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Heimatgefühle

Osteuropa 2013

Wir grüßen euch, привет und moin,

der letzte Bericht aus dem sozialistischen Ferienlager nahe Rybakovka liegt nun etwas mehr als vier Wochen zurück, nicht zuletzt deshalb so lange, weil Jonas das Notebook zwischenzeitlich unbrauchbar gemacht hatte und wir somit keinen Zugang zu dieser so wichtig gewordenen Ressource Internet hatten.

Republik Kazantip – wie die neue Jugend rockt

Nach unserem Aufbruch im Ferienlager soll unsere Rundreise auf der Halbinsel Krim am Schwarzen Meer inoffiziell starten. Das letzte Internet (ohne zu wissen, dass es vermutlich das letzte sein wird) nutzen wir um die nötigsten Informationen zu einem weltweit bekannten ukrainischen Sport- und Musik-Festival namens Kazantip ausfindig zu machen, welches die absolute Kehrseite zu dem biederen Ferienlager-Charme darbieten soll. Getreu dem Motto „b U! — sei glücklich, habe Spaß und Freude am Leben!“ wird hier wochenlang direkt auf dem weißen Sandstrand gefeiert, Sport getrieben und Spaß gehabt. Da wir nun zufällig kurz vor Ende des Festivals in der Gegend sind und die Gelegenheit nicht unversucht lassen wollen, einen Blick hinter die großen Tore zu werfen, soll Kazantip die nächste Anlaufstation auf der Krim werden.

Der erste Eindruck ist sehr toll und erinnert ein wenig an die Fusion nahe Berlin (http://www.fusion-festival.de). Sehr aufwendige Bauten, eher kunstvoll als prunkvoll ragen über die Mauern hinweg. Das „Visum“ für einen Tag soll mit 80€ pro Nase allerdings auch nicht ganz günstig ausfallen, sodass wir das Gelände leider nur von außen begutachten können und einige schöne Stunden direkt nebenan an dem für uns bis dahin schönsten Strand der Krim verbringen. Auf Party sind wir ohnehin nicht aus und interessieren uns eigentlich mehr für die Inszenierung, die Bauten und das Feeling auf dem Gelände, sodass die Enttäuschung doch noch relativ gering ausfällt. Das Meer ist unglaublich sauber und Jonas hat große Mühe Ellen zum Abbruch ihrer Quallen-Amateur-Film-Tour zu bringen. Nun denn, das Kapitel Kazantip ist somit nicht abgeschlossen und wir werden sicherlich eines Tages erneut anreisen, und zwar mit Re-Entry-Visa.

Back to the roots – Auf nach Sewastopol

Wir legen kurzerhand einen längeren Fahrtag ein, bewältigen die letzten Kilometer in Richtung Ellens Heimatstadt Sewastopol, um Tante Sweta noch zu erwischen, die für den nächsten Tag einen Flug nach Weißrussland hat. Hier erwartet man uns bereits: Ellens Cousin Sascha und seine Familie leben noch in der Großstadt am südlichen Zipfel der Halbinsel Krim und freuen sich auf unsere Ankunft. Die nächste Woche verläuft recht toll, obwohl Ellen fast ununterbrochen übersetzen muss. Wir stehen zusammen mit einer Katzenfamilie mit unserem Home auf der außerhalb der Stadt gelegenen Datscha und genießen es übergangsweise, uns um relativ wenig kümmern zu müssen. Die wichtigsten Dinge sind einfach geklärt: Keine ungewisse Toilettensituation, keine Schlafplatzsuche und keine Diskussionen mit Tankwart/Behörden/Polizei oder wem auch immer. Im Prinzip widmen wir uns nur den schönen Dingen, besuchen einen Autoteilemarkt (riesiger Flohmarkt mit gebrauchten und neuen Teilen), besichtigen die Stadt, essen selbstgemachtes Schaschlik (natürlich auf Kirschholz gegrillt) und führen sehr gute Gespräche. Auch der Wagen soll auf seine Kosten kommen, Jonas nutzte die Chance und verpasst dem Dicken einen Ölwechsel inkl. Filter, ordentlich Fett für die Gelenke und in Kooperation mit Sascha einen neuen Wasserhahn, welcher uns zuvor irgendwann kaputt gegangen war. Natürlich ist der neue Kran aus PE geschweißt, die russische Marke Eigenbau, alles andere hätte uns auch nicht zufriedengestellt. Außerdem gibt es auf dem Automarkt einen Board-Kompressor (gute Russische Marke – kein Chinaschrott!!) für uns, den wir in der Vergangenheit natürlich schon einige Male Abwegs der Straßen vermisst hatten. Zuguterletzt finden wir noch einen neuen Fernscheinwerfer „Made in UDSSR“, also vom alten Kaliber. Der wird sich sehr gut auf dem Dach machen und im Gelände oder bei nicht vorhandener Straßenbeleuchtung mit Kratern in der Straße (ukrainischer Standard) etwas besser ausleuchten.

Sascha beglückt uns in dieser Woche noch mit einem für uns unerlässlichen Ausrüstungsgegenstand, einem russischen „Palisad“ (ein richtig guter Spaten). Die Toilettensuche in der Wildnis wird sich hierdurch sehr stark vereinfachen, die Bomben werden einfach vergraben und sind in einigen Wochen verrottet. Essentiell und praktisch, wir rüsten weiter auf.

