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Ende gut, alles gut – Teil 1: Bali

Indonesien, Singapur

Asien 2014-2016

Sage und schreibe 700 Tage mussten vergehen, bevor wir unser letztes Ziel in Südostasien erreichen: Bali. Doch erst ganze Viereinhalb Monate später werden wir Asien endgültig verlassen. Einige organisatorische Dinge stehen für uns währenddessen auf dem Programm. Rückblickend betrachtet rückt die Bürokratie allerdings dramatisch in den Hintergrund, wenn wir uns an all die tollen Begegnungen in dieser Zeit erinnern. Den Abschluss unserer Asienreise markieren wie so oft ganz besondere Menschen.

Ebenfalls haben uns einige gefragt, warum wir in Bali halt machen, Indonesien nicht bis zum Ende fahren, bis nach Osttimor. Obwohl wir natürlich keinem eine Erklärung für unsere Entscheidungen schulden, möchten wir hier einige Beweggründe lossprechen. Mehr als zwei Jahre sind wir nach Australien unterwegs. Viele Reisende haben die selben Kilometer in weniger als einem Jahr runter gerockt. Wir dagegen sind im Verlauf unserer Reise offenbar zu Schildkröten geworden, haben unser persönliches Tempo gefunden, unsere Art zu reisen entdeckt – eine die uns Spaß macht, aber womöglich nicht das Patent-Rezept für Jedermann ist. Nach der intensiven Zeit in Sumatra und Java haben wir das Gefühl, dass wir genug haben. Wir sind bereit, ein neues Kapitel aufzuschlagen und  dieses hier, Asien, bewusst abzuschließen.

Die „verpassten“ Ziele werden wir sicherlich ein anderes Mal nachholen. Andererseits – was verpassen wir denn schon? Mehr faszinierende Landschaften, mehr schlechte Straßen, mehr Abenteuer? Wir haben doch schon so viel gesehen. Auf der stetigen Suche nach mehr, bleiben da nicht manchmal die Dinge auf der Strecke, die genau dort zu finden sind, wo man gerade ist? Tiefe Begegnung statt flüchtiges Kennenlernen, mit einem Ort, mit den Menschen. Beides hat zur gegebenen Zeit gewiss seinen Reiz. Zwei Waagschalen, zwischen welchen jeder seine eigene Balance finden muss. An diesem Punkt unserer Reise entscheiden wir uns für's Bleiben.

Hallo Bali!

Auf der Suche nach einer Agentur, die unsere bevorstehende Verschiffung organisieren soll, haben wir einige Reisende angeschrieben und nach Auskünften gefragt. Einer von ihnen, Rufus, hat uns mit Infos ausgeholfen und noch mehr: „Übrigens, meine Mutter lebt gerade auf Bali. Sie hat dort ein Haus gemietet und ihr seid herzlich eingeladen bei ihr zu wohnen!“ – Wow! Solch eine Hilfsbereitschaft haben wir nicht erwartet. Vielen Dank, unbekannter Freund! Natürlich lassen wir uns die Gelegenheit nicht entgehen: Susa's Haus wird unser erster Stopp in Bali.

Susa ist eine taffe Frau. Auf den ersten Blick ist sie uns sympathisch: coole Dreads, ein weites Lächeln und ein bisschen Rock'n'Roll im Blut. So holt sie uns auf ihrem Crossbike ab, während wir unbeholfen auf dem Parkplatz vor dem Indomaret auf sie warten. Susa's Lebensfreude ist ansteckend, durch ihre lockere Art fühlen wir uns sofort wie unter Freuden. Bis spät in die Nacht sitzen wir an diesem Abend am Pier des touristisch beliebten Lovina Strandes in Bali's Norden, trinken Arak (Indonesiens Schnaps) und unterhalten uns über das Leben und die Welt. Was für ein besonderer Start in unsere Bali-Erfahrung.

Aus „Vielleicht bleiben wir eine Nacht“ werden schnell zwei Wochen. Inzwischen haben wir Susa's kompletten Freundeskreis kennen gelernt. Ganz anders, als der Durchnitts-Expat (als Expats bezeichnet man Ausländer aus der westlichen Welt, die in Dritte-Welt-Ländern leben), pflegt sie ausschließlich Kontakt zu Locals, versucht ihre Sprache zu lernen und sich anzupassen. Deswegen wird sie in ihrem indonesischen Freundeskreis sehr respektiert. Die balinesischen Jungs singen beinahe Loblieder auf sie, und wir verstehen nur zu gut warum. Schon so oft sind uns Expats begegnet, die seit Jahrzehnten in Asien leben und sich einfach nur abkapseln. Susa ist das Paradebeispiel dafür, dass es anders geht, wenn man will  – und das man seine westliches Denkweise für nicht all zu wichtig nehmen muss.

