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Die Legende vom Bären-Berg

Osteuropa 2013

Vor ewigen Zeiten war es, als in den Bergen der Krim nur wilde Tiere lebten. Einige zwischen ihnen waren riesige und blutrünstige Bären. Als Raubtiere wanderten sie weit hinter die Berge, tauchten in den weiten Ebenen der Steppe auf und überfielen die dort lebenden Menschen. Erbeutete Schätze nahmen sie mit und verschwanden wieder im Dickicht der Wälder.

Auch auf der Küste, zum Fuße der Krimberge, ließ sich eine Horde Bären nieder. Der älteste und gewaltigste Bär war ihr Anführer. Eines Tages, als die Bären von ihrem Raubzug zur Küste zurückkamen, entdeckten sie am Ufer die Trümmer eines Schiffes. Zwischen den gestrandeten Wrackteilen lag ein Wickel. Der alte Anführer wickelte es aus uns sah darin ein kleines Mädchen. Nur sie ist nach dem Schiffbruch am Leben geblieben.

Das kleine Mädchen lebte von nun unter den Bären. Jahre vergingen, sie wuchs heran und verwandelte sich in eine schöne Maid. Alle Bären, insbesondere der alte Anführer, liebten sie sehr. Die junge Frau sang laute Lieder, während sie in der wilden Natur tobte und die Bären waren bereit vom Morgen bis zum Abend ihrer wunderbaren Stimme zu lauschen.

Irgendwann machten sich die Raubtiere erneut auf, in die Ebenen des Landesinneren. Als sie schon abwesend waren, nicht weit vom Bärenlager, zwischen den im Meereswasser badenden Felsen, strandete ein Kanu ans Ufer und ein schöner Jüngling darin. Noch als Knabe war er entführt und versklavt worden von einem räuberischen Volk, an den Ufern auf der anderen Seite des Meeres lebend. Nun entschied sich der junge Mann zur Flucht, in Hoffnung in seine Heimat zurück zu kehren. Ein Sturm schaukelte sein Kanu lange Zeit auf hohen Wellen umher, und schleuderte es schließlich an die Ufer der Krim.

Entkräftet von Hunger und Durst, lag der Jüngling ohne Regung am Boden seines Kanus. Die junge Maid trug den Jüngling zu einem geheimen Ort, gab ihm zu essen und zu trinken, und versteckte sein Kanu zwischen den Büschen an den Klippen, damit die Bären nichts davon merkten. Viele Male brachte die Maid dem Jüngling Speis und Trank. Der junge Mann erzählte ihr hingegen, wie die Menschen in seinen Heimat lebten. Mit großem Interesse hörte die junge Frau ihm zu, in seinen klaren blauen Augen blickend. Ihre liebsten Lieder hatte sie ihm vorgesungen. Und in diesen Tagen, da kam eine feurige Liebe in die Herzen der beiden hinein. So sprach der Jüngling zu der schönen Maid: „In meinem Volksstamms finden wir Platz für zwei. Willst du mit mir in meine Heimat segeln?“ und die Frau antwortete: „Ich will. Ich bin bereit mit dir zu gehen, wohin auch immer du willst.“

Der junge Mann erholte sich, seine Kräfte kamen zu ihm zurück. Er baute einen Mast und nähte Segel aus Tierhäuten. Nun warteten die Verliebten bis sich die Winde drehten, um das Bärenufer verlassen zu können. Da kam der wegweisende Wind. Der junge Mann und die Maid stießen das Boot ins Wasser, setzten sich hinein. Dann schon legte sich zwischen das Boot und die Felsen des Ufers eine breite blaue Weite.

Plötzlich bebte die Erde unter den schweren Stapfen der Pranken, die Luft erschauderte von dem gewaltigen Gebrüll. Die Bären waren es, die von der langen Wanderung zum Uferlager zurückgekehrt sind,  und haben die junge Frau nicht auffinden können. Der Anführer schaute aufs Meer und verstand alles. Die Liebe zu dem jungen Ankömmling, die Anziehung zum Menschengeschlecht haben in der Seele der jungen Frau alle bisherigen Verbindlichkeiten besiegt. Für immer entführt nun dieses Kanu das geliebte Menschenkind des Bärenvolkes.

Wütend schrie der alte Bär auf. Außer sich vor Wut tobte die Bärenhorde am Ufer, das Umland erschallte im donnernden Geschrei. Der Anführer ließ sein gewaltiges Maul in das blaue Nass nieder und fing an mit viel Kraft das Wasser einzusaugen. Seinem Beispiel folgten auch die anderen. Nach einiger Zeit wurde das Meer seichter. Die Strömung zog das Kanu wieder zurück ans Ufer. Die junge Frau erkannte: ihr Geliebter wird dem schrecklichen Schicksal nicht entkommen können, die Bären werden ihn zerreißen.

Da sang die junge Frau. Alsbald die Stimme der Frau die Bären erreichte, huben sie ihre Köpfe aus dem Wasser und lauschten auf. Nur der alte Anführer gab seine Sache nicht auf. Noch tiefer ließ er seine Vorderpranken und die Schnauze in die kalten Wellen. Das Meer schäumte vor seinem Maul und floss hinein in breiten Strömen. In ihren Liedern beschwor die junge Frau, alle Kräfte des Himmels und der Erde mögen sich erheben zum Schutz ihrer ersten, reinen Liebe. Sie flehte den alten Bären an, er möge den Jüngling verschonen. So inbrünstig waren die Gebete der jungen Maid, dass das schreckliche Tier aufhörte das Wasser in sich zu saugen. Aber das Ufer verlassen wollte er nicht, er blieb liegen, schaute weiterhin in die Ferne, wo das Kanu verschwand, samt dem Wesen, zu welchem er so verbunden war.

Und nun liegt der alte Bär am Ufer schon tausende Jahre. Es versteinerte sein kraftstrotzender Laib. Die mächtigen Seiten des Körpers verwandelten sich in hängende Klippen, der hohe Rücken wurde die Spitze des Berges, bis zu den Wolken reichend, der Kopf wurde zu einem Riff, das borstige Fell formte sich um in einen dichten Wald.

Der alte Anführer Bär wurde zum Bären-Berg.