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Heimkehr

Osteuropa 2013

In dem Örtchen Mysove, direkt vor dem Kap Kazantyp auf der Halbinsel Kertsch, bietet die Umgebung ein Surfer- und Naturparadies. Ein netter Campingplatz, direkt am Meer gelegen, bietet uns noch die Möglichkeit zur Erholung, bevor wir den Rückweg antreten. Roter Sand, warme Wellen und ein Wein – dass die 200 km des nächsten Tages so anstrengend sein werden, wissen wir noch nicht.

Vom Traum zum Alptraum?

Unterschiedliche Meinungen der Ortskundigen machen uns stutzig. Sollen wir oder sollen wir nicht? Einerseits ist es der langersehnte Traum von Ellen, die schmale Verbindung von der Krim zum Festland zu nehmen, andererseits soll es eine Tortur sein diese Piste zu fahren und aus diesem Grund meidet es auch jeder, der die Möglichkeit hat. Wir entscheiden uns letztendlich dafür, ohne uns tatsächlich im Klaren darüber zu sein, was wir uns und unserem Auto damit antun. Wir treten also den Rückweg über einen schmalen Steg durch das Asowsche Meer an, die Arabat-Nehrung (Arabatskaja strelka). Die 130 km lange und zwischen 270 m und 8 km breite Sand-Bank besteht zu ca. 90 km nur aus Wellblechpiste (kleine vom Wind aufgehäufte Wellen aus Sand). Aber wozu haben wir ein Geländefahrzeug? In der romantischen Vorstellung, wo man das Asowsche Meer zur Rechten und den Sywaschsee zur Linken sieht, hört es sich nach einem spannend schönen Abenteuer an. In der Realität entwickelt sich die Fahrt zu einer Katastrophe.

Nach ca. 10 km sehen wir die letzten wildcampenden Urlauber am Strand. Als wir merken, dass sich die Strecke etwas länger zieht als erwartet und uns die ersten Schrauben aus dem Armaturenbrett auf die Füße fallen, begreifen wir, was uns bevorsteht. Nach 20 km kommt sogar kurz die Überlegung, doch noch umzukehren – jedoch aktzeptieren wir letztendlich den gefallenen Entschluss und heizen weiter. Krampfhaft versucht Jonas die beste Fahrrinne zu finden, doch alle sind miserabel, es macht kaum einen Unterschied. Bzgl. des Wellblechfahrens gibt es 2 Methoden: Entweder man fährt mit 2 km/h mit sehr stark reduziertem Reifendruck ganz gemächlich über die Piste oder aber man fliegt mit 70 km/h aufwärts und strammen Reifen nur über die Wellenberge. Wir haben beides ausprobiert. Für das langsame Fahren fehlte uns die Geduld, schließlich haben wir hier mindestens 100 km zu bewältigen. Wir wollen ja auch irgendwann auf dem Festland ankommen. Auf gerader Strecke funktioniert letztere Methode, also mit hohem Tempo, sehr gut. Sobald einem allerdings starke Kurven, tiefe Schlaglöcher oder ungünstig aufeinanderfolgende Hügel, die das Fahrzeug immer mehr aufschaukeln (im schlimmsten Fall bis der Wagen abhebt) begegnen, sieht es anders aus. In einem Streckenabschnitt schaukelt sich der Defender so sehr auf, das er hinten fast abhebt und mit voller Wucht wieder in die Federn fällt – wir hören lautes gepolter aus der Wohnkabine und fürchten Schlimmeres. Noch bevor wir hinten aufmachen, können wir das Ausmaß erahnen – unter der geschlossenen Tür fließt ein Schwall aus Öl, Essig und Tomatensoße heraus zu unseren Füßen. Jonas ist schon kurz davor die Geduld zu verlieren, hat er sich beim Aus- und Aufbauen des gesamten Fahrzeugs so viel Mühe gegeben. Es sind Situationen, in denen man begreift, wie egal es der Welt ist, was du denkst und was du gerne hättest. Es gilt zu akzeptieren und ruhig zu bleiben, denn ob man es glauben will oder nicht: Man wird an der Situation nichts und wieder nichts ändern. Ausschließlich die Schadensbeseitigung mit ruhigem Gemüt wird für einen selbst eine positive Veränderung der Situation herbeiführen können, so schwer dies manchmal fallen mag.

