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Strandurlaub – nein danke!

Osteuropa 2013

Ein здравствуйте, das noch fehlte.

Inzwischen sind wir schon lange in Deutschland und möchten uns bei all denen entschuldigen, die denken, dass wir unterwegs verschollen sind, für immer in der Kommunismus-Zeitschleife des Ferienlagers gefangen sind oder uns von nun an als Aussteiger auf eigene Faust durch die Welt schlagen. Der besagte Laptop war zunächst hin, so dass wir alle weiteren Beiträge auf die Rückkehr verschoben und danach einfach nicht die Zeit gefunden haben. Aber genug der Ausreden – die fehlenden Berichte werden hiermit nachgeholt!

Krim und der Tourismus

Nachdem wir Ellens Heimatstadt Sewastopol verlassen haben, ging es für uns zunächst ziellos weiter. Richtung Südküste hofften wir einige schöne Stellen zu finden, wo wir die Eindrücke der letzten Tage verarbeiten und wieder mal für uns sein können. Am Fuße der Krimberge herrscht ein subtropisches Klima, die Natur mutet paradiesisch an, das Meer ist wunderschön und sauber – das finden natürlich auch zahlreiche andere Touristen, die aus der gesamten ehemaligen Sowjetunion in Massen anzureisen scheinen. Dazwischen sucht man vergeblich Einsamkeit, wir lassen uns auf einem Auto-Kemping (NICHT zu verwechseln mit Camping!) nähe Alupka nieder, mit dem Ai-Petri (auf diesem Gipfel war Ellen schon mal als Kind) im Rücken und Maschendrahtzaun-Meerblick nach vorn.

Nicht ganz befriedigt von der Umgebung fahren wir am nächsten Tag weiter nach Jalta, die wohl bekannteste Stadt der Krim. Nach einer nervenaufreibenden Parkplatzsuche beschließen wir das Touri-Leben mal auszuprobieren und machen alles, was man mit einem gesunden Menschenverstand normalerweise vermeidet: Wir essen Piroschki von einer Oma auf der Straße und marschieren zum überfülltesten Strand von der gesamten Krim zur Hochsaison. Mit Bauchschmerzen machen wir uns etwas nass, besuchen dann die Toilette des Strandrestaurants und fliehen zurück zum Auto, für eine Portion Immodium akut. Klingt schlimmer als es war – aber noch am selben Tag verlassen wir auch diese Stadt, weil wir glauben alles gesehen zu haben, was es dort zu sehen gibt.

Der Plan ist einfach: So lange weiter an der Küste fahren, bis es rechts (Richtung Meer) abgeht und am Strand übernachten; logisch! Das klappt auch beim zweiten Anlauf: Ein Militärposten, nein, einfach zwei Männer in Camouflage vorm Schlagbaum wollen 100 Grivnen (ca. 10€) von uns, um am „Strand“ des Sanatoriums, welches sie bewachen, stehen zu dürfen. Immer noch fertig mit unserem Touristen-Programm willigen wir ein, legen das Schmiergeld auf den Tisch und fahren runter zum - ähm, vollbetonierten „Natur“-Schwimmbad. Widerliches Essen, schlechte Diskomusik und genervtes Personal, keine Möglichkeit eine Toilette zu benutzen, unhöfliche Zurückweisungen bei jeglichem Anliegen – und alle Reden von Erholung? Das treibt vor allem Ellen beinahe zur Weißglut. Vielleicht wird ja Aluschta besser? Als wir einige braungebrannte Muskelprotze vor kitschigen vergoldeten Skulpturen und Wahrzeichen für ein Foto posieren sehen, finden wir zwar unseren Humor wieder, jedoch nur mit dem Wissen, dass wir uns lediglich mit Vorräten eindecken müssen – wir wollen doch lieber zurück in die Natur.

Wir suchen einen letzten Übernachtungsplatz in der „Zivilisation“, werden von einem Förster alias Eigentümer des Campingplatzes beschimpft und landen wieder auf einem straßennahem Auto-Kemping mit den verschissensten Dixis, die wir je gesehen haben. Darum riecht es aus dem Gebüsch nach Fäkalien! Darauf erstmal ein russisches Bier – Prost. Wir sind fertig mit dieser Welt. Immer wenn wir glauben, dass es keine Steigung der Unhöflichkeiten mehr geben kann, werden wir eines besseren belehrt. Jonas muss froh sein, dass er kein Russisch versteht. Willkommen im Touristenparadies!

Wieder in die Berge - back to nature

Wir biegen von der Straße ab, in einem kleinen Dorf oberhalb von Aluschta. Die Karte zeigt uns, dass hier ein Pfad in die Berge führt. Am Ende der Straße, wo der Wanderpfad beginnt, steht eine Gaststätte, vor welcher einige UAS-Geländefahrzeuge parken. Ellen fragt bei einem der Fahrer nach einem geeigneten Weg für unser Fahrzeug. Total in seinem Element aufgehend, zeichnet er uns eine ganze Route auf und erklärt uns alles ganz genau. Sergej bringt nämlich als Offroad-Führer Touristen mehrmals täglich auf den Berg, somit kann er alle Wege beinahe blind befahren.

