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Von Angkor Wat zu Yoga und Meditation

Kambodscha

Asien 2014-2016

Nun wird es für uns Zeit nach Siem Reap weiter zu ziehen. Wir verabschieden uns vorerst von den Bullies (eine erneute Zusammenkunft ist bereits für Thailand fest eingeplant) und machen uns auf den Weg. Erneut benötigen wir den ganzen Tag für die Strecke von gerade einmal 320 km. Zunächst legt uns der Stadtverkehr in Phnom Pehn für einige Stunden lahm, spätere 2/3 der Hauptroute bestehen aus einer trockenen Staubpiste, durchsetzt mit Bodenwellen und Umfahrungen. Am Ziel angekommen sieht die ganze Sache schon anders aus: Es gibt viel mehr Platz auf der Straße, sogar eine Extraspur nur für Roller. Ein Hotel reiht sich an das Nächste, Luxusanlagen neben Backpacker Vierteln. Was man an der erschaffenen Infrastruktur ablesen kann, muss die Stadt beinahe vor Tourismus platzen, zumindest in der Hochsaison.

Wir sind froh in der absoluten Nebensaison zu reisen, so können wir den vielen Platz fast für uns alleine nutzen. Eine Hotelanlage mit Parkmöglichkeit am Stadtrand überzeugt uns mit Schnäppchenpreisen – wir beziehen die Residenz als einige Gäste. Nun denn, wir brauchen auch all unsere Kraft um die nächsten Tage zu überstehen. Denn hier, vor dem Fuße Siem Reaps gibt es etwas, wofür Millionen Touristen aus aller Welt anreisen, ein „Must See“ jedes Reisenden. Ab morgen besichtigen wir die Tempelanlagen um Angkor Wat, eines der größten Meisterwerke der Kulturgeschichte.

Das Mysterium um den Eintrittspreis

Über eine lange Allee fahren wir neben Tuk Tuks und Motorrollern in Richtung der Sehenswürdigkeit und machen zwischendurch bei dem Ticket-Schalter halt, wo sich bereits eine recht große Menschenansammlung tummelt. Bevor uns noch zwei chinesische Reisegruppen einholen, stellen wir uns auch mal an. Beim Kauf des Ein-Tages-Tickets staunen wir über den Preis, der insbesondere innerhalb Kambodschas aus jedem Verhältnis heraus sticht: 20 Dollar für einen Tag – das ist eine Ansage! Vergünstigungen gibt es weder für Studenten, noch für Kinder. Kambodschaner selbst zahlen keinen Eintritt.

Zunächst denkt man sich natürlich nicht viel dabei – die über 1000 Tempel der Gesamtanalage Angkor müssen ja auch irgendwie erhalten werden. Doch später, während der Besichtigung, besagen die meisten Anzeigetafeln, dass der Aufbau überwiegend von Französischen, Japanischen, Amerikanischen und Deutschen Organisationen finanziert wird. Rechnen wir einmal kurz nach: Im Jahr 2013 zählt Angkor mehr als zwei Millionen Besucher. Nehmen wir an, jeder davon konnte mindestens ein 20-Dollar Ticket erstehen. Das macht gleich einen Jahresumsatz von weit über 40 Millionen Dollar. Wir sind zwar keine Experten, schätzen jedoch, es müsste abzüglich der laufenden Kosten immer noch verdammt viel übrig bleiben. Was machen sie mit dem Geld? Ist Angkor denn tatsächlich auf die ausländische Unterstützung angewiesen?

