500 Tage unterwegs - wo bleiben denn die Abenteuer?

Genau seit heute haben wir eine ernstzunehmende Zeit auf Reisen verbracht: seit nun 500 Tage durchstreifen wir den Osten. Doch anstatt sich im ältesten Dschungel der Welt vor handtellergroßen Wespen zu verteidigen, sitzen wir gemütlich in einem sauberen Hostel in der Nähe von Kuala Lumpur, nutzen eine sagenhafte Internetverbindung und die kühle Brise einer Klimaanlage, um zu arbeiten. Sollen DAS etwa die einmaligen Erlebnisse eines Weltreisenden sein?

Warum lesen wir nichts von aufwendigen Autoreparaturen und feinster Buschmechanik aus der Pampa? Wann werden denn endlich die höchsten Vulkane bestiegen und die weitesten Wüsten durchquert? Wieso erfährt man nichts über lustige Stammesrituale indigener Völker oder peinliche Verständigungsprobleme in Auslandien? Wo bleiben denn die ganzen Abenteuer? – hören wir unsere Leser still und heimlich jammern, wenn wir uns die letzten Berichte erneut zu Gemüte führen. Einmal ausgeraubt in 1,5 Jahren, das kann doch wohl nicht alles sein!

Zu Ehren dieser runden Zahl kommen wir, wie es aussieht, nicht umher die vergangenen Reiseetappen Revue passieren zu lassen und uns in diesem Zuge zu fragen:

Was machen wir hier eigentlich?!

Unsere Anfahrt nach China war bekanntermaßen gehetzt. Damals haben wir noch über wunderschöne Märchenlandschaften und faszinierende Entdeckungen berichtet. Dann kam China, der anstrengendste Teil unserer bisherigen Reise, während welcher wir in einer Gruppe aus fünf Fahrzeugen mit Sehenswürdigkeiten überfüttert worden sind. Wohlmöglich hatte dieser Reiseabschnitt zu Folge, dass wir uns in Südostasien ein bisschen verloren haben. Dennoch war noch alles recht faszinierend: die Märkte, die Gassen, die Kleinigkeiten, die ja doch so ganz anders bei uns sind. Doch nach nun mehr als einem Jahr Asien ist für uns vieles normal geworden. Unsere persönliche Faszinationsfähigkeit scheint abgeflacht zu sein.

In unserer Bildergalerie findet ihr die letzten verschissenen Toiletten im Album Russland, keine überfüllten Lastwägen oder fünf Personen auf einem Roller mehr. Tatsächlich kramen wir hierfür nur noch selten die Kamera raus. Wir berichten nicht über die hygienischen Zustände der Straßenstände, in denen wir täglich essen. Die Kanalisation bleibt unerwähnt. Ihr könnt euch vermutlich nicht vorstellen was für uns inzwischen ein vertrauter Alltag ist. Sicher würden euch so viele Dinge einfallen, über die es zu berichten lohnen würde, welche für uns schon zur Normalität geworden sind. Vielleicht sind die Blogs von Reisenden, die zeitlich begrenzt reisen viel spannender, weil sie die Faszination über die alltäglichen Dinge hier nicht verlieren? Wir jedenfalls entdecken gerade erst, was es tatsächlich für uns bedeutet auf einer so langen Reise zu sein.

Wie man die Reisemüdigkeit überwindet uns was danach kommt.

Ein guter Freund hat uns letztens gefragt, ob wir den Reiseblues haben. Wir sollen schnell in ein anderes Land reisen, zum Beispiel Australien, da würde schon alles besser werden, sobald wir etwas Neues entdecken können. Doch Neues ist nicht mehr das, was uns treibt. Wir wollen nicht mehr von Abenteuer zu Abenteuer hetzen. Es macht schnell müde sich von Höhepunkt zu Höhepunkt zu hangeln. Das springen von „mehr“ zu „weiter“ ist dennoch nicht so einfach weg zu legen. Denn schnell stellt sich die Frage: „Und was wollen wir dann?“. Das ist der vermeintlich endlose Moment der Reisemüdigkeit, der uns für einige Zeit in seinen Klauen hielt.

Was wir festgestellt haben ist, dass die Überwindung dieser Reisemüdigkeit nicht darin besteht eine lange Pause einzulegen, um danach weiter machen zu können, wie bisher. Oder die Umgebung zu ändern, die einem zu einer kurzzeitigen Euphorie verhilft. Nein, die Reise selber muss sich verändern. Wir müssen uns verändern.

Anstatt über die kulturellen Abnormalitäten zu Staunen, finden wir Freude in den kleinen Dinge des Lebens. Ein Cappuccino mit Freunden. Ein schöner Wanderweg in den kühlen Bergen. Etwas Ruhe und Entspannung nach getaner Arbeit. Eigentlich so wie zuhause. Statt zu entdecken, erleben wir – einfach dadurch, dass wir irgendwo sind. Es ist keine Reise, die nach bestimmten quantitativen Kriterien gewertet wird, welche es zu erreichen gilt. Unsere Reise ist weiterhin eine riesige Entdeckungstour, die wir von Herzen genießen, aber sie ist nicht mehr so spektakulär. Sie hat sich entwickelt zu einem Sein in der Welt. Und erst jetzt begreifen wir langsam, dass wir uns nicht beeilen müssen, um irgendetwas zu erreichen. Wir müssen nicht irgendwo ankommen.

Vermutlich ist auch das lediglich eine Übergangsphase zu einer anderen Einsicht. Wo es letztendlich hingeht, wird sich noch heraus stellen. Vermutlich werden wir uns die Fragen nach dem Sein und dem Wohin immer wieder stellen. Und die neuen Abenteuer? Die kann man nicht erzwingen. Sie kommen, früher oder später, ganz sicher von alleine zurück. Und erst dann werden sie uns richtig überraschen. Solange leben wir einfach unterwegs und bleiben offen für alles, was kommt.