Candidasa's Traumstrände?

Dann wird es Zeit für uns weiter zu ziehen. Wir haben uns mit Laura und Chris an der Ostküste Bali's verabredet. Unsere Lieblingsfreunde haben wir zum letzten Mal vor über einem Monat auf Java gesehen. Nun haben sie Besuch von Freunden aus Holland und wir wollten dem üblichen Touristenleben für eine kurze Zeit beiwohnen. Die Gegend um Candidasa, einst bekannt für ihre Traumstrände, hörte sich für diesen Zweck auch sehr verlockend an. Doch leider ist Candidasa ebenso ein Beispiel für Fehlinvestitionen in Bali's Tourismusindustrie.

Nachdem immer mehr Touristen in diese attraktive Gegend kamen, beschloss die Regierung die Piste dorthin zu einer richtigen Straße aufzuwerten. Für den Bau wurden größtenteils Sand und Gestein aus eben diesem Ufer verwendet, der für die hohe Nachfrage sorgte. Am Ende war der schöne Strand  verschwunden. Die erhofften Touristenströme blieben aus. Nun buhlen die vielen, beinahe leerstehenden Hotels, Ressorts und Restaurants um die wenigen Besucher. Und da die Betreiber mehr Einnahmen von den wenigen Kunden erwirtschaften wollen, schellen die Preise in die Höhe. Mit Angeboten locken nur die großen Hotelketten, die sich Personal mit einer volkswirtschaftlichen Ausbildung leisten können (meistens aus dem Westen). Es folgen Neid, Ausländerfeindlichkeit und eine aggressiv gefrustete Stimmung, die sich auf den Umgang mit uns Besuchern niederschlagen.

Eine interessante Geschichte, aus welcher man lernen könnte? Nicht unbedingt. Der Norden Bali's ist bei Pärchen im Flitterwochen-Urlaub sehr beliebt, da es dort ruhig und romantisch zugeht, im Gegensatz zu dem überlaufenen Süden. Nun plant die Regierung einen zweiten Flughafen dort zu  errichten, um eine bessere Infrastruktur für die Touristen zu schaffen. Kann da etwas schief laufen? Wir jedenfalls werden die Entwicklung mit einer großer Spannung verfolgen.

Aber keine Angst, natürlich haben wir auch hier, in Candidasa, ein idyllisches Plätzchen gefunden. Ein Traumhaus im traditionell erbauten balinesischen Stil, am Rande eines von Palmen durchzogenen Garten, wird für ein paar Tage unser Rückzugsort und Zuhause. Und in Gesellschaft guter Freunde ist es sowieso egal, wo man gerade ist, nicht wahr? Zusammen haben wir eine schöne Zeit, führen viele interessante Gespräche und machen sogar einen Schnorchel-Ausflug, als Vorspeise für ein etwas größeres gemeinsames Abenteuer.

Kos 168

Es steht schon länger fest: wir fliegen nach Flores für einen Bootsausflug im Komodo-Nationalpark.  Laura und Chris empfehlen als Parkmöglichkeit ihre Dauerbleibe in Jimbaran: ein Motel für Langzeitmieter mit spektakulär günstigen Monatspreisen, das Kos 168. Da wir nach dem Flores-Ausflug noch sehr viel am Computer arbeiten müssen, reservieren wir dort direkt ein Zimmer für unsere Rückkehr und dürfen in der Zeit unserer Abwesenheit einen Parkplatz belegen. Und schon steigen wir hoch in den Himmel mit einer etwas zwielichtigen Fluggesellschaft. Hier kannst du nachlesen, was wir in Flores erlebt haben: „Ein Ausflug zum Komodo Nationalpark“

Als wir wiederkommen, legen wir mal wieder eine Pause vom Reisen ein. Nicht nur dass wir viel arbeiten müssen, auch scheint es genau die richtige Zeit zu sein, um sich von den Touristenmassen zu verstecken. Denn mittlerweile ist es August, die Hauptsaison. Bali's Flughafen läuft heiß, die Hotels sind ausgebucht, die Straßen überfüllt – und die Verkäufer aggressiver denn je. So viel wie möglich versuchen sie aus den Urlaubern zu quetschen, um die spätere Touristen-Dürre zu überbrücken. Die weiße Haut wird zum Sinnbild für Dollarzeichen. Wie gesagt, schon sehr lange reisen wir in Asien und reagieren auf diese Gegebenheiten inzwischen allergisch.