Es stellt sich heraus, dass der Ticket-Verkauf seit mehr als 16 Jahren in privater Hand liegt. Am unteren Rand des Tickets steht die "Sokha Hotel Co., Ltd." als Verantwortlicher eingetragen, was eine Tochterfirma des Ölkonzerns Sokimex ist. Nach dem Vertrag aus dem Jahr 2000 sollte die Regierung bis zu 75% der Gewinne erhalten haben. Ob es stimmt, wie viel an ASPARA, die kambodschanische Organisation, die mit der Instandhaltung und Restaurierung der Tempel beauftragt ist, weiter gegeben wurde und ob es dann tatsächlich auch entsprechende Verwendung fand, bleibt dank des hohen Maßes an Korruption und Intransparenz im Verborgenen. Anscheinend sollte es 2010 zu einer Neuverhandlung kommen, um eine bessere Verteilung des Geldes zu Gunsten der Restaurierung zu erreichen, doch leider findet man nichts über das Ergebnis im Internet. Es bleibt die Frage, warum die Regierung von Kambodscha überhaupt an dieser Privatisierung fest hält. Welche Vorteile sehen sie darin, außer alle möglichen korrupten Beamten daran zu bereichern?! Jedenfalls bekommen wir beim Zahlen einen sehr faulen Beigeschmack.

Die größte Sehenswürdigkeit der Welt

Es gibt einen kleinen Trick bei dem Ein-Tages-Ticket: ersteht man seine Eintrittskarte um 16 Uhr des Vortages, ist man am selbigen zwischen 16 und 18 Uhr zum Eintritt berechtigt und kann somit Angkor an zwei Tagen besichtigen. Diese Möglichkeit wollen wir ausnutzen, um uns schon einmal umzusehen bzw. in Stimmung zu kommen. Wir fahren zielsicher zum Phnom Bakheng, einem „Berg-Tempel“, von welchem man laut diverser Quellen einen wunderbaren Sonnenuntergang beobachten kann – wenn man denn rein kommt. Dieser nicht wesentliche Zusatz wird natürlich in keiner Quelle erwähnt. Wir parken den Defender etwas weiter Außerhalb und laufen zum Hügel, während uns nervige Straßen-Verkäufer zum Kauf eines T-Shirts umstimmen wollen.

Zweihundert Meter weiter ein Kontroll-Posten: Ellen darf nicht rein, denn sie hat nur ein Träger-Top an. Die Schultern mit einem Tuch zu bedecken gelte nicht, wir sollen unten ein T-Shirt kaufen. Schweine! Die stecken doch unter einer Decke! Wir jedenfalls würden die Outfits so mancher Asiatin als sehr provokativ betrachten, welche trotzdem durchgelassen werden. Es ist ja einerseits verständlich, denn nicht selten kommen die Meldungen von westlichen Touristen, welche nackt zwischen den heiligen Ruinen für ein Foto posieren. Aber dann sollte diese „Regel“ auch für alle gelten. Es hilft keine Diskussion. Bei den Pennern wollen wir natürlich kein T-Shirt kaufen – zum Glück haben wir unseren ganzen Kleiderschrank im Auto dabei.

Oben angekommen wird uns klar, was die Millionen-Besucherzahlen tatsächlich bedeuten: eine breite Schlange bildet sich vor dem Eingang in das eigentliche Heiligtum. Die ASPARA-Verwaltung begrenzt die Zahl der gleichzeitig Betretenden in besonders stark frequentierten Bereichen auf maximal Einhundert. So müssen alle geduldig warten, bis die Vorgänger ein Foto gemacht haben. Wir haben zwar mit viel Andrang gerechnet, doch dort möchten wir uns nicht anstellen – lieber setzen wir uns ins Abseits und beobachten das Getümmel. Kurz bevor wir aufgeben wollen, ist die Besucherschlange doch noch auf ein erträgliches Maß geschrumpft. Wir stellen uns noch recht widerwillig dazu, dürfen aber tatsächlich nach einer halben Stunde die Treppen emporsteigen.

