Eigentlich wollten wir weiter der Küstenlinie von Peleponnes folgen, zunächst runter bis zur Spitze des Zeigefingers, und dann immer weiter nach Kalamata. Nun befinden wir uns auf dem halben Weg dorthin, genaugenommen in der Nähe von Leonidio. Die Gegend besticht mal wieder durch ihre typisch-idyllischen Kiesbuchten mit azurblauem Wasser, die sich aufgrund ihrer Abgeschiedenheit perfekt zum Freistehen eignen.

Leider verspricht der Wetterbericht immer mehr Unwetter in geplanter Fahrtrichtung – anscheinend haben wir einen außergewöhnlich verregneten Winter erwischt. Dem Regen wollen wir jedenfalls nicht hinterherfahren, und beschließen unseren Plan lieber auf Frühjahrsmonate zu vertagen, denn… uns zwingt ja keiner zu irgendwas! Also drehen wir vorerst wieder um, zurück auf die Sonnenseite von Peleponnes.
Mehr als ein Grund zum Entschleunigen
Siga Siga – mit diesen Wörtchen hat der letzte Teil unseres mehrteiligen Griechenland-Berichts aufgehört. Doch was bedeuten sie? Übersetzen kann man den Ausdruck nur sinngemäß, etwa mit „langsam, langsam“ oder „immer mit der Ruhe“. Im Alltag hören wir ihn häufiger als eine Aufforderung sich zu entspannen und keinen Stress zu machen.
Die Phrase ist jedoch nicht nur eine Redewendung, sondern ein griechisches Lebensprinzip, nach dem man lieber einen Gang runter schaltet, anstatt durchs Leben zu hetzten. Dieses Prinzip nehmen wir uns zu Herzen, indem wir ein gemütliches Plätzchen zum Bleiben finden, anstatt unseren Plänen hinterher zu jagen, die scheinbar nicht so gut zu den gegebenen Umstanden passen.
Gedacht haben wir dabei an eine Wohnung. Denn auch wenn wir nicht mehr sesshaft sein möchten, heißt es nicht, dass wir den Komfort einer festen Bleibe nicht genießen können. Im Gegenteil, ich finde es faszinierend mal hier mal dort eine Weile zu wohnen und dabei in eine völlig neue Lebensrealität einzutauchen. Und gerade deshalb, weil wir in Deutschland keine Wohnkosten mehr haben, können wir uns irgendwo vor Ort kurzentschlossen ein Apartment gönnen. Ohnehin stehen die meisten Ferienwohnungen im Winter leer und werden deshalb gerne zu fairen Monatspreisen vermietet. Wir haben sogar bereits einen dafür passenden Ort im Sinn.


Einmal Aufladen bitte – Unsere Auszeit auf der Insel Poros
Als wir während unserer Daumen-Rundreise die Insel Poros besucht haben, dachte ich sofort: „Hier könnte ich mir vorstellen eine Weile zu wohnen“. Und warum auch nicht?! Die malerische und deshalb eigentlich sehr touristische Insel ist zurzeit in einer Art Halb-Winterschlaf: Im gleichnamigen Städtchen geht es angenehm ruhig zu, gleichzeitig sind noch ein paar Restaurants geöffnet, sowie Bäckereien und Lebensmittelläden. Drumherum gibt es viel Natur, durchzogen von ausgedehnten Wanderwegen. Außerdem geht von der Insel eine Fähre direkt nach Piräus, nahe Athen. Vielleicht kommt ja dank der unkomplizierten Flughafenanbindung sogar jemand zu Besuch?
Wir finden etwas abseits davon eine nette Apartmentanlage und reservieren bis Anfang März eine Wohnung mit 2 Schlafzimmern, einer voll ausgestatteten Küche und einem großen Wohn- und Essbereich. Auch ein riesiger Balkon mit Meerblick ist inklusive, von dem aus wir auf eine romantische Bucht blicken, wo einige Segelschiffe ankern. Ich wollte ja schon immer mal am Meer wohnen! Jetzt machen wir es einfach – und das vollständig ohne Verpflichtungen. Ich finde es nämlich beruhigend zu wissen, dass selbst das Sofa hier nur gemietet ist! Wenn die Zeit vorüber ist, räumen wir unsere Sachen zurück in den Camper und ziehen los, als wäre nichts gewesen.