Mittags bei 35 Grad im Schatten, ohne Schatten, fangen wir an die Sauerei schnellstmöglich zu beseitigen, um den Schaden zumindest einzugrenzen. Zum Glück haben wir Wasser und Putzmittel dabei und es geht mühsam aber schnell voran. Letztendlich verblieb alles im erträglichen Rahmen (d.h. Jonas musste das Übel nicht anzünden, wie zunächst vorgeschlagen). Nun fahren wir zwei Säcke voller Öl-getränkter Kleidung als Mitbringsel nach Hause. Als heilendes Mittel für unsere Gemüter machen wir unseren privaten FKK-Strand auf. Nur wir, riesige Wellen, roter Sand und Möwen. Irgendwie doch schön hier.

Als wir die ersten Camper am Strand sehen, wissen wir, dass es bald geschafft ist. Kurz vor der Dämmerung erreichen wir endlich Strilkove, ein Ort am anderen Ende der Nehrung, welcher nicht mehr der autonomen Republik Krim angehört. Wir beschließen hier zu übernachten, um in der Frühe den gezielten Rückweg anzutreten. Wie eine Perlenkette stehen Campingvans abwechselnd mit Zelten, stets den Sicherheitsabstand von rund 50 m einhaltend, zum Wasser gewandt. Nach hinten darf man nicht schauen, da wird der Müll hingeworfen, direkt neben die teils zerfallenen, teils neu errichteten Toiletten-Zellen. Dort Reihen wir uns auch ein. Tschüss Krim, Ellens Heimat – wann sie die wohl wiedersehen wird?

Der ukrainische Westen

In Windeseile, soweit man auf ukrainischen Straßen in Windeseile reisen kann, machen wir uns auf den Heimweg. Wir wollen Strecke machen um evtl. etwas Zeit für die west-ukrainischen Karpaten zu finden. Alle Landschaften fliegen an uns wie im Zeitraffer vorbei. Meer, Steppe, Akazienwälder, Schlagloch- und Platten-Straßen lösen neuwertige Autobahnen ab. Städte, Dörfer, Felder. Und dann kommt es mal wieder anders als geplant. Wir treffen Micha.

Micha steht mit seinem Toyota Landcruiser (deutsches Kennzeichen) und eingeschalteter Warnblinkanlage am Straßenrand in irgendeiner Pampa. Wir fahren zunächst vorbei, doch als wir begreifen, dass der gute Mann wohlmöglich eine Panne hat, drehen wir schleunigst um. Jonas begrüßt Micha mit einem herzlichen: "Moin!". Micha scheint fast aus allen Wolken zu fallen, denn er hat schon seit 20000 km kein Deutsch mehr gesprochen und scheint sich auch über etwas Gesellschaft zu freuen. Er fuhr durch ganz Russland bis in die Mongolei und befindet sich nun auf dem Rückweg durch die Ukraine (mehr auf seiner Webseite).

Da der Defender seit der Wellblechpiste etwas wackelig auf den Rädern ist, was sich nun durch viele komische Dinge bemerkbar macht (z.B. plötzliches Dauerhupen, Schlackern im Lenkrad) und Micha auch einiges zu reparieren hat, beschließen wir im nächsten Ort eine Autowerkstatt zu suchen. Zwischen Vinnytsia und Khmelnyzkyi, da wo wir eben sind, werden wir im Örtchen Letychiv fündig. Zufällig gibt es dort auch einen schönen nahe gelegenen See, welchen wir dank Michas Handy ausfindig machen können. Also kaufen wir Fleisch für Schaschlik und genießen bei langen Gesprächen den Abend – wir haben uns sehr viel zu erzählen. Am nächsten Tag nehmen wir unseren vereinbarten Termin in der Autowerkstatt war. Die Autoreparatur lohnt sich: Wir lassen den lockeren Querlenker festziehen und die Folgen eines weggefetzten Stoßdämpfergummis fachmännisch reparieren. Das super nette Mechaniker-Team, welches außerordentlich sauber arbeit, darf am nächsten Tag auch noch Michas Auto in Angriff nehmen.