Wir haben es geschafft! Wir sind da! Doch anstatt des Sonnenuntergangs erwartet uns ein lautes Blitzlichtgewitter. Selfie-Stangen kreuzen sich, Fotohandys werden anvisiert, Gopro-Aufnahmen gedreht und professionell mit der Spiegelreflex fotografiert als ob es kein Morgen gäbe – und das alles für einen Sonnenuntergang, der bereits vorüber ist. Wir verstehen irgendwie die ganze Aufruhr nicht und sind viel mehr davon fasziniert, was eine Lonely Planet Empfehlung aus einem so magischen Ort gemacht hat. Es herrscht pure Torschlusspanik: Man ist ja extra hierher gefahren und will nun Facebook-Freunden zeigen, dass man einen weiteren Punkt von „1000 Places to see bevor you die“ abhaken konnte. Fragt sich denn keiner mehr, was diese alten Gemäuer eigentlich sind? Wir beide sind total überfordert von den Eindrücken dieses Schauspiels und diesen ersten Tag verbringen wir hauptsächlich damit, die Touristen zu fotografieren und uns zu überlegen, was der Tourismus manchmal mit sich bringt. Das UNESCO-Weltkulturerbe wird für Selfies von Abermillionen Füßen zertrampelt, jeden Tag. Das ist unser Eindruck, während wir ebenso hier oben stehen, mit einer Kamera in der Hand, und leisten brav unseren Beitrag.

Das Phänomen Angkor

Wir lassen uns vom Vorabend nicht abschrecken, sondern nehmen ihn als eine gute Schule. Erneut lesen wir nach, zu welchen Zeiten welche Tempel am besten zu besichtigen sind und machen genau das Gegenteil: Zwar nehmen wir uns ebenso diese scheinbar wichtigsten Tempel vor, gehen sie jedoch gegen den Uhrzeigersinn ab. Und erstaunlicher Weise funktioniert unsere Taktik, oder wir haben einfach nur Glück.

Angkor bedeutet „Stadt“ und bildete zwischen dem 9. Und 15. Jahrhundert das Zentrum des historischen Khmer-Königreichs. Auf einer Fläche von mehr als 200 km² wurden nacheinander von jedem Herrscher mehrere Hauptstädte samt eines zentralen Haupttempels errichtet. Vermutungen zu Folge lebten am Höhepunkt bis zu einer Million Menschen im Großraum von Angkor. An diversen Mauerwerken vorbei fahren wir durch die weitläufigen Anlagen. Zu Fuß nur in vielen Tagen abzulaufen, selbst mit dem Fahrrad wäre es eine relativ sportliche Unternehmung. Unser erstes Ziel ist die Tempelanlage Ta Prohm, unter anderem bekannt aus dem Film Tomb Raider und einer der Tempel, welche Archäologen so belassen, wie sie ihn vorgefunden haben. Es ist früh am Morgen und wir spazieren, unglaublich aber wahr, fast alleine um die halb zerfallenen Gemäuer, umringt von Würgefeigen und anderen Baumgiganten.

Außerhalb der Ruinen findet man dagegen ein ganz anderes Bild, das jede schöne Stimmung zerstört. Die Parkplätze sind überfüllt von bettelnden Kindern und nervigen Verkäufern, die mit allen Mitteln um Touristen buhlen: „Mister, buy something. Miss, cheep, cheep! Only one Dollar!“. One Dollar, one Dollar, one Dollar… Sehr vieles scheint man hier für einen Dollar zu bekommen. Zeigt man jedoch ein ernsthaftes Kaufinteresse, schießen die Preise natürlich urplötzlich in die Höhe – für den angeprangerten Dollar gibt es nur ein kleines Wasser oder ein müdes Lächeln. Und wehe man hat ein Knick in seinem Geldschein – das „schmutzige“ Geld will keiner annehmen, druckfrisch muss es sein.

Als nächstes besichtigen wir die Anlage von Angkor Thom, die große Hauptstadt. Von Gräben und hohen Mauern umfasst beherbergt das quadratische Areal mehrere Steinbauten, von denen wir uns einige anschauen. Bevor wir den Bayon, den Haupttempel im Zentrum besichtigen, legen wir eine längere Pause ein. Das verschafft uns noch ein bisschen Kraft für neue Eindrücke und ermöglicht somit, dass uns dieser Tempel mit den vielen Gesichtstürmen nochmal richtig von den Socken haut. Dabei steht noch der größte Tempelkomplex der Welt auf dem Programm, Angkor Wat persönlich. Auch hier ist nicht mehr so viel los, wie üblicher Weise. Die meisten stellen sich wohl gerade für ein Sonnenuntergangs-Foto irgendwo in die Reihe. Wir beginnen erneut mit einer Pause, doch langsam geht uns wirklich die Puste aus. Jonas wird es schlecht. Sonnenstich, schlechtes Essen oder einfach Überanstrengung? So eine Tour ist einfach sehr ermüdend, insbesondere in dieser brütenden Hitze. Nachdem wir uns doch noch zu der Besichtigung überwinden, sind wir nur noch froh darüber, für eine kalte Dusche zurück ins Hotel fahren zu können. Dabei haben wir lediglich einen Bruchteil gesehen. Besichtigungstechnisch scheinen wir wahre Weicheier zu sein, schließlich gibt es noch ein Drei-Tages bzw. oder sogar das Wochen-Ticket.