Poros wird für uns jedenfalls zum perfekten Standort, um die „kalte“ Jahreszeit auszusitzen und zu arbeiten. Jonas hat neue Projekte am Laufen, während ich an der Buchgestaltung von Into The Far weiterarbeite. Unser Alltag ist derweil recht eintönig, doch genau das brauchen wir gerade. Wir laufen immer die gleichen Wanderwege mit immer denselben Aussichten, die doch jeden Tag etwas unterschiedlich erscheinen. Schnell finden wir unser Stammlokal, in dem wir wochenends gerne essen gehen. Und erleben es als angenehm, dass selbst die Minimarkt-Verkäuferin schon bald unsere Einkaufsroutinen kennt. Nennt man nicht genau das ein Zuhause?
Zuhause ist auch dort, wo dich Freunde besuchen können. So haben wir nicht ohne Hintergedanken eine so große Wohnung gemietet. Zu Anfang teilen wir sie uns mit Katrin, die beschlossen hat das Jahr mit einer Griechenland-Reise zu starten und dabei etwas Kraft und Ruhe zu tanken. Gleich mehrere Wochen verbringen wir am Ende mit Gregor und Oje, und machen es uns in dieser Zeit zur Gewohnheit allabendlich von unserem Balkon die spektakulären Sonnenuntergänge anzuschauen.



Auch zwischen den Besuchen wissen wir unsere Luxus-Bleibe zu schätzen. Während des gesamten Winters ziehen nämlich einige Gewitter vorüber, die wir jedoch gemütlich in unserer Bude aussitzen und dabei viel Platz zum Ausbreiten haben. Das alles hilft uns sehr unsere innere Batterie aufzuladen – und überhaupt zu begreifen, wie sehr das nötig war. So gehen im Nu zwei Monate vorbei.
Frühlingserwachen in bester Gesellschaft
So kalt sind die griechischen Winter eigentlich gar nicht. Tagsüber fielen die Temperaturen nur selten unter 15 Grad, doch sobald die Sonne schien – und das tat sie in Poros häufiger – fühlte es sich sofort nach T-Shirt-Wetter an. Nun beginnt im März sichtbar das Frühlingserwachen. Es machen immer mehr Läden und Tavernen auf. Auch die Leute verbringen immer mehr Zeit draußen – bevor die Hitze des nahenden Sommers sie wieder nach drinnen, in klimatisierte Räume, treibt.
Wir sagen unserem Überwinterungsquartier Lebewohl und ziehen weiter, indem wir zunächst ein paar von unseren Lieblingsstellplätzen abklappern. Dort haben wir das Gefühl, immer wieder den gleichen Nasen über den Weg zu fahren. Ganz besonders bleibt uns die Begegnung mit einem Weltenbummler-Pärchen in Erinnerung. Denn mit Andi und Mira waren wir zur gleichen Zeit in Laos. Auch wenn wir uns damals nicht begegnet sind, kommt es uns vor, als kennen wir sie trotzdem seit einer Ewigkeit.
Kurze Zeit später landen wir schon in „unserer“ malerischen Traumbucht, wo wir Silvester gefeiert haben. Von hier aus wollen wir die verschobenen Pläne nachholen, aka immer weiter in Richtung Kalamata fahren. Das haben sich auch Nina und David vorgenommen, die wir ebenfalls schon einmal getroffen haben, und zwar auf unserer Lieblingswanderung in Poros. Schnell stellt sich heraus, dass wir mit den beiden einen identischen Reisemodus haben, nämlich den von Schildkröten.



