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Donau-Delta und das Schwarze Meer

Osteuropa 2013

Добрый день oder einen schönen guten Tag aus der Ukraine!

Die Königststeiner Gebirgskette, dort, wo wir zuletzt ein Lebenszeichen von uns gelassen haben, liegt inzwischen gefühlte Monate hinter uns, dabei waren es nur zwei Wochen. Inzwischen waren wir so voller Eindrücke, dass wir erst einmal dringend ein Wochenende vom Reisen brauchten. Und dafür hat uns ein schöner Platz am Fluss für ganze 3 Tage ein vorübergehendes Heim geboten. Dort waren wir mit nichts weiter beschäftigt als es uns gemütlich zu machen, am Feuer zu sitzen (bzw. bedeutete dies für Jonas zunächst viel Feuerholz mit der Axt klein zu machen) und auch einmal eine heimische Regenbogenforelle zu kosten (selbstgefangen natürlich).

Vom Berg zu Wasser – Biosphärenreservat Donaudelta

Wieder voller Kraft und Tatendrang beschlossen wir die Karpaten als Reiseabschnitt abzuschließen und direkt zum Donau-Delta weiter zu fahren. Unterwegs dorthin haben wir kurz ein Standard-Touristenprogramm absolviert, indem wir das Schloss von Graf Dracula in Bran besichtigten, mit den hunderten dort ansässigen Souvenirständen. Sehr angetan vom Gedanken schnell wieder wegzukommen fuhren wir nach Tulcea (große Stadt im Herzen des Deltas). Diese Stadt war keine Perle, jedoch versorgten wir uns dort mit wichtigen Informationen und machten uns gleichzeitig offizielle Erlaubnisscheine für alles (Dortsein, Angelndürfen, Autofahren), denn das Donaudelta ist ein besonders geschütztes Naturreservat für viele Tierarten, vor allem Vögel. Für manche Gebiete ist der Zutritt sogar völlig untersagt, was sich positiv auf die natürlichen Müllvorkommen auswirkt.

Dort, wo die Straße aufhört und man jedes müde Dörfchen nur noch mit dem Boot erreicht sammelte uns ein Typ auf der Straße auf und noch bevor wir "nein" sagen konnten standen wir auch schon auf seinem Campingplatz. Dies erwies sich dennoch als Glückslandung, denn außer dass man über 10€/Tag für saubere Toiletten, eine warme Dusche (und die wurde bei der Hitze inzwischen täglich nötig) und WiFi incl. nicht meckern konnte, trafen wir auch noch Chris und Agnes aus München, die mit einem LKW, alias Chris' Wohnung, unterwegs waren. Wir verstanden uns auf Anhieb. Ähnlich wie wir befanden sich auch diese beiden auf zweimonatiger Reise durch Rumänien, jedoch mit dem Wendeziel Istanbul.

Bereits am Abend saßen wir zu viert am Tisch mit dem Campingplatzbesitzer und bei einer gehörigen Tankung Zuika (Obstbrand, den wir von den Rumänen geschenkt bekommen hatten), Bier und Wein verhandelten wir die Konditionen einer gemeinsamen Bootstour durch das Donau-Delta. Zwar mussten wir leicht über unser Budget hinausgehen, doch glücklicherweise hat uns dies im Rausche des Zuikas nicht allzu sehr abgeschreckt, denn wir erlebten eine super spannende etwa 100km lange Tour durch unzählige Gewässer des unglaublichen Deltas. So erreichten wir Orte, die selbst zu Fuß nicht mehr zu erreichen sind und konnten eine unfassbar vielfältige Vogel- und Pflanzenwelt bestaunen. In bester Gesellschaft zweier Vegetarier (Chris und Agnes) angelte Jonas ein paar Barsche und Hechte für den abendlichen Grill, sodass wir abends gemeinsam ein größeres Grillfest mit Geschirr und Zutaten aus zwei Küchen organisieren konnten. Letztendlich hat es uns, wie fast immer, an nichts gefehlt und alle Gäste sind satt geworden.

Doch genug von Campingplätzen - wir wollten zurück in die Natur. Auf Empfehlung fuhren wir an ungewöhnlichen Lanschaften entlang in das Dörfchen Vadu (unterstes Ende des Nazionalparks), wohinter sich ein kilometerlanger weißer Sandstrand der Schwarzmeerküste befindet - ein letztes Fleckhen Strand, das (noch) nicht von der Touristenindustrie berührt worden ist. Zwar waren einige Wildcamper dort, welche wie wir der Hitze entfliehen wollten, jedoch befanden sich unsere nächsten Nachbarn stets mindestens einen halben Kilometer entfernt.  Das war auf jeden Fall ein Paradies, welches wir nicht so schnell erneut finden werden. Um das Delta-Erlebnis abzurunden, fuhren wir an einen der unzähligen Seen, wo Jonas seinen erworbenen Angelschein ausnutzen konnte. Es war ein Natur- und Angelparadies, an welchem wir auch die eigentlich erwarteten Mosquito-Schwärme „endlich“ am eigenen Leibe zu spüren bekamen. Was für ein Abschluss – Ukraine wir kommen.