Ja, das ganze Phänomen Angkor ist recht faszinierend. Nach dem heutigen Tag wundert es uns natürlich nicht, dass so viele Leute die Tempelanlagen sehen möchten, denn sie sind wirklich wunderschön und beeindruckend. Und so geben wir einfach zu: Man darf es sich wirklich nicht entgehen lassen Angkor mit den eigenen Augen zu sehen, auch wenn man dabei so einige Male in den sauren Apfel beißen muss.

Im Tempel sein. Eine Frage von Respekt.

Unser recht kurzer Aufenthalt in Angkor ist merklich eindrucksvoll. Doch insbesondere der Umgang damit – kommerziell und persönlich – bringt uns ernsthaft zum Nachdenken. Was kann man denn anders machen? Kann man besser damit umgehen? Wir können ja mal mit einer Geschichte Anfangen, die wir euch noch gar nicht erzählt haben: Als wir vor knapp einer Woche zum zweiten Mal in die Hauptstadt Phnom Penh fahren, haben wir so gar keine Lust erneut in ein stinkiges Hotelzimmer zu gehen. Vielmehr bevorzugen wir unser eigenes gemütliches Bettchen. Doch das bedeutet irgendwo auf der Straße zu stehen und zwar auf einem nicht ausschließlich ungefährlichen Pflaster.

Mit beiden Autos halten wir an einer großen ummauerten Tempelanlage und hoffen innerhalb der Mauern stehen zu dürfen. Markus und Jonas gehen rein, um bei jemanden nach Erlaubnis zu fragen. Nach kurzer Suche können sie einem jungen Mönch, welcher perfekt Englisch spricht, unser Anliegen nahe bringen. Dieser erklärt hilfsbereit, es sei kein Problem, auch wären wir nicht die ersten. Zunächst sollte jedoch der Oberste Mönch der Region um Erlaubnis gefragt werden – dies gebietet die Höflichkeit. So bringt er die beiden Jungs zum Haus des hohen Mönchs. Was sie noch nicht wissen ist, dass man vor dem alten Herrn als Respektserweisung knien muss, es wird eine sehr ungewohnte und witzige Erfahrung daraus. Jonas und Markus knien nieder und verbeugen sich, während der junge Mönch den Ältesten um Erlaubnis für unseren Nachplatz fragt. Der Alte erkundigt sich kurz über uns, will wissen wo wir her kommen und wo wir stehen wollen, letztlich erhalten wir die Erlaubnis auf dem Tempelgelände zu Nächtigen. Für uns war es wirklich ein schöner, sicherer und ruhiger Ort, den man inmitten dieser riesigen lauten Stadt gar nicht erwartet. Abgeschottet und doch mitten drin, ein ganz eigenes Dorf in der Stadt, mit eigenen Regeln, seiner eigenen Ordnung und einer ganz besonderer Atmosphäre. Ein Ort, an dem die Menschen friedlich miteinander leben und sich entfalten können. So ein Ort war auch Angkor einmal vor Jahrhunderten, und soll es immer noch sein: heilig.

