Freizeitaktivitäten. Zunächst wollen wir der Empfehlung folgen, die etwas südlicher gelegene Insel Pangkor auf zu suchen, doch auf dem Highway verpassen wir mehrmals die Ausfahrt, weil wir zu sehr in Gedanken schweben. Als wir durch die Stadt Ipoh fahren, welche zum Fuße der Cameron Highlands liegt, beschließen wir spontan unseren Plan umzuwerfen und fahren in die kühlen Berge.

Cameron Highlands waren einst der Ferienort der englischen Kolonialherren, die der brütenden Hitze der Stadt entfliehen wollten. Die angenehmen Temperaturen von 15-20 Grad sind bedingt durch die Höhenlage von 1500 m. Die erste Gänsehaut lernen wir sofort zu genießen, schnell sind unsere gut verstauten „Winterkleider“ heraus gekramt. Ein nettes Guesthouse, in dessen Hof wir gegen einen geringen Betrag campen können, versorgt uns währenddessen mit dem nötigen (wenn auch mangelhaften) Internet.

Gelandet sind wir in dem kleinen Städtchen Tana Rata. An sich gibt es hier nichts Besonderes – die schöne Natur wurde dank wachsendem Tourismus nach und nach durch Betonplattenbauten verschandelt. Doch die Luft hier oben ist herrlich frisch und klar, somit ist es genau das, was wir gerade brauchen. Außerdem haben die Briten nach ihrem Abzug einige Defender da gelassen, die in allen erdenklichen Alters- und Wartungsstufen vertreten sind. Nach den ersten zwei Tagen haben wir bereits mehr als 200 gezählt, doch selbst wenn es 1000 wären, würde Jonas bei jedem Einzelnen immer wieder funkelnde Augen bekommen. Unser Dicker ist endlich kein Einzelgänger mehr sondern unter Seinesgleichen, wohlmöglich zum ersten Mal überhaupt.

Nachdem die Projektphase abgeschlossen ist, unternehmen wir eine Tageswanderung in den Wald, der sich auf dieser Höhenlage von einem normalen Dschungel stark unterscheidet. Große Wurzeln ragen aus der Erde, alles ist mit Moos bewachsen, er wirkt geheimnisvoll, fast wie ein Zauberwald.

Am Tag bevor wir weiterfahren, besuchen wir noch die berühmten Teeplantagen und einen Aussichtspunkt. Wenn man die Plastikzelte der unzähligen Erdbeerplantagen dazwischen übersieht, die vielleicht einfach nicht unserem europäischen Geschmack entsprechen, könnte man hier eine richtige Idylle vorfinden. Doch scheinbar stehen die Malaien so sehr auf englisches Gebäck mit Erdbeermarmelade, dass immer mehr davon errichtet werden, Erdbeer-Merchandising inbegriffen. Wer schon immer eine Plüsch-Erdbeere haben wollte, oder ein T-Shirt, Regenschirm, Hausschuhe, Schlüsselanhänger etc. mit Erdbeeren drauf, dann ab mit euch in die Cameron Highlands.

Gefahren in der Natur

Warum dürfen wir nirgends über Nacht parken? Eigentlich wollten wir die letzte Nacht inmitten der malerischen Teeplantagen verbringen, doch nicht nur da werden wir weg geschickt. Wir fahren mehrere Orte an, die perfekt zum campen wären, doch jedes Mal kommt irgendein Wachmann wie aus dem nichts und macht uns klar, dass wir hier nicht bleiben dürfen – zu gefährlich. An den Aushängen der Wander-Ruten wird von einem Messerräuber gewarnt, der mit Vorliebe westliche Touristen überfällt. Längst soll Tana Rata nicht mehr die ländliche Idylle sein. Und natürlich wollen die Parkwächter keine Verantwortung übernehmen, im Fall der Fälle. Man braucht sich nur um zu schauen, um zu verstehen: Überall arbeiten Bangladeschies auf den Feldern und Baustellen für einen Sklavenlohn. Und sie sind bitterarm, so wie es ihre kümmerlichen Behausungen erahnen lassen. Wäre es verwunderlich, dass sie auf blöde Ideen kommen könnten?