Die Krimberge haben eine besonders gute Eigenschaft zum Offroad-Fahren: Nach Südosten fällt das Gebirge steil zum Schwarzen Meer hin ab, nach Nordwesten geht es langsam in eine Steppenlandschaft über. Der steile Aufstieg ist zwar nur für fortgeschrittene, jedoch befindet sich oben ein Plateau, z. B. Demerdschi Jaila (Демерджи Яйла) 1356 m, auf welchem es sehr viel Möglichkeiten gibt, sich offroadmäßig auszutoben. Als wir den Fahrer mitten beim Aufstieg wieder treffen, der übrigens nach uns los gefahren ist und bereits runter fährt, fragt er uns warum wir noch nicht besoffen sind. "Augen zu und durch", ruft er uns zu, "und bloß keine Angst".

Oben angekommen wurden wir mit der schönsten Aussicht belohnt. Hier haben wir das Gefühl Ruhe und tiefe Zufriedenheit wieder spüren zu können. Die ganze Welt da unten mit ihrem Dauerstress, Oberflächlichkeit und Hektik ist wie weg geweht durch die Winde, welche über den Bergkamm Richtung Meer fallen. Wir sind etwas gelaufen, gewandert, begreifen erst langsam, dass wir wirklich hier sind und wollen nun etwas weiter fahren und eine nette Lichtung für unser Lager zu suchen. Als der Defender mit nötiger Vorsicht über einen Hügel klettert, begegnen wir einem anderer UAS-Fahrer, samt seiner Touristen-Truppe, der fälschlicher Weise denkt, wir hätten uns verfahren (Huch, da sind wir aus Versehen auf einen Berg gefahren?). Hilfsbereit und engagiert will er uns aus dieser misslichen Lage befreien, indem er uns freundlich zwingt ihm hinterher zu fahren. Da wir nach einer üblen Verschränkung der Achsen ein unerklärliches Kreischen vernehmen, machen wir uns auch etwas Sorgen und folgen ihm eine Weile bereitwillig in einem Wahnsinns-Tempo über Hügel, Gräben, Stock und Stein. Immer wenn wir stehen bleiben, steigt er aus dem Auto und winkt uns hastig hinter sich her – seine Passagiere wollten ja schließlich auch runtergebracht werden. Bei einem Aussichtspunkt können wir ihn mit aller Überredungskunst doch noch davon überzeugen, dass wir oben bleiben wollen und sehr zufrieden sind mit unserem Leben –  jepp, ganz allein. Dass wir nicht glauben, dass hoch oben auf dem Berg irgendwelche russischen Jungs mit Schraubenzieher und Hammer unsere Reifen abmontieren kommen, wollte er nicht recht begreifen. Die Frage nach den Wölfen verstehen wir als einen Witz und können ihn so zum Weiterfahren bewegen. Ohne uns. Danke trotzdem!

Als wir am nächsten Tag, nun völlig losgelöst von den Strapazen, den Krim-Weißkopfadler mit seinen Jungen in den Felsen beobachten, kommt er nochmal, um nach uns zu schauen. Wir sind entgegen seiner Erwartung zufrieden und bester Laune, deswegen dürfen wir unseren eigenen Abstieg fahren. Alleine. Danke nochmal!

Durch diese konfuse Situation haben wir jedoch völlig vergessen, dass wir eigentlich in den Bergen bleiben wollen und fahren versehentlich runter. Versehentlich haben wir uns auch beim Abstieg durch das herabführende Labyrinth nicht verfahren und sind in einem netten Haus eines Försters von dem Waldgebiet Bukowij Kardon gelandet. Er und seine Frau Lena laden uns sofort zum Essen ein. Das ist eine der wenigen netten Unterhaltungen, seit dem wir in das Touristen-Gebiet Krim gefahren sind. Sie erzählen ein wenig über ihr Leben und den Wald, welchen sie hegen und pflegen und geben uns frische Ziegen- und Kuhmilch (vom gleichen Morgen) zum Kosten. Wir sind den beiden so dankbar und sind etwas traurig darüber, dass wir es ihnen nie zurückgeben werden können. Irgendwie haben wir uns zu schnell verabschiedet.

Erneut versuchen wir in die Berge zu kommen (Tschatirdag/Чатырдаг, 1527 m), doch auch das soll nur von kurzer Dauer sein. Außer der Besuch einer zugegeben beeindruckenden Tropfsteinhöhle soll es nichts mehr mit uns und den Bergen werden. Über Simferopol, Bilogorsk und Feodosya fahren wir schließlich zu dem Nationalpark Kazantip, ganz am anderen Ende der Krim, zum Asowschen Meer.