Doch können wir das als (westliche) Besucher empfinden? Wir spazieren durch die Tempelkomplexe und fragen uns, wie wir nun dem Ort Respekt erweisen können, welcher nicht nur eine alte Ausgrabungsstätte ist, nicht nur ein paar alte Steine und Gemäuer sondern ein Raum für Glauben, für Ruhe, immer noch. Muss man nicht ein schlechtes Gewissen bekommen dorthin mit abertausenden anderen zu reisen wegen eines rein egoistischen Zwecks, seine Neugier zu befriedigen? Es gibt keinen hohen Mönch, bei dem man vorsprechen muss, um seinen Respekt zu zeigen, es gilt natürlich lediglich am Ticket-Schalter einige Dollar abzudrücken. Wie sollten die Besucher damit aufhören lächerliche Posen für ein Schnappschuss ein zu nehmen, wenn schon der Einlass sich in keiner Weise von einem Freizeitpark unterscheidet?

Natürlich darf man so ein Kulturgut der Öffentlichkeit nicht vorenthalten. Denn es ist ja das Erbe der Menschheit, also das von uns allen. Durch dessen Existenz könnten wir begreifen, was wir im Stande sind zu vollbringen. Wir könnten erkennen, dass die Geschichte nicht linear verläuft, dass das Jetzt nicht die Krönung ist. Die Hochleistungen der Menschen waren bereits, und es wird sie wieder geben. Es könnte eine Annäherung an das beinahe verlorene Gefühl der Demut sein, und an Respekt. Doch wohlmöglich können die dort heute lebenden Menschen erst dann die große Stadt Angkor als heilig empfinden, sobald sich die alten Gemäuer die Stille zurück erobert haben.

Yoga und Meditation im Hariharalaya Retreat

Nach dem ermüdenden Besichtigungs-Marathon benötigen wir auch dringend Ruhe! Wie passend, dass wir einige Wochen zuvor einen 6-Tägigen Aufenthalt im Hariharalaya Yoga- und Meditation-Zentrum gebucht haben, ca. 20 km außerhalb von Siem Reap. Da Ellen noch immer unter den Auswirkungen von den Antibiotika leidet, sehen wir das sozusagen als eine privat organisierte Kur für Körper und Seele. Uns erwarten eine feine Unterkunft, veganes Essen und eine nette Gemeinschaft von Reisenden, die an diesem friedlichen Ort sowohl Zuflucht finden, als auch etwas Neues lernen können. Wir sind gespannt, was uns erwartet.

Wie die meisten hier haben wir beides noch nie zuvor gemacht. Insbesondere Jonas ist am Anfang ziemlich skeptisch. Doch das komische Gefühl verfliegt rasch nach den ersten Stunden innerhalb des wunderschönen Gartens dieser Anlage. Wir müssen uns um nichts weiter kümmern als zu sein, im hier und jetzt. Morgens und abends Yoga und Meditation, dazwischen leckere vegane Küche und genug freie Zeit für den Pool, ein gutes Buch oder eine entspannende Massage. So ein geregelter Tagesablauft tut uns beiden besonders gut, denn es vermittelt ein Gefühl von Stabilität, welches wir auf der Reise nicht sehr oft hatten. Wir finden Gefallen daran, den Tag mit Yoga zu beginnen, entdecken die Meditation als eine wichtige Fähigkeit, die unsere Reise bereichern könnte und lernen ganz tolle Leute kennen. Die Atmosphäre ist von Anfang an familiär und am Ende fällt es allen sichtlich schwer sich zu verabschieden.

Auch von der Entstehungsgeschichte sind wir beeindruckt. Joel, der Begründer des Hariharalaya Retreat, hat diesen zauberhaften Ort nicht nur aufgebaut, sondern ihm auch einen ganz besonderen Spirit eingehaucht. Ohne abgehoben und neo-esoterisch aufzutreten, erklärt er die Wichtigkeit der Meditation aus der Sicht des alltäglichen Lebens, ohne den aktuellen Zeitgeist außer Acht zu lassen. Nebenbei erwähnt, zeigt er uns auch mal wieder, dass die ganze Welt ein Dorf zu sein scheint: Wir haben einen gemeinsamen Freund in den Stuttgarter Wagenhallen, dort wo wir bis zu unsere Abfahrt gelebt haben. Auf jeden Fall wird es eine wichtige Station auf unserem Weg. Joga und Meditation nehmen wir mit auf unsere Weiterreise und die Yogamatten haben inzwischen einen festen Platz im Defender.