Zumindest bietet uns die Runterfahrt über Dschungelserpentinen eine beeindruckende Aussicht. Wir haben eine Empfehlung für einen Campingplatz bei den heißen Quellen direkt hinter den Bergen. Obwohl die Gänsehaut inzwischen wieder Schweißperlen gewichen ist, baden wir in dem nach faulen Eiern stinkenden Wasser, das sich mit dem kalten Fluss vermischt und so angenehme Badewasser-Temperaturen auf natürliche Weise entstehen. Aber übernachten wollen wir hier nicht. Auf dem Gelände tummelt sich eine größere Gruppe von Halbstarken, die sich Kleber und sonstwelche Drogen in die Birne ziehen. Irgendwie wollen wir nicht das Risiko eingehen, uns nachts mit denen rumschlagen zu müssen.

Auch in Georgetown haben wir mitten unter Pennern und kleberschnüffelnden Kindern geparkt. Doch aufgrund der Stadtlage und Ausleuchtung hatten wir immer das Gefühl von Sicherheit, nicht zuletzt könnten wir ja im Notfall und zu jeder Zeit unsere Freunde im Haus nebenan um Hilfe bitten. Noch mehr hatten wir aber den Eindruck von den Obdachlosen akzeptiert zu werden, weil wir genauso wie sie draußen schlafen, selbst wenn es eigentlich nicht zu vergleichen ist. Hier ist die Situation eine andere. Wir fahren weiter.

Auf der Suche nach Internet

Und erneut klopft Arbeit an die Tür. Mensch, haben wir eine gute Auftragslage! Diesmal ist der Job so zeitintensiv und lukrativ, dass wir uns nach einer Unterkunft mit dem Kriterium „stabilstes Internet im Land“ umschauen müssen. Das ist in Malaysia jedoch eine echte Herausforderung. Schon eigenartig, dass das Mobilfunknetz mit 4G auffährt, aber ein stabiles Netzwerk ist nur mit Mühe zu finden. Das war selbst in Thailand anders. Aber noch haben wir etwas Zeit, bis die Projektphase beginnt. Wir machen die Kurve nach Lummut, zu dem Küstenort bevor man auf Pangkor Island übersiedeln könnte (was wir nicht tun werden, denn das Internet hat es noch nicht ganz rüber geschafft). Aber vielleicht könnte es auf dem Festland ganz nett werden? Auf Koh Phangan hat es uns am Meer zu arbeiten im Grunde ganz gut gefallen.

Leider ist diese Idee ein Reinfall. Wir kurven bis spät in die Nacht durch die hässliche Stadt und Umgebung – nichts erscheint uns einladend genug, um den gesamten Projektzeitraum von zwei Wochen zu bleiben. Da es bereits dunkel ist, fahren wir ein letztes Guesthouse an und fragen nach dem Preis. 120 Ringit will der gute haben – wir eröffnen, dass 40 eher unsere Preisklasse sei. Als er auf 80 runter geht, schauen wir uns die modrigen Zimmer an, steigen danach sofort ins Auto und wollen gerade weiter fahren (einen Platz an der Tankstelle wäre uns lieber) als der Besitzer hinterher gerannt kommt und unser anfängliches Angebot doch noch akzeptiert. Na gut, es ist ja nur für eine Nacht und eine Dusche ist schon längst überfällig. Zumindest ist eine ungewöhnliche Zimmerpflanze inklusive: aus dem Teppich in der Ecke wächst eine gar nicht so kleine Pilzgruppe. Und haben wir schon erwähnt dass das Zimmer, im traditionell malaysischen Stil, ganz Pink ist? Wie kommen die bloß dazu, solch einen Preis für diese Bruchbude zu fordern!

Hunderte von Kilometern ziehen unzählige Palmölplantagen an unseren Fenstern vorbei. Wir wissen, dass wir uns der Hauptstadt Kuala Lumpur nähern müssen, wenn wir passables Internet brauchen. Zwar haben wir noch keine Ahnung wohin, jedoch wollen wir noch für eine Nacht die Natur genießen, bevor es in den Großstadt-Dschungel gehen muss. Zum Fuße des Frasers Hill biegen wir in eine Seitenstraße ab, die uns zu einem netten Fleckchen am Fluss führt. Dank des Mobilfunkturms in der Nähe haben wir hier, mitten im Nichts, einen 4G Empfang. Doch eine Arbeitsatmosphäre bietet der Platz ansonsten nicht. Zu viel Besuch von Picknick liebenden Malaien, was auch den ganzen Müll im Gebüsch erklärt. Schnell freunden wir uns mit den Hunden an, benutzen zum ersten Mal unser neues Vordach um uns vor dem Regen zu schützen, welcher inzwischen jeden Tag zur selben Zeit einsetzt.