Als Schildkröten auf Peleponnes
Zunächst passen wir auf ihren Hund Paco auf, während die beiden nach Berlin zu einem wichtigen Termin verreisen. Macht ja nichts, in dieser Gegend lohnt es sich ohnehin länger zu bleiben, außerdem ziehen mal wieder einige Gewitter vorüber, die es auszuharren gilt. Als David und Nina zurückkommen, bleiben wir noch ein wenig am Sportparkplatz von Kyparissy kleben, wo wir die ersten richtig warmen Tage des Jahres auskosten und endlich wieder im Meer schwimmen. Praktisch, nach einem ausgiebigen Sportprogramm – von diesem perfekten Standort können wir uns kaum losreißen.

Danach ergibt es sich quasi von selbst, dass wir die kommenden Etappen zusammen reisen. Bzw. reisen wir weniger, sondern leben vielmehr eine Weile immer dort, wo wir gerade parken. Zumindest werden genau solche Orte, wo wir unbekümmert Zeit zusammen verbringen, zu unseren eigentlichen griechischen Highlights. Ja, wir besuchen auch Monemvasia, die berühmte Mittelalterstadt – doch viel präsenter bleibt uns die gemeinsame Zeit eine Bucht weiter, die wir mit ausgiebigen Kocheskapaden, Gesellschaftsspielen und Wanderungen verleben.








Auch den Versteinerten Wald an der Zeigefingerspitze hacken wir von unserer Sightseeingtour doch noch ab – erinnern uns aber vielmehr an unsere Lagerfeuerabende an diesem netten Strand mit Taverne unweit davon. Dort bleiben wir eine ganze Woche und unternehmen eigentlich kaum etwas, außer täglich zu schnorcheln. Auch unser Geldbeutel dankt es uns in all der Zeit. Ernsthaft, in den letzten Monaten haben wir höchstens zwei Mal getankt! Und seit Poros kaum Geld für Campingplätze ausgegeben.




Ist es nicht komisch? So viele Leute haben wir getroffen, die in lediglich ein paar Wochen ganz Peleponnes umrunden. Wir dagegen sind schon ein halbes Jahr vor Ort und haben es nicht mal nach Kalamata geschafft! Wir kommen einfach nicht von Fleck, dabei sind die Distanzen lächerlich gering. Und das ist wohl auch unser Problem: Nicht mal eine Stunde von hier gibt es schon das nächste sehenswerte Ziel, nämlich das Schiffswrack bei Gytheo. Als wir in der Taverne vor Ort für ein Kaffee Platz nehmen, wird daraus erneut ein längerer Abend mit Gesellschaftsspielen, denn zwischen den Zielen will man schließlich auch leben…
Ziel vs. Richtung
Nachdem wir unsere Versorgungsfahrt nach Gytheo absolviert haben, finden wir im Anschluss erneut den perfekten Freistehplatz. Von hier aus ist Kalamata nun wirklich nicht mehr weit. Doch dieses Zeil werden wir auf dieser Reise nicht mehr erreichen. In ein paar Tagen kommt nämlich meine Mutter zu Besuch. Plötzlich müssen wir uns sogar beeilen, um sie rechtzeitig vom Flughafen in Athen abzuholen.
Auch für danach haben wir bereits andere Pläne. Jedenfalls drehen wir von hier gen Norden ab, diesmal ohne Nina, David und Paco. Das Gefühl aber, wir wären weiterhin unterwegs nach Kalamata, das bewahren wir uns lieber noch eine Weile. Denn irgendwann – da sind wir uns sicher – kommen wir dort bestimmt noch an. Es sind nur mehr Umwege dazu gekommen, als ursprünglich geplant.


Ach, was sind schon Pläne?! Kalamata betrachten wir inzwischen als Codewort für unser neues Leben, dem wir vor Kurzem erst eine neue Richtung gegeben haben. Wir haben einfach gelebt, ohne zu hetzen – und ein neues Lebensgefühl gewonnen… Ob wir dabei ein Ziel erreichen, bleibt erstmal zweitrangig, solange auf dem Weg dorthin gute Dinge passieren. Dann wissen wir, dass unsere Richtung stimmt. Und das ist in letzter Zeit definitiv so gewesen.
Und wohin bist DU gerade unterwegs?