Ein Nachtrag zu Rumänien und den Rumänen

Das Camping in seiner wilden Form, also ohne Campingplatz, ist erlaubt und wird gerne genutzt. Wir haben einige Orte angefahren, an denen bereits Lager aufgeschlagen wurden. Ob an stark befahrenen Straßen oder in der Wildnis - häufig begegnet man zeltenden Rumänen (teilweise in der Größenordnung eines ganzen Wildcampingplatzes) oder die Reste eines Zeltlagers. Einerseits sympathisch, andererseits versteht man, warum es in den meisten Ländern Europas verboten ist: es liegt sehr viel Müll herum. Wir fragen uns oft, warum das Bewusstsein für das Sein in der Natur nicht damit verknüpft ist, dass man die gerade ausgetrunkene Bierflasche (o. Ä.) eben nicht in den Wald feuert, sondern mitnimmt. An Mülleimern mangelt es nicht und wir haben unseren Müll auch immer loswerden können ohne ihn einfach am Straßenrand abzulegen, oder in den nächsten Graben oder auf der Wiese zu verteilen. Dieses Unbewusstsein geht in der Ukraine natürlich mit unverminderter Härte weiter. Leider. Um diesen wohl negativen Eindruck abzumildern: Das soll nur kleine Kritik an einem wunderbaren Land sein, das wir nicht nur mit einem weinenden Auge verlassen.

Ostblock-Gefühle

Die Ukrainer empfingen uns an der Grenze im Prinzip sehr freundlich, alle interessierten sich für das Auto und leider auch dafür, was sich denn hinter den Türen befindet. Nach einigen Stunden für die Ukraine typischen Papierkrams mit Stempel hier, Unterschrift dort, Papier hier und Erlaubnis sonstwo (die Unproduktivität erinnert fast etwas an Ägypten), fingen die Grenzbeamten endlich an, das Auto zu zerlegen und alle Gegenstände zu kontrollieren. Die Frage, ob wir denn keine Angst vor Banditen hätten oder wenigstens ein Pfefferspray oder Elektroschocker dabei hätten, verneinten wir selbstsicher, wir hätten doch eine stattliche Axt im Gepäck. Das lockerte die Stimmung für einige Minuten, doch änderte es nichts an der Tatsache, dass wir alles zeigen mussten. Und das bei mindestens 35° C im Schatten. Nichtsdestotrotz hielten wir durch und konnten irgendwann endlich einreisen, also auf in Richtung Odessa.

Die Straße wird hier tatsächlich noch einmal ein wenig schlechter im Vergleich zu Rumänien. In das größte Schlagloch, welchem wir ausweichen mussten, hätte man vermutlich einen Smart versenken können. Also, lasst eure VWs, BMWs und AUDIs zu Hause, kauft euch einen Lada Niva oder kommt mit dem Flugzeug, diese Straßen zerstören alles, was noch keinen russischen Umbau hinter sich hat. Nun denn, wir haben es ohne größere Zwischenfälle am Freitag bis nach Izmail, unserem ersten neuen Zwischenstopp geschafft, und haben uns zum ersten Mal eine Nacht außerhalb des Autos in einer "Gastiniza" "gegönnt", eine Art Gasthaus der untersten Kategorie, sodass wir es bezahlen konnten und wollten. Vor unserer Weiterfahrt am Samstag hat Jonas dann noch kurzer Hand seine Visa-Karte in einen schrottigen Automaten gesteckt, woraufhin dieser wohlauf schmatzte und unsere einzige kostenlose Möglichkeit an Geld zu kommen in Richtung Verdauungstrakt schickte. Ciao Visa, wir vermissen dich aber kommen auch gut ohne dich zurecht. Wäre doch gelacht, früher ging es ja auch ohne, schluck.

Nach verspätetem Aufbruch in Izmail, geschuldet der Visa-Sperrung, Gesprächen mit der Bank, ob sie nicht doch jemanden schicken wollen, um unsere Karte zu befreien usw, brachen wir nun auf nach Odessa (natürlich ohne Visakarte). Doch diese Stadt sollte nur ein kurzes Erlebnis bleiben, denn vollkommen überfordert, gestresst und heruntergerockt, mussten wir so schnell wie möglich wieder herausfahren, ohne wirklich etwas gesehen zu haben. Dafür fanden wir (google sei Dank) in einem ganz kleinen Dörfchen direkt an der Schwarzmeerküste eine Art Camping-Platz (ehemaliges Kinderferienlager der Sowjetunion) und erleben in diesen Minuten den puren Sozialismus, dem in diesem Lager wohl niemals der Rücken gekehrt wurde. Viel Papierkram, alles kostet extra, Essen kann man sich zw. eins und zwei im Tausch gegen eine zuvor erworbene Essensmarke (Dokument mit Stempel und Unterschrift) mit Tablett abholen, total witzig... Zumindest für uns. Auf jeden Fall sind wir mit diverser Jonglage-Ausrüstung der absolute Renner bei Nachbarskindern.