Saschas Tochter können wir mit einem aus Deutschland mitgebrachten Hund (manch einer wird sich bei Durchschauen der Fotos aus den letzten Berichten schon gewundert haben) überraschen. Zu Hause hatten wir diesen am Tag der Abfahrt als Abfall (keine Angst, ist ein Stofftier) bei uns auf dem Gelände ausfindig gemacht und nach einigem Hin und Her unter dem Bett mitfahren lassen. Es dauert nicht lange und Rufus wird zum Renner auf der ganzen Fahrt. Alle erkundigen sich nach dem Hund, in Rumänien mussten wir sogar ein Mädchen unglücklich zurücklassen, als wir Rufus nach einigen Stunden mit ihr wieder mitnehmen mussten, ohne tatsächlich erklären zu können, dass er schon vergeben ist. Auf unserer nächsten Reise werden wir definitiv mehr solcher Dinge einlagern, Kindern eine Freude zu machen ist einfach und toll!

Der Abschied von Sascha und seiner Familie fällt uns schwer, wir hatten sehr tolle Momente dort. Zum Abschied schenken wir Sascha Jonas Akkuschrauber (was den Abschied nicht leichter machte), da ordentliche Maschinen in der Ukraine einfach viel teurer sind. Das wird den Bau eines Hauses auf der Datscha unfassbar erleichtern, ein gutes Werkzeug wird Sascha mehr Freude bringen, als irgendetwas anderes, was wir abgeben könnten. Nach einigen Tag unserer Abreise erhalten wir die Nachricht von Sascha, dass der Schrauber super sei, er jedoch leider keine Ausreden mehr hätte Pausen einzulegen, da das Schnellladegerät die Li-Ionen-Akkus in ca. 15 Minuten auflade.

Umgang mit Alkohol

Trotz der vielen guten Dinge, die wir Ellens Heimat abgewinnen können, ist nicht alles so rosig, wie der Eindruck beim Durchlesen der obigen Zeilen vermitteln mag. Ein unschönes Klischee wird bekannterweise den Russen (also auch Ukrainern) zugesprochen: Wodka und der Alkoholismus. Leider ist es nicht nur ein schlechter Ruf. Doch auch in Deutschland gibt es Geschichten von Alkoholmissbrauch in jungen Jahren und Koma-Saufen – möchte man dem entgegnen – ist es tatsächlich so schlimm?

Wer einem alkoholkranken Menschen begegnet, der begreift, wo der Unterschied liegt. Der Konsum ist allgegenwärtig und alles als gute Gelegenheit akzeptiert. Meist ist es ein ewiger Kreislauf aus Feierabend-Schnaps und  Konter-Saufen. Dabei wird oft aus Versehen jegliche Grenze überschritten.  Du kannst einem bekannten Menschen in die Augen sehen und wirst nichts mehr von ihm wieder erkennen. In diesem Moment ist es äußerst erschreckend. Ab einem bestimmten Stadium wirken Betrunkene wie Zombies, können nicht mehr die Wirklichkeit wahrnehmen, spinnen sich einen nach Außen unlogischen Film im Kopf zusammen, auf welchen sie mit noch absurderen Maßnahmen reagieren – solange noch etwas Bewusstsein vorhanden ist. Von schlechten Witzen bis zu Gewaltausbrüchen kann alles dabei sein. Sie sind äußerst uneinschätzbar. Ellen entwickelt sogar eine kurzzeitige Phobie, kann nächtelang nicht schlafen aus Angst von Besoffenen „angegriffen“ oder einfach nur belästigt zu werden.

Wir hören Erzählungen von alleinerziehenden Müttern, Friedhöfe mit einer ungewöhnlich hohen Anzahl an Gräbern von jungen Männern. Und immer öfter sehen wir Männer, taumelnd, mit glasigem Blick, verloren am Straßenrand wanken. Nicht nur die Folge von Alkoholismus führt zum Tot, sondern natürlich auch die Unfälle, die sich in Folge von Drogenkonsum zutragen. Wir denken häufig an die hohe Sterblichkeitsrate bei Männern, bemerken Frauenüberschüsse und lesen über Bevölkerungsrückgang. Statistischen Erhebungen zu Folge gibt es doppelt so viele Frauen als Männer älter als 65, sie leben im Schnitt 12 Jahre länger (in Deutschland vergleichsweise nur werden Frauen nur 4 Jahre älter). (Quelle: http://www.indexmundi.com/de/ukraine/einwohnerzahl_profil.html)

Es ist schwer sich damit abzufinden, dass gute Menschen wegen diesem Zeug ihr Leben verlieren und das Leben ihrer Lieben in der Zeit der Abhängigkeit zum Teil zur Hölle machen. Dennoch zählt dieser Brauch und Missbrauch als normal. Noch mehr wundert uns, dass gerade wegen dieser Allgegenwärtigkeit das Thema dennoch verpönt ist. Entweder werden die betroffenen als Alkies beschimpft oder das Problem wird heruntergespielt. Beides hilft hier jedoch nicht weiter, es wird ernsthafte Hilfe benötigt: Anlaufstationen, Einrichtungen, Aufklärung – und vor allem der Mut, offen darüber zu reden, ohne Scham die Dinge auszusprechen. Diese wohlmöglich kulturelle Umstellung/Umbesinnung könnte langfristig Besserung bringen.