Wie schön dagegen, dass in Kos Indonesier und Westler zusammen leben, ohne irgendwelche Erwartungen aneinander zu stellen. Zugegeben, das Motel ist kein besonders einladender Ort (abgesehen von dem niedrigen Preis), doch irgendwie scheint es dafür sonderbare Mieter nur so anzuziehen. Diese markanten Charaktere haben sich in unser Gedächtnis gebrannt.

Unser Nachbar, zum Beispiel, ist ein indonesischer TV Star. Seit seiner Jugend hatte er in einer der beliebtesten indonesischen TV-Serien mitgespielt, mit über 3000 Episoden. „Ich verstehe euch vollkommen. Wenn ich auf den Markt gehe, kennt mich jeder, alle wollen ein Selfie mit mir. Geht es dann ums Kaufen, schlagen sie plötzlich das Dreifache drauf. Bin ich Bule (=Ausländer) oder was? Sie denken eben, ich bin reich.“ Wir besuchen ihn oft in der Bar, wo er tolle Livekonzerte organisiert.

Ein Zimmer weiter wohnt Daisy, eine junge Transgender-Frau aus Sulawesi. Dabei stammt sie aus einem streng muslimischen Haus. „Ich habe zu meinem Vater gesagt, dass ich heiraten könnte, wenn er will, eine Familie gründen. Aber dann würde ich eine Lüge leben, viele Affären mit Männern haben, mich abends als Frau verkleiden. Weil ich mich nicht ändern kann. So hat mich Gott erschaffen! Inzwischen akzeptiert er mich so wie ich bin, […] vermutlich weil ich gutes Geld nach Hause bringe.“ Eine starke Persönlichkeit muss man haben, um sich in dieser Welt durchzusetzen. Wir sind ziemlich beeindruckt!

Ansonsten machen wir in dem Monat nur wenige Ausflüge, zu hektisch ist uns die Welt außerhalb von Kos. Auch wenn der Süden Bali's für uns als kein besonders schöner Aufenthalt in Erinnerung bleibt, so doch zumindest ein interessanter.

Ubud – Bali's Zentrum für Kunst und Kultur

Nach dem Monat im Kos brauchen wir zur Abwechslung etwas schönes für die Augen und ziehen deshalb für einige Wochen in das kulturelle und spirituelle Zentrum Bali's, nach Ubud. Unser kleines aber feines Apartment ist diesmal ein traumhafter Ort zum arbeiten, denn die Aussicht auf den kleinen Dschungel von unserer privaten Terrasse ist einfach eine Augenweide. Insgesamt ist Ubud einfach schön, egal wohin man auch blickt. Überall entdeckt man liebevoll gestaltete Cafè's und Restaurants. Veganes Essen, Rohkost und alles andere, was das Herz eines Bio-Liebhabers begehrt, überflügeln die Speisekarten.

Neben dem Arbeiten nehmen wir uns diesmal auch einige Sehenswürdigkeiten vor, wie den Monkey-Forest oder die balinesischen Tanzvorführungen am Lilien-Tempel. Bei unserer kleinen Tagestour durch die Berge geraten wir jedoch an eine Touristen-Attraktion, dessen aufdringliche Verkäufer uns den letzten Nerv rauben, so dass wir diese gar nicht erst anschauen. „Ich habe es satt, ich will nichts mehr sehen!“ – Ellen stehen die Tränen in den Augen. Der ganze Touristenwahnsinn macht uns inzwischen deutlich zu schaffen. Auch das ist Asien. Man kann eine Zeitlang die Nerven bewahren, ein paar Wochen, auch Monate; aber zwei Jahre? „Ihr müsst euch noch unbedingt diesen Tempel anschauen, und die Reisterrassen“, hören wir von anderen Touristen. Natürlich wollen wir auch keinem den Enthusiasmus nehmen: „Hört sich gut an, machen wir morgen, vielleicht...“