Doch für den Schlaf finden wir keine Ruhe. Ein dubioses Auto mit getönten Scheiben fährt mitten in der Nacht Kreise um unser Camp. Wohlmöglich ist es nur ein junges malaiisches Pärchen, das gerade genau wie wir einfach nur seine Ruhe finden will, unser Fahrzeug also genau so als dubios empfindet. Doch wir wollen nichts riskieren. Wir packen schnell alles zusammen und verschwinden zum nächst gelegenen Rasthof. In Asien ist man einfach nie alleine.

Laura und Chris, die wir seit Bangkok nicht mehr gesehen haben, sind gerade in einem Vorort von Kuala Lumpur unterwegs: Cyberjaya. Der Name ist Programm, denken wir uns. Dort fahren wir hin.

Cyberjaya

Angekommen in dieser künstlich errichteten Vorstadt, an dessen Stelle mal wieder ein Stück wilder Dschungel großflächig weichen musste, entdecken wir schnell, dass das „Cyber“ im Namen eine völlige Berechtigung hat. Cyberjaya ist Malaysias Silicon Valley. Abgesehen von der Universität, in welcher primär IT-Berufe studiert werden, findet man hier ebenso die Hauptsitze der Malaiischen Ableger von Großkonzernen wie HP Enterprise, IBM und vielen weiteren. Im „Magic Village“ werden regelmäßig Fortbildungen, Vorträge und Konferenzen über die neusten Entwicklungen in der IT-Branche abgehalten. Zufällig finden wir genau dort eine Unterkunft, in der auch Jonas problemlos seine IT-Expertise in die Praxis umsetzen kann, ohne vom Speed Limit der Leitungen ausgebremst zu werden. Wir sind genau richtig.

Laura und Chris sind derweil über AirBnB in einer Studenten-WG unter gekommen. Harun, ihr Mitbewohner, stammt ursprünglich aus Syrien. Er ist nett und zuvorkommend, ein ganz feiner Typ. An einem Abend organisiert er für uns alle eine kleine Pizza-Party. Während er mit seiner neuen Freundin, einer Koreanerin, arm in arm sitzt, erzählt er uns seine Geschichte: Seine Familie ist frühzeitig in die Arabischen Emirate umgesiedelt, inzwischen haben alle sogar die Staatsangehörigkeit gewechselt. Er selber studiert schon einige Jahre in Malaysia Architektur, zurück in die Arabische Welt will er aber auf keinen Fall. „Polizisten haben mich auf offener Straße angehalten, da ich als junger Mann in Begleitung einer unverheirateten Frau gelaufen bin. Dabei war es meine eigene Schwester! Sie wollten unbedingt unsere Ausweise als Beweis sehen und selbst dann waren sie noch immer nicht zufrieden. Das ist nicht mehr meine Welt! Hier kann ich mit jedem Menschen, ob Frau oder Mann, in Freiheit offen auf der Straße reden, eine Freundin haben.“ Wohin er nach dem Abschluss geht, weiß er noch nicht.

Und er ist nicht alleine. Ein ganzes arabisches Viertel hat sich um die Kondominien gegründet, die meisten von ihnen kommen aus Syrien. Wir sind verrückt nach dem Syrischen Essen: Hummus, Fatusch, Fatah und Babaganusch stehen fast täglich auf unserem Speiseplan. Oft hören wir die Frage, wo wir her kommen. „Germany? Good! One million syrian refugees: good or not good?“ – „Wenn sie Baklava (eine Arabische Süßspeise) mitbringen, dann GOOD!“ – schießt Laura wie aus der Pistole zurück. Ist wohl die beste Antwort an dieser Stelle. Doch tatsächlich: wenn ihr nicht wisst, was ihr mit den vielen syrischen Flüchtlingen anfangen sollt, lasst sie Restaurants aufmachen, statt sie im Flüchtlingsheim versauern zu lassen. Das würde niemand bereuen, versprochen!

In unserem Lieblingsrestaurant arbeitet auch ein Syrer. Ein junger Mann, dessen Uni während dem Krieg bombardiert worden ist. Seit dem studiert er hier in Malaysia. Seine Familie ist noch dort. Er will zu seiner holländischen Freundin in ihr Heimatland ziehen, erstmal mit einem Studentenvisum, nicht als Asylbewerber. Zurück nach Syrien? Nein, von seiner Heimatstadt ist nur noch Schutt und Asche übrig. Wir stellen uns vor, wie es wohl wäre, wenn das Land, in dem man geboren ist, in Trümmern liegt. Wenn der Kriegszustand noch immer und auf ungewisse Zeit andauert. Was würden wir tun? Und ihr?