Foundation of Stillness – Das Fundament der Stille

An unserem letzten Tag im Hariharalaya herrscht nicht nur eine Aufbruchsstimmung. Für heute wird ein ganz besonderer Gast erwartet: Ein hoher Meister der Meditation aus Myanmar wird während seinem ersten Kambodscha-Besuch genau hier einen Kurs abhalten. Das ist eine große Ehre für das kleine Meditationszentrum, so ist das ganze Team merklich aufgeregt. Interessierte aus dem Dorf sind zu dieser besonderen Zeremonie eingeladen und kommen nach und nach an, in Festtagsroben gekleidet. Joel wird für sie die englisch geführte Meditationsstunde übersetzen, denn er spricht fließend Khmer.

Dann kommt der Mönch herein mit seiner ganzen Gefolgschaft von weiteren Mönchen, Nonnen und Familienangehörigen. Ein feingliedriger Mann in dunkelroter Kutte, der kaum ein Wort spricht und sich mit Bedacht bewegt. Er nimmt in der Mitte Platz, während um ihn herum die Technik aufgebaut wird: Mikrofon, Videokamera, Tonaufnahmegerät. Die Nonnen, in Rosa Gewände gekleidet, machen einige Fotos mit den Tablets, während wir uns nicht trauen die Kamera raus zu holen. Und dann fängt der Mönch an in die Stille des Raumes ruhig und bestimmt einzelne Sätze zu sprechen: über Anhaftung an materielle Dinge, das Schwelgen in Zukunft oder Vergangenheit, das Loslassen, das Sein. Wir sitzen alle still da und meditieren, zum ersten Mal tatsächlich eine ganze Stunde, und wissen eigentlich noch immer nicht, was wir da eigentlich machen. Aber werden wir das jeweils herausfinden? Jedenfalls bleibt es ein überaus interessanter Vormittag, der uns der buddhistischen Kultur näher bringt.

„Meditation ist keine neue Spielanleitung, keine Strategie, keine weitere Erklärung aus einem Lexikon. Meditation bedeutet zunächst kopfüber in das Unbekannte zu tauchen, in die Unwissenheit, ohne zu versuchen etwas zu wissen, zu begreifen, es heraus zu finden oder zu analysieren mit unseren kleinen begrenzten menschlichen Gedankenkonzepten. In dem Unbekannten, aus dem Standpunkt des Nicht-Wissens, entdecken wir Weisheit, Schönheit, Geduld und Frieden. Doch sobald wir behaupten zu wissen, müssen wir daran fest halten, es verteidigen, es beweisen, sichtbar machen. Wir müssen unsere Flagge hissen uns sie herum schwenken, damit jeder weiß, dass wir wissen dass wir wissen. Doch dieses Wissen ist gefährlich, da es bestenfalls nur einseitig ist, es kann niemals ganz sein. Immer nur trennt es und zerteilt die eine und grenzenlose Wirklichkeit in Teile und Abschnitte. Meditation ist eine Einladung zum Nicht-Wissen.“ (Frei übersetzt aus „Foundation of Stillness“ von Joel Altman)

Die letzten Worte zu Kambodscha

Unser einmonatiger Aufenthalt in diesem schönen Land ist vorbei, wir fahren zur Grenze nördlich von Siem Reap, zurück nach Thailand. Zwar hatten wir viele schlechte Erfahrungen in Kambodscha, doch ohne zu wissen warum, ist es uns viel mehr unter die Haut gegangen, als wir uns zunächst eingestehen wollen. Abgesehen von der schrecklichen Vergangenheit, und mancherorts auch einer schrecklichen Gegenwart sehen wir viele Bereiche, die dieses schöne Land in eine glanzvolle Zukunft weisen. Wir sind beeindruckt von der Geschichte, dem einfachen Leben, der wunderschönen Natur. Die Faszination Kambodscha lebt im Kontrast: Hier finden wir eine Art Aneinander-Reibung, echte Berührung, und genau deswegen lässt es uns nicht kalt. Wir sind dankbar für alles, was wir hier lernen durften. Sicherlich werden wir irgendwann einmal wieder zurückkehren.