Stattdessen genießen wir es einfach durch die Straßen zu schlendern, die hinduistisch geprägte Architektur zu bestaunen und die friedliche Atmosphäre zu atmen. Irgendwie wohnt hier tatsächlich eine besonderer Zauber inne, ob man daran glauben will oder nicht. Übrigens ist unser Gastgeber, Budi sein Name, zufällig der spirituelle Führer Ubud's persönlich (kein Scherz). Er erzählt uns, wie einst indische Priester den Hinduismus nach Bali trugen, wo sich dieser mit bestehenden Traditionen vermischte und seine eigene, persönliche Ausdrucksform bildete. 90% der Bevölkerung Bali's gehören dem einzigartigen Glauben an. Bis heute sind die Menschen stark darin verwurzelt, was man an den vielen Festen, Feiern und täglichen Riten beobachten kann.

Diese gelebten Traditionen, das Streben nach Harmonie, sowie ein starkes Gemeinschaftsdenken zeichnet den balinesischen Glauben aus, auch wenn sich vieles durch den Tourismus und die Vermischung von Ethnien verändert hat. Insbesondere Ubud hat sich den Spirit bewahren können, erzählt uns Budi: „Im Norden haben sich inzwischen viele Moslems angesiedelt, dort ist es anders“ – flüstert er uns fast zu, obwohl wir alleine sind. „Kennst du dort jemanden persönlich?“ „Naa, die sind alle so rüpelhaft.“ „Hm, wenn du meinst.“ – die Menschen, die wir im Norden kennen gelernt haben, waren eigentlich klasse. Budi ist trotzdem ein echt netter Typ, auch wenn er Vorurteile hat.

Visarun nach Singapur

Langsam laufen unsere Social Budaya Visa aus, welche die letzten drei Monate automatisch von einer Visa-Agentur verlängert worden sind. Nun ist es vorbei mit den Verlängerungen, ein halbes Jahr ist die maximale Aufenthaltsdauer. Kaum zu glauben, dass wir schon so lange in Indonesien sind. Der Visa-Stempel zeigt zufällig Ellen's Geburtstag als spätestes Ausreise-Datum. Und was macht man am liebsten an seinem Geburtstag? Natürlich einen Visarun!

Wir fahren wieder zurück zu Kos – dieses verflucht praktische Kos – um die Entfernung zum Flughafen weitgehendst zu minimieren und auch deswegen, weil Laura und Chris endlich von ihrem Europa-Urlaub zurück gekommen sind. In diesem Zuge möchten wir sie selbstverständlich wiedersehen. Einige Tage später sitzen wir im Flugzeug nach Singapur. Unser Auto haben wir am Flughafen geparkt, denn wir wollen noch am selben Abend mit einem „Visa on Arrival“ wiederkommen.

Jonas hat inzwischen seinen Pass gewechselt, Ellen's dagegen ist voll mit Stempeln bestückt, was die strengen singapurischen Beamten stutzig macht. Sie wird als erstes raus gezogen und befragt. „Aber ich habe doch Geburtstag!“ „Oh, herzlichen Glückwunsch. [Pause] Und was machen Sie, wenn die Indonesischen Beamten Ihnen kein Visa on Arrival ausstellen? Können Sie sich ein Flug in ihr Heimatland leisten?“ „Ja, ich bin reich!“ „Dann einen schönen Aufenthalt.“ – So einfach kann's gehen!

Wir laufen ein paar Stunden durch den berühmten Marina Bay Park und machen auch einige Fotos von der Skyline. Gucci, Prada, Armani und ähnliche Geschäfte dominieren die Shopping-Meilen. Alles ist perfekt, sauber und irgendwie verstörend leise – zu groß ist der Kontrast zu unserer täglichen Routine in Bali. Einen halben Tag fotografieren wir einfach nur Verbotsschilder. Dann fliegen wir zurück in unser chaotisches, aber inzwischen doch so sehr vertrautes, temporäres Zuhause.

Zurück in Bali verbringen wir den Geburtstags-Abend mit Laura und Chris in einem tollen italienischen Restaurant und versuchen uns gemeinsam darauf zu besinnen, wie viel Glück wir doch haben, so erfüllte Jahre leben zu dürfen.

Fortsetzung folgt...

 

P.S.: Wer mehr über die Visa-Bestimmungen etc. wissen möchte, hier haben wir einen kleinen Exkurs darüber verfasst: "Aufenthalts-Bestimmungen in Indonesien für Overlander"