Kuala Lumpur und die Suche nach dem Parkplatz

Nach etwas mehr als zwei Wochen haben wir die Arbeitsphase beenden können. Laura und Chris sind inzwischen nach Kuala Lumpur umgesiedelt. Dort haben sie einen Job als Houssitter bekommen. Während gut betuchte Expats in den Urlaub gehen, suchen sie über die Plattform trustedhoussitters.com jemanden, der in ihrer Abwesenheit auf die Haustiere aufpasst und vielleicht noch die Blumen gießt. Im Gegenzug dürfen die Aufpasser umsonst in ihrem Haus wohnen. In diesem Fall ist die Unterkunft ein Volltreffer: 6 Schlafzimmer, 4 Bäder, eine große Terrasse und sogar ein eigener Pool, alles zur freien Verfügung. Und wir sind eingeladen einige Tage in dieser Prachtbude gemeinsam mit Laura, Chris und den vier Katzen zu hausen. Für keinen von uns ist dies ein erstrebenswerter Zustand, für einige Tage aber unglaublich gemütlich.

Jedenfalls sind wir überglücklich mit den Beiden die letzten Tage verbringen zu können, bevor es für uns zurück nach Deutschland geht. Ach ja, wir haben ganz vergessen zu erwähnen, dass wir einen fünfwöchigen Deutschlandurlaub zu Weihnachten und Neujahr geplant haben. Naja, es steckt auch durchaus Absicht dahinter. Wir wollten es nicht an die große Glocke hängen, um einige unserer Freunde überraschen zu können. Unser Flug ist bereits seit einem Monat gebucht, jetzt müssen wir uns nur noch um einen sicheren Parkplatz für unser rollendes Zuhause kümmern. Und das ist gar nicht so einfach.

Zunächst klappern wir einige Stationen in Kuala Lumpur ab, die wir aus dem Internet gefischt haben, in der Hoffnung etwas Zentrales zu finden, doch alles vergeblich. Zudem macht uns der Verkehr in dieser unübersichtlichen Stadt richtig fertig. In Cyberjaya hätten wir etwas, doch da würde das Auto quasi auf offener Straße stehen, was wir um jeden Preis vermeiden wollen. Klar, wir könnten es am Flughafen auf einem bewachten Parkplatz stehen lassen, doch das ist kaum bezahlbar für uns. Da haben Laura und Chris eine gute Idee: „Hey, wir waren in Melakka in einem super netten Guesthouse mit einem großen Garten und genügend Platz um 10 Landys zu parken, da ist es zu 99% sicher!“. Ist zwar stressig, aber wenn das Auto sicher ist, dann soll das wohl die Lösung sein.

Auf den letzten Drücker packen wir alle möglichen Sachen, die wir in Deutschland zur Winterzeit benötigen können, überflüssige Dinge, die wir einlagern wollen, kaufen sogar eine zusätzliche Reisetasche und schon geht es los: Hotel am Flughafen anfahren, buchen, schweres Gepäck ablegen, nach Melakka fahren, Besitzer kennenlernen, Auto abstellen, Gammel-Kühlschrank ausputzen, Auto vorbereiten, Taxi zum Busbahnhof nehmen, Bus zurück zum Flughafen von Kuala Lumpur besteigen, am Flughafen Taxi zum Hotel nehmen, Gepäck glücklicherweise noch da, ein Shuttelbus für den nächsten Morgen bestellen, irgendwas ekliges beim Inder essen und Tot ins Bett fallen. Geschafft – was für ein Tag!

Wir stehen aufgeregt am Flughafen. Mehr als 12 Kilo Übergewicht unserer Reisetasche ist auf asiatische Weise keinem aufgefallen. Wie fühlt es sich wohl an, nach so langer Zeit zurück in Deutschland zu sein? Hat sich dort viel verändert? Oder wäre es schlimmer, wenn sich gar nichts verändert hätte? Haben wir uns vielleicht zu sehr verändert, um dort klar zu kommen? Der Ausreisestempel ist bereits im Pass. Es wird unser erster richtiger Winter seit mehr als einem Jahr. Familie. Freunde. Wir freuen uns darauf!