Nach einem weiteren Abend bei Schaschlik und viel Bier planen wir eine gemeinsame Tour zur rumänischen Grenze, begreifen aber plötzlich, dass der Sommer vorbei ist und wir uns bereits auf den Rückweg begeben sollten. Leider kommt nun ein Abschied, der genauso unerwartet kommt, wie unsere Erkenntnis, dass auf uns zuhause Verpflichtungen warten. Wir legen lange Fahrtage in Richtung Slowakei ein, verlieren bei einer Nachtfahrt ein Fenster, haben zu guter Letzt auch noch Kontakt mit der Polizei. Doch dank Ellens Überredungskünsten und etwas Druck auf die Tränendrüse dürfen wir statt einer unverschämt hohen Strafe zu zahlen einfach weiterfahren. Bis nach Uzhgorod, zur Grenze.

Wieder in Europa

Der Wiedereintritt in die EU als Deutsche verläuft problemlos. Diesmal wollen die Grenzbeamten unser Auto nicht mehr so genau anschauen, wir werden weitgehend durchgewunken. Wir fahren zügig durch zum Hohen Tatra (Höchster Gipfel 2655 m) in der Slowakei und hoffen hier noch etwas die Natur in den Bergen genießen zu können. Wir finden zwar einen guten Ort, der nicht ganz so überlaufen ist von Rentnern mit ihren Caravans, doch leider fällt das Wandern in den Karpaten wortwörtlich ins Wasser. Auf unserer geplanten schönen 3-Tages-Route (2 mal wollen wir in Hütten übernachten) sind wir noch vor dem ersten Stopp bis auf die Unterwäsche durchnässt. Entgegenkommende Wanderer raten uns zur Umkehr, da es auf dem Bergkamm stürmt und hagelt. Nach der dritten Warnung geben wir uns geschlagen und kehren um.

Ein nahegelegener Campingplatz bietet uns Gelegenheit unsere Sachen zu trocknen und uns aufzuwärmen. Wir sind etwas enttäuscht davon, dass wir nicht mehr wandern können und fragen uns, was wir mit der restlichen Zeit noch Sinnvolles anfangen können. Die nächste Station soll in Tschechien sein – der Stausee Lipno, an welchem wir das Jahr zuvor unsere kleine Testreise ausklingen ließen. Dieser soll auch nun für unseren Abschluss der Reise herhalten. Wir durchfahren die Slowakei ausschließlich mit ukrainischem Diesel, weil wir unseren Tank kurz vor der Grenze bis zum Rand befüllt haben. Jedoch vergessen wir irgendwie eine Vignette zu kaufen. 20 km vor der Tschechischen Grenze werden wir von der Polizei angehalten und müssen 50,- € Strafe bezahlen. Mist!

Abspann

Vor unserem Lieblingsort, welchen wir im Jahr zuvor erstmalig erkundet haben, an der westlichen Seite des Stausees Lipno, liegt ein fetter Steinbrocken. Hier können wir nicht mehr ans Ufer fahren. Nach einer halben Stunde, in der wir die Umgebung ablaufen, werden wir doch noch fündig. Eine Stelle mitten im Wald, wo unser geländegängiger Freund uns problemlos hinbegleitet. Das Ufer ist drei Meter weiter. Wir sind ganz allein. Die letzten vier Tage genießen wir die Ruhe – angeln, essen lecker gegrillten Hecht und Brasse, machen sogar einen Bootsausflug und lassen einfach die Seele baumeln. Für Ellens Geburtstag zaubert Jonas noch eine Tafel Schokolade aus dem Ärmel und baut unbemerkt einen Tisch, auf welchem das Frühstückbuffet gedeckt wird.

Langsam wird uns klar, was hinter uns liegt und dass wir jetzt nach Hause fahren. Langsam können wir abspannen, freuen uns sogar ein bisschen auf das „normale“ Leben. Wir treten, wie immer auch mit einem weinenden Auge, den Heimweg an.